Die Kirchenreform bei den Tieren Eine Fabel Als die Tiere noch eine Kirche hatten, war der Verkündigungsdienst, die Gemeindearbeit und die Seelsorge eine reine Herzensangelegenheit. Jeder trug zum Gedeihen und Leben des Ganzen bei, was er seinen Talenten nach geben und seinen Kräften nach leisten konnte. Die Nachtigallen erfreuten bei den Gottesdiensten mit ihrem herrlichen Gesang. Die Papageien und Frösche verkündigten von den Kanzeln und Pulten das Lob der Schöpfung, gaben unterstützt von den Turteltauben die Paare einer Art in die Ehe und brachten mit Hilfe der Maulwürfe die Verblichenen würdig unter die Erde. Die Pinguine versahen den Küsterdienst. Als Glöckner wirkten die Affen. Die Pfauen und Elstern waren für den Schmuck der Kirchen zuständig. In der Kirchenverwaltung verteilten die genügsamen Kamele und die leichtfüßigen Windhunde die Steuern und Spenden aller an die verschiedenen Gemeinden der Tiere - je nachdem es die Arbeit in den Gemeinden verlangte. Es war eine wunderbare Zeit, in der es keinen Neid, kein Konkurrieren und keine Trübung der Geschwisterlichkeit gab. Eines Tages kamen von weit über dem Meer ein paar Hyänen. Sie erzählten den Kamelen und Windhunden von einer Möglichkeit, die Kirche der Tiere grundlegend zu reformieren und die Spenden und Steuern effektiver, sparsamer und viel gerechter unter den Gemeinden aufzuteilen. Dabei lachten sie fortwährend und bleckten die scharfen Zähne. Ein paar alte Frösche warnten davor, den Hyänen Vertrauen zu schenken. Sie kämen doch von weit her und hätten mit der hiesigen Kirche und ihren Gemeinden keinerlei Erfahrung! Außerdem hätten sie ihre Reform doch bisher nur in einigen Bienenstöcken und Termitenbauten ausprobiert. Die alten Frösche wurden für inkompetent, ewig gestrig und dem Fortschritt hinderlich erklärt. Die Kamele und Windhunde ließen sich von den Hyänen überzeugen. Vielleicht blendete sie die Tatsache, daß diese doch eine so weite Reise hinter sich hatten oder die Tüpfel im Fell der fremden Tiere stachen ihnen ins Auge? Fortan wurde nicht mehr gefragt, was eine Gemeinde für gerade ihre Arbeit an Mitteln aus dem Steueraufkommen aller brauchte. Auch die Güte dieser Arbeit und wie viele Tiere in den Gemeinden das Lob der Schöpfung hörten und sangen, oder wie viele Tiere in ihnen die Gottesdienste und die anderen Angebote der Gemeinden besuchten, war nicht mehr im Blick. Von nun an galt nur noch eins: Die Zahl der Tiere, die in einer Gemeinde wohnten, gleich ob sie sich am Gemeindeleben beteiligten oder zu diesem kein Verhältnis hatten - wie z.B. die nur nächtens aktiven Fledermäuse, die sowohl den Alltag als auch den Sonntag verschliefen. Im Zuge der Reform wurden einige weitere einschneidende Maßnahmen vorgenommen: Nur noch in wenigen großen Kirchen durften die Nachtigallen im Gottesdienst singen. Den Papageien und Fröschen gab man viele Tiere mehr in die seelsorgerliche Obhut, darunter große Fledermauskolonien. Auch nahm man ihnen in vielen kleinen Gemeinden die Möglichkeit, sich von ihrer Arbeit zu ernähren. So verließen sie notgedrungen ihre Wirkungsstätten, die dann anderen Gemeinden angegliedert wurden. Für die Pinguine und Affen gab es jetzt viel weniger zu tun, denn die Zahl der Gottesdienste, in denen das Lob der Schöpfung gesungen wurde, ging zurück. Ähnlich erging es den Pfauen und Elstern. In der Kirchenverwaltung dagegen wurden zahlreich neue Kamele eingestellt, während man die Windhunde nach und nach abbaute - denn der Kontakt mit den Papageien, den Fröschen und den anderen Tieren der Gemeinden wurde immer seltener, wem also hätten sie noch mit ihrer Leichtfüßigkeit dienen sollen? Aber auch das Leben und besonders das Miteinander der Tiere in der Kirche und den Gemeinden veränderte sich: Neid und Mißgunst kamen auf. Wo ein Frosch früher den anderen gefragt hatte, wie steht es bei dir mit dem Lob der Schöpfung, da wurde jetzt nur noch geforscht: "Wie vielen Verstorbenen hast du unter die Erde geholfen?" - und die Maulwürfe fühlten sich ungeheuer wichtig. Die Papageien spreizten voreinander ihre Federn und erzählten sich - ohne je zuzuhören - wie viele Tiere inzwischen zu ihrer Gemeinde zählten, wie schwer das Leben doch für sie sei und wie bald sie hofften, ihren verdienten Ruhestand anzutreten. Die Hyänen übrigens waren inzwischen längst lachend und Zähne bleckend weiter gezogen und hatten den leitenden Tieren an den Universitäten ihre Tüpfel gezeigt und sie mit ihren Reformvorschlägen beglückt. Vereinzelt gab es Frösche und Papageien, die laut davon sprachen, daß die Kirche früher doch tierischer gewesen wäre und die Reform neben immensen Kosten eigentlich nur Verluste gebracht hätte, besonders was das geistliche Leben der Kirche anginge. Die meisten Tiere aber schwiegen dazu und verhielten sich unauffällig, benutzten vielleicht die Gelegenheit einer fragwürdigen Entscheidung der Kamele, um sich für immer von der Kirche ab- und fortan nur noch nach innen zu wenden und traten oft kleinen außerkirchlichen Gemeinden bei, in denen das einzelne Tier noch etwas galt. Irgendwann verstummten auch die letzten Frösche und Papageien für immer. Friedhofsruhe senkte sich über die Kirche und die Gemeinden der Tiere. Es war endlich der Zustand erreicht, der viele Tiere fragen ließ, ob es nicht einmal anders und besser gewesen war? In dieser Zeit trat ein Frosch auf und erzählte eine Fabel... Verfasser unbekannt