Der Pfarrer in der Unterhose Sie glauben ja gar nicht, wie oft man sich als Pfarrer umziehen muss! Nicht nur sonntags, wenn du nach der Kirche den Talar in den Schrank hängst. Und nicht nur, wenn du im schwarzen Anzug vom Friedhof kommst und den Konfirmandenunterricht zu halten hast. Für jeden Hausbesuch, den du machst, pellst du dich aus deiner Jeans oder vertauschst die "Kurze" mit der grauen Langen! So ist es ungeschriebenes Gesetz: Pfarrer ist ein ernsthafter Beruf. Die Leute sehen es nicht so gern, wenn du in ihrem Haus herumläufst, als hättest du Freizeit. Und auch bei sonstigen dienstlichen Anlässen - immer gedeckt und bedeckt. Immer den angemessenen Ernst verbreiten und Würde ausstrahlen! Also: Mindestens ein halbes Dutzend mal am Tag raus aus den Hosen, rein in die Hosen... Und sie glauben gar nicht, wie oft ihnen täglich Menschen aus der Gemeinde ohne Vorwarnung im Flur, in der Wohnstube oder im Amtszimmer stehen! Ohne zu klingeln! Ohne anzuklopfen! Ohne zuvor ein "Hallo" von sich zu geben! Nun könnte man ja sicher die Klinke an der Eingangstür mit einem Knopf vertauschen, der die Tür nur öffnet, wenn man drinnen auf den Summer drückt. Aber das machen sie mal! "Ihr Vorgänger hat auch keinen Knopf gehabt. Geklingelt haben wir nie! Das hat hier im Dorf kaum einer!" Also ist die Klinke geblieben. Und unverschlossen ist die Tür auch über Tag. Und mindestens ein halbes Dutzend mal täglich stehen darum die Ahnenforscher, Patenscheinbewerber und jungen Hochzeiter ungerufen, ungeklopft und nicht geklingelt in ihrer Wohnung. Schon gar nicht werden sie glauben, wie oft diese beiden Ereignisse zusammentreffen! Also: Raus aus den Hosen und rein ins Pfarrhaus - ohne Vorwarnung! Eigentlich ist das ja sehr unwahrscheinlich. Wie lange brauche ich denn, die eine Hose aus und die andere anzuziehen? Da ich Übung habe, höchstens eine Minute. Und wie lange braucht denn ein Gemeindeglied, um mir von der Haustür bis ins Dienstzimmer zu stolpern? Auch nur eine Minute! Da nun so ein Tag 1440 Minuten hat, könnte jeder sich ja für seinen Hosenwechsel und sein Ins-Pfarrhaus-stolpern irgendeine schöne Minute von diesen vielen aussuchen. Aber was machen beide? Die selbe Minute muss es sein! Ausgerechnet! Und irgendwie scheint es, als wären beide Seiten mit einem besonderen Sinn begabt, gerade diese eine Minute für den "Eintritt" bzw. den "Auszug" zu wählen. Anders ist es nicht zu erklären, warum ich in den vergangenen 15 Dienstjahren sicher einige hundert Augenblicke der beschriebenen Art erleben musste. Immer wenn ich einen Hosenwechsel vollziehe, ertappe ich mich dabei, dass ich hinauslausche in Richtung Eingangstür. Und immer wieder muss es dann schnell gehen: "Es kommt jemand!" Meistens konnte ich peinliche Auftritte ja durch eine atemlose Steigerung der Geschwindigkeit vermeiden. Auch werden bei mir Hosen immer einstiegsbereit abgelegt. Neulich allerdings hat eine alte Bauersfrau aus meiner Gemeinde ihren unangemeldeten Besuch so sekundengenau eingerichtet, dass ich mich geschlagen geben musste. Ich will ihnen davon erzählen: Ich bin gerade daran, in meiner Amtsstube nach einem Besuch bei einer Hochzeitsgesellschaft, meinen dunklen Dienstanzug auszuziehen. Beim Jackett droht ja noch keine Gefahr. Also lasse ich mir dabei Zeit. Die Augen schweifen schon lässig hinüber zum Klappstuhl. Jawohl, die bequeme Freizeithose liegt da, und sie ist vom extrasteifen Ledergürtel leicht aufgewölbt und geöffnet. Das ist ein Patent von mir, auf das ich ein wenig stolz bin. Es spart im täglichen Kampf mit den Unverhofften wertvolle Sekunden! Dann kommt die Hose dran. Aufknöpfen am Bund, dann lauschen... Nichts tut sich. Noch einmal lauschen... Immer noch nichts. Jetzt gilt es! Reißverschluss auf (ich weiß sehr gut, warum er "Reiß"-verschluss heißt!), Schuhe aus (natürlich trage ich nur Schuhe ohne Schnürsenkel!) und Hose runter und ... da wird die Klinke draußen gedrückt! Der Schrecken! Und dann: "Herr Pfarrer, Herr Pfarrer, ich bringe ihnen noch was!" Die alte Meta! Gerade noch habe ich ihr beim Hochzeitskaffee gegenüber gesessen. Sie ist die Großmutter der Brautleute. (Die Oma setzt man immer zum Pfarrer!) Und jetzt trägt sie eine Platte mit Kuchen herein ins Pfarrhaus, ins Amtszimmer... Ja, sie steht schon drinnen und schaut mit ihren treuen Augen... Nicht auf meine unterbehosten Beine, nein! Ich bin nämlich kurz vor ihrem arglosen Eintritt hinter meinen Schreibtisch gehechtet und habe mich dort in sitzende Stellung gebracht. Jetzt verbirgt das gnädige Holz des Schreibmöbels meine Blöße. "Hier, Herr Pfarrer, noch etwas Kuchen für die Familie!" Genau so gut hätte sie sagen können: "Hier ist eine Illustration für die Geschichte vom Turmbau zu Babel, die ist doch gerade im Kindergottesdienst dran!" In drei Lagen ist der Kuchen gestapelt. Und sehr kunstvoll auch und mit Überlegung: Unten die festeren, "trockenen" Stücke, nach oben wird es feuchter, weicher und cremiger. Jedenfalls steht sie jetzt vor meinem Schreibtisch mit ihrer zentnerschweren Platte. Und sie ist glücklich, das sieht man, mir und meiner Familie etwas Gutes tun zu können. Und sie ahnt ja auch nicht, wie sie mich gerade in schreckvolle Bewegung gebracht hat. Und ich spüre, jetzt müsste ich aufstehen und ihr die Platte abnehmen. Aber ich kann es nicht! Ich kann doch nicht einer alten Bauersfrau einen Pfarrer in Unterhosen zumuten! Ihr "Herr Pfarrer" ist ja doch eine Instanz gleich hinter ihrem seligen Mann - nur noch etwas ferner von der Welt, als der jetzt ist! Auf jeden Fall ist ein Pfarrer für sie kein Mensch, der wie andere auch so etwas Irdisches, Gewöhnliches wie Unterhosen an sich hat. Was also tun? Ich gewinne die Fassung zurück: "Ach, ist das nett, stellen Sie die Platte wohl bitte auf das Regal dort drüben!" Dass mir das eingefallen ist! Ich muss mir innerlich große Anerkennung aussprechen! Großartig habe ich den Angriff pariert, ganz großartig! Aber warum bleibt sie stehen, die alte Meta? Warum geht sie nicht hinüber zum Regal und entledigt sich dort ihrer Last? "Herr Pfarrer, es ist nämlich so: Die Platte gehört der Wirtschaft, in der wir unsere Hochzeit feiern. Die müsste ich wieder mitnehmen!" Meta blickt ein wenig hilflos. Erschreckende Bilder tauchen vor meinem inneren Auge auf: Ich sehe mich hinter meinem Schreibtisch aufstehen, ich ergreife die Platte, gehe der alten Frau voraus rückwärts schreitend zur Küche, achte darauf, dass immer die Torten ihren Blick auf meinen Unterkörper versperren, trete hinter den Küchentisch, ziehe eine eigene Kuchenplatte aus der Anrichte, trage die Kuchenschichten eine nach der anderen ab, drei Zwischenlager entstehen auf dem Tisch, ich häufe die drei Lagen Backwerk wieder kunstvoll auf, unten die festeren, "trockenen" Stücke, nach oben wird's feuchter, weicher und cremiger ... und das alles in der Unterhose! Nein, das kann nicht gut gehen! Zu viele Unsicherheitsfaktoren. Meta wird es bemerken, dass ihr "Herr Pfarrer" doch nur ein Mensch ist. Nur ein Wunder kann noch helfen! - Und es geschieht! Es wird sogar ein Engel aufgeboten! Meine Frau steht unvermittelt hinter der Kuchenträgerin. "Ist der für uns, das ist aber nett! Sie wollen sicher die Platte gleich wieder mitnehmen. Kommen sie doch mit in die Küche!" Und dann nimmt sie wahrhaftig den Tortenturm, balanciert ihn der alten Frau voraus durch den Flur zur Küche. Und Meta folgt ihr und ahnt nicht, wie knapp sie der Entzauberung ihres Bildes vom "Herrn Pfarrer" entgangen ist. Ich habe dem Engel nicht gesagt, was er an jenem Nachmittag für mich getan hat. Aber Engel wissen ja ohnedies alles! Ich habe ihm nur einen sehr dicken Kuss gegeben. Natürlich erst nachdem die alte Meta es nicht mehr sehen konnte! Manfred Günther