Die Predigt des Buxtehuder Bauern VON JOHANNES GILLHOFF Oha, in unsern Kirchen geschahen früher manchmal merkwürdige Sachen. Aus der Zeit stammt eine Kirchengeschichte, die trug sich in einer Nachbargemeinde zu. Sie hatten da einen guten Pastor, aber eine schlechte Ernte und das drei Jahre hintereinander. Alles war auf dem Halm verbrannt und sie konnten sich das Einfahren sparen. Ihre Kühe waren anzusehen wie die Windhunde. Das erste Jahr ging das noch an. Als aber auch im zweiten Jahr der Himmel verschlossen war, da kamen sie zusammen und klagten sich ihre Not. Als sie damit fertig waren, machten sie den Beschluss, sie wollten in diesen teuren Zeiten dem Pastor sein Gehalt auch sparen. So gehen sie zu ihm und reden erst vom Wetter und all solchen Sachen, womit der Mensch anfängt, wenn er zu Menschen kommt. Aber dann stößt einer den andem an und endlich musste der Kirchenälteste damit raus. Der stammte aus Buxtehude, das liegt hinter Hamburg. »Herr Pastor«, sagte er, »Ihr habt uns nun so'n Stücker drei Jahre Gottes Wort gepredigt und wir haben euch das Gehalt gern gezahlt und ohne Murren. Aber nun sind aasig schlechte Zeiten gekommen und wir müssen sparen, denn die Gemeinde kann euer Gehalt nicht mehr aufbringen. So haben wir den Beschluss gemacht, wir wollten mal versuchen, ohne euch fertig zu werden.« Er hält still in seiner Ansprache. Keiner hilft ihm. Er wird heiß. Er merkt, es ist nicht leicht. Der Pastor steht am Fenster. Er guckt raus. Er sagt nichts. Der Buxtehuder muss wieder anfangen: »Wir haben an das Wort gedacht, was Ihr uns verkündigt habt: Gott ist in den Schwachen mächtig. Das wird wohl auch für trockne Jahre gelten. Besonders, da ein Schwacher nicht allein ist, sondern ein ganzer Posten. Um Gottes Segen haben wir auch schon gebetet. Nun sind wir zwölf Mann im Kirchenrat und wir haben uns das so gedacht: Wir wollen uns das umgehen lassen im Jahr. Jeder übernimmt einen Sonntag und hält in der Kirche geistliche Vermahnung an die Gemeinde, so ähnlich, wie Ihr das macht. Bloß kürzer und kräftiger und einer nach dem andern, dass jeder sein Recht kriegt.« Er hält wieder still. Ihm wird noch heißer. Er muss sich den Schweiß abwischen. Der Pastor steht noch immer am Fenster. Er guckt noch immer raus. Er sagt noch immer nichts. Der Mann aus Buxtehude muss noch einmal anfangen: »Ihr habt uns Gottes Wort treu gepredigt. Dafür sind wir euch dankbar. Aber jetzt sind wir in großer Not und wir wollen uns bei euch bedanken, wenn Ihr euch eine andere Stelle sucht. Der liebe Gott wird euch dabei helfen und wir wollen auch für euch beten. Wenn der liebe Gott wieder Regen über das Land schickt, holen wir euch gern zurück.« Er hustet. Er scharrt mit dem Fuß. Er ist fertig mit seiner Ansprache. Die anderen nickköppen ihm zu: Du hast deine Sache gut gemacht. Da ist der Pastor auch fertig mit seinem Fenstergucken. Er dreht sich rum und sagt: »Ja.« Dann wischt er sich mit der Hand ein paarmal über den Mund und das Kinn. »Ja, wenn ihr meint, dass es nötig ist und dass ihr auch ohne mich fertig werden tut, dann macht euch weiter keine Sorgen. Heut ist Montag. Nächsten Donnerstag will ich gehen und nächsten Sonntag könnt ihr anfangen. Bloß, ihr müsst mir erlauben, dass ich meine Sachen noch ein paar Wochen hier lasse. Denn so für den Augenblick weiß ich nicht, wo ich damit hin soll.« Da willigten sie gerne ein und zogen ab und er rief ihnen noch nach: »Also bis dahin, dass der liebe Gott wieder Regen schickt über das Land!« - »Jawoll!« riefen sie zurück. - Da kam der nächste Sonntag schon ran. Die Kirche war proppenvoll. So voll hatte der Pastor sie wohl lange nicht gesehen. Vor dem Altar stand das Lesepult und davor saß der Buxtehuder und hatte seinen Sonntagsrock an. Aber ein Sonntagsgesicht hatte er nicht aufgesetzt. Auch rutschte er heftig hin und her auf seiner Bank. Na, denke ich, in deiner Haut möcht ich heute auch nicht stecken. Er lässt Nr. 288 singen: Was willst du, armer Erdenkloß, so sehr mit Hoffart prangen? Es ist ein langer Gesang. Er hat dreizehn Verse. Es ist zu Ende. Er bleibt sitzen. Er lässt ein zweites Lied singen. Die Gemeinde wundert sich; er ist sonst nicht für Musik. Endlich ist das auch zu Ende. Noch ein drittes Lied - nein, das geht nicht. So wankt er nach dem Pult und stellt sich dahinter. Aller Augen sehen auf ihn, die einen mit Neubegier, die andern mit Ehrfurcht. Ihm bebern die Bücksen. Er muss sich immerzu den Schweiß abwischen. Er nimmt die Bibel. Er schlägt sie auf. Er liest Matthäi am 23. : »Oh, ihr Schlangen und Otterngezücht, wie wollt ihr der höllischen Verdammnis entrinnen? « - Wir setzen uns. Wir setzen uns; ich denke so bei mir: Alles, was recht ist! Eine kurze, kräftige Vermahnung lässt sich da gut anbringen. Aber die Farmersleute gleich mit Schlangen und Ottern vergleichen, wäre wohl nicht nötig gewesen, wo es auch gar nicht an ist. Na, das ist seine Sache. In der Bibel kommen Schlangen und Ottern ja öfter vor. Als die Gemeinde mit dem Husten fertig ist, da hustet er selbst noch ein paarmal. Dann gibt er sich inwendig einen Ruck und fängt wahrhaftig an. "Meine lieben Mitchristen! oder, wie der Apostel sagt, ihr Schlangen und Otterngezücht! Ihr Schlangen! sagt er. - Ihr Schlangen und Ottern! - Ihr Ottern und Schlangen! - Ihr Ottern - Ihr Schlangen!« Das brüllte er man so raus und dazu schlug er mit der Faust auf die Kanzel. Er tat es aber nicht aus Kraft, sondern aus Angst. Er wollte sich Mut machen. Es gelang ihm nicht. Er wusste nicht weiter. Er verbiesterte in seinem Text . Er fing wieder an: »Ihr Schlangen- und Otterngezücht! - Ihr Schangengezücht!« - Es war wieder alle. Er guckte über sich. Er guckte uns an. Wir guckten ihn an. Wir saßen ganz still. Er legte nochmals los, aber er war heil und deil verbiestert: »Ihr Schlangen! Ihr Schlottern und Zangen! - Ihr Schlottergezücht!« - das kam ordentlich forsch raus. Und dann saß er fest. Seine Vermahnung war alle geworden. Er blickte um sich wie einer, der in Not ist. Es war aber allda einer von den Ältesten, der sollte am nächsten Sonntag ran. Der sah seine Not und dass er dieTiere so durcheinander schmiss. Der sah auch, dass es mit der geistlichen Vermahnung für heute nichts mehr wurde. Darum erbarmte er sich über ihn und rief ihm leise zu: »Lasset uns beten! « - Er aber griff das Wort auf mit seinen Ohren und mit seinen Augen suchte er auf der Bibelseite Matthäi am 23. nach einem Gebet. Es nützte nichts mehr. Er war nun einmal an Leib und Seele verbiestert und darum verhaspelte er sich auch in seinem Beten. Er faltete die Hände und sprach: "Lasset uns beten! Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer! Amen.« - Dann setzte er sich und tat sich bloß noch den Schweiß abwischen. Wir sangen noch ein kurzes Lied und dann war die Kirche aus. Die Andacht war schon lange vorher aus gewesen. Die Ältesten aber hielten einen Rat und machten einen Beschluss: Wir wollen unsern Pastor aufsuchen und ihn bitten, dass er wieder zu uns kommt. Es ist schwerer, als wir gedacht haben. - Der Pastor war auch gar nicht schwer aufzufinden. Er war in der Nähe geblieben, weil er sich das schon so gedacht hatte. Am nächsten Sonntag stand er wieder auf der Kanzel und die Kirche war wieder voll. Sie haben ihm alle gedankt und ihn gebeten, er solle ihnen das man nicht weiter übel nehmen; es sei bloß ihre Dummheit gewesen. Lieber wollten sie noch ein trockenes Jahr durchhalten als noch eine geistliche Vermahnung von der Sorte. Der Pastor und seine Gemeinde sind nachher gut miteinander fertig geworden und in trocknen Jahren ist nicht wieder die Rede davon gewesen, dass sie ihm aufsagen wollten.