Anneliese BUNGEROTH DIE "PARRIN" *) Da ist jemand, der hierzuland lakonisch "Parrin" wird genannt. Dabei weiß man nie ganz genau: Pastorin - oder Pastors Frau? (Denn oft ist sie ja heute schon b e i d e s, in Personalunion). "Sie" gibt noch weitaus mehr als "er" recht kritischen Gesprächsstoff her. Viel intensiver als beim Mann nimmt ihrer sich die Meinung an. Verhalt' dich, wie du willst, beliebig - das Thema wird doch stets ergiebig, weil man an ihr zumeist bemißt, was "schicklich" und "unschicklich" ist. Geht sie - egal, ob Stadt, ob Land - mal unaufdringlich elegant, sagt man: "Jaaa... der Pastor hat Geld! So ungerecht ist diese Welt! Von unser aller Kirchensteuer kauft sie dies Zeugs, das sündhaft teuer!" Doch kleidet sie sich brav und schlicht, will man das auch grad wieder nicht, weil sonst der Status "Kirche" wird unangemessen präsentiert. Für's äußere Erscheinungsbild bei ihr besond'rer Maßstab gilt: Ein Hauch von Nagellack verrät den Hang zur Unsolidität - was den Charakter anbetrifft, erkennt man den am Lippenstift - benutzt sie aber nichts dergleichen, um endlich Ruhe zu erreichen, sagt man: "Altfränkisch sieht die aus! Wie eine arme graue Maus!" Jedoch mit Lidschatten und Puder gilt sie als ein verkommenes Luder, und selbst Frau X., sich schminkend, spricht: "So etwas ziemt der Parrin nicht!" Mit "Knoten" - wie althergebracht - wird heutzutag sie ausgelacht - jedoch mit lockiger Frisur gilt sie als eitle Ziege nur. Ist ihr ein kurzer Haarschnitt lieb, nennt mancher sie dann "Mannweib-Typ" - Das Haar, das schulterlang und schlicht, gilt gammlerisch-verjugendlicht, und kriegt man 'raus: sie trägt Perücke, reißt man die Mäuler sich in Stücke. Besonderen Anstoß geben muß es: Die Frau, in Jeans und baren Fußes spielt' jüngst im Garten mit der Jugend: Das gilt als Defizit an Tugend. Wie kann die Kinder sie erzieh'n, wenn man kein Vorbild sieht darin? Ist sie selbständig und gescheit, bezweifelt man die Weiblichkeit, doch andrerseits darf allgemein die Pfarrfrau auch nicht sexy sein. Steht selbstbewußt sie ihren Mann, heißt es: "Die hat die Hosen an!" doch ist sie mehr in sich gekehrt, dann gilt sie als kontaktgestört. Ist herb und sportlich sie im Wesen, nennt man sie einen rauhen Besen - anmutig, hübschen Angesichts, heißt's: "Nur ein Lärvchen, weiter nichts!" und mit ein wenig Silberblick bringt "der Gemeinde sie kein Glück". Mal ist "zu jung" sie - mal "zu alt" - und wichtig ist auch die Gestalt. ...Der Leser meint, daß übertrieben sei, was ich hier so aufgeschrieben? Nein! Alles hab ich selbst gehört, wie weit - an was - man sich gestört. H i e r paßt dem einen d i e s e s nicht; d o r t kriegt was a n d e r e s Gewicht - die "Ideal-Parrin" auf Erden muß wohl erst noch geschaffen werden? Wie sieht die aus? Nicht jung, nicht alt - nicht hübsch, jedoch recht wohlgestalt't - gepflegt - jedoch kosmetikfrei - bescheiden - selbstbewußt dabei - zeitnah - jedoch konservativ - stets heiter - doch gedankentief - mit Kurzfrisur - das Haar recht lang, das sie, gelockt, zum Knoten schlang - im Qualitätskleid, das recht billig - repräsentierend - demutswillig - modern und schlank sie zeige sich, - doch möglichst rundlich-mütterlich - althergebracht - hochaktuell - bedächtig Wesen - doch recht schnell - aktiv - Zurückhaltung ausübend - ein schlicht' Gemüt - Hochgeistiges liebend - vorprogrammiert auf Küche/Kinder - jedoch emanzipiert nicht minder - ein Heimchen, treu in Haus und Herd, doch hochgradig berufsbewährt - ein guter Kumpel - damenhaft - der auch die grobe Arbeit schafft - recht streng - jedoch von großer Milde. Ich bitt' Sie: wer gleicht solchem Bilde? (Man kriegt bei solcherlei Bewendnis fast für den Zölibat Verständnis...) *) "Parrin" ist der hessische Ausdruck für Pfarrerin, aber auch für die Pfarrfrau.