Die Salaternte Es ist nicht rühmlich, was ich hier zu erzählen habe. Ich habe auch lange gezögert, ob ich es zu Papier bringe. Von einem Landpfarrer erwartet man doch schließlich, dass er so ein wenig vertraut ist mit dem, was da kreucht und fleucht, was da wächst und blüht. Nun, "geblüht" hat es nicht! Das kann mich vielleicht etwas entlasten. Denn dann wäre es mir wohl kaum passiert, was mir halt passiert ist. Aber von vorn: "Herr Pfarrer, sie dürfen sich jederzeit Feldsalat bei mir holen, auch wenn ich nicht da bin! Wir haben in diesem Jahr so viel davon, und wenn's erst schneit, dann kann man ihn nicht mehr ernten!" Die Frau, die da sprach, war ein Landkind. Seit frühester Jugend vertraut mit den Früchten des Feldes, den Kräutern und Pflanzen des Gartens. Sie konnte sich gewiss nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die vor einem Kartoffelacker stehen und überlegen, warum die Geranien in diesem Boden so groß werden? Aber wo soll es denn bitte schön herkommen, wenn man in einer Großstadt aufgewachsen ist? Dafür hätte sie wahrscheinlich auch nicht gewusst, nach was Stadtluft alles riechen kann und wie einem die Zähne klappern, wenn man mit dem Fahrrad über Kopfsteinpflaster fährt! Ich dankte ihr jedenfalls für ihr freundliches Angebot und beschloss, gewiss nicht auf eigene Faust in ihren Garten zu gehen, um dort Feldsalat zu schneiden! Obwohl ... ich will nun nicht angeben, aber ich darf als rechter Spezialist für Salat gelten, namentlich für Feldsalat. Er ist mir der liebste! Ich kenne ihn in vielen Varianten - allerdings in angerichteter Form. Ist er nicht unvergleichlich mit saurem Rahm, Essig und Öl, Zwiebeln und einem Spritzer Zitrone angemacht!? Auch weiß ich, wie die Leute ihn in dem Ort, in dem ich Pfarrer bin, nennen: "Nüssechen" heißt er, mit der Betonung vorn auf "Nüss ..." An einem Samstagmorgen dann, kurz nach der freundlichen Salat-Offerte, meinte meine Frau: "Hat dir Frau E. nicht Feldsalat angeboten? Heute könnten wir ihn gut gebrauchen!" Lässig gab ich zurück: "Ja, ich darf ihn sogar selbst ernten, wenn Frau E. nicht daheim ist!" Gewohnt, die Wünsche meiner Liebsten sofort zu erfüllen, machte ich mich also auf, bewaffnet mit einer großen Plastikschüssel und - nur für den Notfall! - mit einem Messerchen. In meinem Innern sprach ich noch rasch ein Gebet, Frau E. möge doch zu Hause sein. Sie war nicht zu Hause. Hinter ihrem Haus erstreckte sich bis an den Horizont ein gewaltiger Garten! Trotz der fortgeschrittenen Jahreszeit - es war ja schon Spätherbst - wuchs noch eine Fülle von Blumen in ihm, Köpfe von Kraut und sogar ganz flache Formen von Tannenzweigen, die aussahen, als hätte man sie über die Beete gelegt. Jetzt nur keine Panik und erst einmal orientieren! Gott sei Dank schieden gut die Hälfte der Beete aus, da sie nur die nackten Erdschollen zeigten. Unterirdisch wuchs Feldsalat nicht, da war ich sicher! Dort drüben, das mussten Krokusse sein, die kamen auch nicht in Frage. Diese hochaufgeschossenen Dinger um den Komposthaufen herum sahen aus wie kleine Ananas am Stiel, Feldsalat dagegen war doch eher klein und gedrungen. Doch da, endlich!, fiel mein Blick auf das Nüssechen-Beet! Jawohl, ich war am Ziel. Schon lief mir das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an den Salat dachte, mit Rahm, Zwiebeln und dem Spritzer Zitrone... Ich sollte ruhig die Blättchen über dem Erdboden abschneiden, hatte Frau E. gesagt. Die Pflanzen wüchsen dann wieder durch! Also: Messerchen heraus und ritsche-ratsch! Schnell war die Schüssel gefüllt und ich wieder heraus aus dem riesigen Garten mit den vielen fremden Pflanzen. Den Salat fertig zu machen war es jetzt noch zu früh, also ließ ich ihn draußen vor der Tür im Kühlen stehen, wo er sich auch gewiss besser frisch hielt. Meiner Frau warf ich schnell die Bemerkung hin, die "Nüssechen" stünden vor der Tür. Dabei war ich ein wenig stolz, wie gut ich doch schon die Mundart der Menschen meines Dorfes beherrschte: "Nüssechen" - mit der Betonung vorn auf "Nüss ..." Ich dachte schon lange nicht mehr an den Feldsalat, sondern hatte mich wieder an die Sonntagspredigt gesetzt, als das Telefon klingelte. Frau E. war am Apparat und fragte aufgeregt, ob wir schon den Salat gegessen hätten? Als ich verneinte, schien sie sehr erleichtert. Sie hätte vorhin, als sie vom Einkaufen zurückkam, zufällig im Garten meine Schnittspuren gesehen. Ich wäre - ihr entfuhr ein glucksendes Lachen - wohl an das falsche Beet geraten. Ich hätte - wieder ein Glucksen - ich hätte den Feldsalat verfehlt. In meiner Schüssel müssten - neuerliches Auflachen! - geschnittene Stiefmütterchen sein! Als ich fünf Minuten später bei Frau E. eine große Tüte mit Feldsalat abholte, bemühte sie sich nach Kräften, ernst zu bleiben. Das könne ja wirklich passieren! Feldsalat und Stiefmütterchen ohne Blüten ... wirklich sehr ähnlich! Aber der Geschmack! Und die Verträglichkeit! Sie fürchte, da hätten wir etwas gemerkt, hinterher ... Ich bin Frau E. dankbar, dass sie meiner Frau nie etwas von der Sache erzählt hat. Ich gelte in meiner Familie immer noch unangefochten als echter Salatkenner - nicht nur der angerichteten Form! Bei Frau E. habe ich allerdings manchmal den Eindruck, dass sie während der Sonntagspredigt schmunzelt, wenn ich, wie ich das gerne tue, die Schönheit und Vielfalt von Gottes Natur preise! Manfred Günther