Gebet gegen die Kirche aus Papier (Von einem Flugblatt: Kirchentag Düsseldorf 1985) Täusche dich nicht, Jesus kühner Mann! Seit langem wird deine Kirche nicht mehr auf den Fels des Glaubens, sondern auf Papiere gebaut: Gesetze, Verordnungen, Reglemente, Register, Statistiken, Budgets, Berichte, Protokolle, Erlasse, Anweisungen, Verbote. Verfaßt wird das alles von kirchlichen Instanzen, Ämtern, Stellen, die unablässig so viele Papiere Produzieren, daß wieder neue Amts- und Stabsstellen geschaffen werden müssen, die die Papiere lesen und auswerten. Und wozu das? Um noch mehr Papiere zu drucken, zu versenden.... (ach, ihr schönen Bäume, ihr armen Wälder!) Du aber, mit wie wenigen Worten bist du ausgekommen damals in der Bergpredigt, in den Gleichnissen! Deshalb wirst du dir nur schlecht vorstellen können, daß eine Kirche langsam absacken und ersaufen kann in einem Ozean selbstfabrizierter Papiere. Doch siehe! Bislang noch Gutgewillte in den Gemeinden wenden sich ab, Enttäuscht, ermüdet. Übrig bleiben erst recht der Apparat, die Apparatschiks mit ihrer galoppierenden Papier-Diarrhöe - die bürokratische Karikatur deiner Kirche. Mann mit der Peitsche! Der du die Händler, die Wechsler verjagt hast! Bist du wirklich machtlos gegen die Amts- und Büropäpste, die breit sitzenden Arsches in deiner Kirche regieren? Lach sie doch aus, daß sie erbleichen! Ziehe ihnen mit deinem Gelächter die Stühle unterm Hintern weg! Du, das wird ein Fest, wenn sie fassungslos purzeln, während du in ihre Papierberge prustest und die Papiere auf- und zu Fenstern hinausflattern, so daß man auf der Straße meint, es habe zu schneien begonnen. Oder wird ein Konfetti Karneval draus? So oder anders - tu es! Fege mit deinem Lachen die papierene Herrlichkeit fort und laß deine Kirche aus ihrer bürokratischen Verwesung auferstehen! Kurt Marti