Wenn ein Sack Kartoffeln mit in den Urlaub geht Nein, ich hätte nie gedacht, daß man an toten Gegenständen so Anteil nehmen könnte! Richtig gebangt haben wir! Gefiebert ob sie nicht endlich..... Aber von vorne: Wir waren in Kärnten dieses Jahr. Eine Woche nach uns kamen zwei Ehepaare aus unserem Dorf in die Nähe unseres Urlaubsortes. Und natürlich haben sie uns gleich besucht. Nach dem Hallo der Begrüßung erzählten sie uns: Ihre zwei Koffer wären noch unterwegs. Sie hätten diesmal das Angebot der Bundesbahn genutzt, ihr Gepäck in Grünberg aufgegeben und stattdessen lieber einen Sack Frühkartoffel mitgenommen. "Man weiß ja nie, wie die Versorgung in der Fremde wird"! Morgen früh würden die Koffer da sein, eigentlich hätten sie heute schon ankommen müssen. So hatte der Beamte in Grünberg gemeint. Am nächsten Tag an einem Kärntner See: "Na, sind Ihre Koffer jetzt da"? - "Noch nicht! Aber der Mann auf dem hiesigen Bahnhof hat gesagt: Morgen bestimmt"! Am übernächsten Tag an einem Kärntner See: "Wollen Sie denn nicht auch einmal ins Wasser"? - "Eigentlich schon, aber unsere Badekleidung ist noch mit der Bahn auf Reisen"! Vier Tage später bei einem gemeinsamen Stadtbummel: "Wo sind denn Herr und Frau B."? - "Die sind heute einmal Kleider kaufen! So auf die Dauer geht's nicht mehr aus dem Handgepäck"! Unsere Freunde berichteten dann, was inzwischen um die Koffer für ein Wirbel entstanden war: "Der Beamte des hiesigen Bahnhofs hatte in ganz Österreich herumtelefoniert: Ob nicht vielleicht irgendwo zwei Koffer.....? Meistens Fehlanzeige. An manchen Orten allerdings waren zwei Gepäckstücke, auf die ihre Beschreibung paßte, gesehen worden. Aber nur kurz. Dann waren sie wieder abgereist. Zielort unbestimmt. Unsere Freunde hatten sich jetzt auch erinnert: "Bestimmungsbahnhof Österreich". Nun kann ja wirklich nicht jeder wissen, daß "Österreich" ein Land ist! Genau eine Woche nach der Ankunft unserer Bekannten in Kärnten, besuchten wir sie in ihrer Urlaubswohnung. Viel zum Anziehen hatten sie immer noch nicht, aber es gab Kartoffelsuppe! Inzwischen hatten sie sich übrigens damit abgefunden: "Man glaubt ja gar nicht, mit wie wenig Kleidern der Mensch auskommen kann - wenn er keine hat"! Und genau während dieses Besuchs geschah es dann: Anruf vom Bahnhof: "Hier sind zwei Koffer für sie angekommen"! Ziemlich ramponiert aber gesund standen die Weitgereisten wenig später vor ihnen. Aus den Begleitpapieren war ersichtlich, wo sie alles gewesen waren: "Wien, Lienz, Völkermarkt....". Ja, man glaubt es kaum, aber die Leute von der Bahn hatten "Österreich" sogar in Jugoslawien gesucht! Nun waren sie also da. Höchstens zwei Tage hatte ihre Reise dauern sollen! Deshalb hatten unsere Freunde ja ihre Koffer auch schon drei Tage vor ihrer Abreise aufgegeben! Jedenfalls war die Freude groß. Auf beiden Seiten. Vier Menschen hatten wieder etwas zum Anziehen und zwei Koffer hatten viel zu erzählen. Jawohl, sehen wir das doch auch mal positiv: Welches Gepäckstück kann schon eine so ausgedehnte Urlaubsreise machen? Und das alles für nur 50 Mark pro Koffer!? Kaum vier Tage später mußten die beiden Europareisenden übrigens wieder zum Bahnhof gebracht werden! Sie wollten ja pünktlich zu Hause ankommen! Wie lange es diesmal gebraucht hat? Raten Sie! - Vier Tage? Falsch! Acht Tage? immer noch zu wenig! Ja, zehn Tage dauerte die Heimreise! Vielleicht haben die ja auf dem Kärntner Bahnhof "Bestimmungsort Deutschland" daraufgeschrieben? Auf jeden Fall lernen wir an dieser Geschichte, daß der Werbeslogan der Bundesbahn unbedingt zu beachten ist: "Fahr lieber mit der Bundesbahn" - aber gib keine Koffer auf! Vielleicht hätten unsere Freunde doch besser ihren Kartoffelsack mit der Bahn geschickt!? Manfred Günther