Die Kollekte Ein modernes Weihnachtsmärchen Der Pfarrer war erst vor wenigen Monaten aus Deutschland gekommen, aber er hatte sich schon ganz gut eingelebt. Deshalb fiel es ihm auch nicht weiter auf, als er die Treppe zur Kirchentür emporging, daß am Rand der Treppe, gegen die Wand gedrängt, zwei ärmlich aussehende Kinder saßen; ein Mädchen von etwa 7 und ein Junge, der 5 Jahre alt sein mochte. Zwischen sich hatten sie eine Schachtel voller Süßigkeiten und kleiner, billiger Spielsachen - sicher die Geschenke, die sie bekommen hatten, denn der Pfarrer betrat die Kirche zur Christvesper. Als er eingetreten war, krochen die beiden Kleinen bis an die Tür und blickten staunend in die festlich geschmückte Kirche. Viele Leute saßen dort; die Kinder hatten sie, als sie auf der Treppe vorbeigingen, schüchtern und sehnsüchtig angelächelt, aber kaum einer hatte Notiz von ihnen genommen. Und nun stand der Onkel in dem komischen langen schwarzen Rock dort vorn und sprach zu den Leuten in einer Sprache, die die Kinder nicht verstanden. Und immer wieder sangen sie Lieder dort drinnen, schöne Lieder, wenn auch ganz andere, als die Kinder von zu Hause kannten. Schließlich war der Gottesdienst zu Ende. Der Mann im schwarzen Rock stand in der Tür und drückte allen, die herauskamen, die Hand und sagte irgend etwas Unverständliches - und etwas Eigenartiges sahen die Kinder noch: alle, die herauskamen, warfen Geldscheine in einen Papierkorb. Vor der Kirche gab es noch eine Weile frohe Unterhaltung, Begrüßungen, Glückwünsche; ein fröhliches Durcheinanderreden - die Kinder jedoch bemerkte keiner. Langsam ebbte das Stimmengewirr ab, noch ein paar Weihnachtswünsche hallten durch die Nacht, und dann stand der Pfarrer allein da und schickte sich an, die Kirche zu schließen. Da fiel sein Blick auf die beiden Kleinen, die immer noch am Rand der Treppe saßen, die kostbare Schachtel wohlbehütet zwischen sich. Er wendete sich ihnen zu, und erschrocken drängten sie sich enger an die schützende Wand. "Aber Ihr braucht doch keine Angst vor mir haben!" sagte der Pfarrer in der Sprache, die sie verstanden. Er sprach sie zwar noch nicht perfekt, aber es langte zur Verständigung. Schüchtern blickte das Mädchen zu ihm auf und sagte: "Du hast aber ein schönes Haus, Onkel!" - "Das ist nicht mein Haus," erwiderte er, "das ist die Kirche, und die gehört dem lieben Gott." Ob der wohl auch unter den vielen Menschen gewesen sei, die hier waren, wollte sie wissen. "Aber nein," erklärte der Pfarrer, "der liebe Gott ist doch unser Vater im Himmel." - "Ja, unser Vater ist im Himmel, seit die bösen Leute ihn erschlagen haben, mit der Mutter, das hat uns die Tante gesagt." Der Pfarrer zuckte zusammen bei dieser mit solcher Selbstverständlichkeit ausgesprochenen grausamen Enthüllung. Aber geistesgegenwärtig hakte er wieder ein und erklärte dem Mädchen, daß der liebe Gott eine andere Art Vater sei. "Und Du weißt doch, daß wir heute Weihnachten feiern, den Tag, an dem der liebe Gott seinen Sohn zu uns geschickt hat." Nein, sie wußte es nicht; sie hatte zwar das Wort Weihnachten gehört, aber die Bedeutung war ihr nicht klar. Nur, daß alle Leute sich Geschenke machen, das wußte sie. Der Pfarrer kauerte sich neben sie auf die Treppe und versuchte, ihnen in kurzer Form die Weihnachtsgeschichte klarzumachen. Die Kinder sahen ihn etwas zweifelnd an; dann faßte das Mädchen Mut und fragte: "Onkel, die Leute, die bei Dir waren, die müssen aber reich sein! Ich habe gesehen, wie sie alle beim Hinausgehen Geld in den Papierkorb geworfen haben." Das sei aber kein Papierkorb, sondern ein Kollektenkasten, sagte er. Und heute haben die Leute dort Geld hineingelegt, das für die armen Kinder in der Welt bestimmt sei. "Au, das muß aber schön dort sein!" mischte sich plötzlich der Junge ein, der bisher geschwiegen hatte. "Wo ist das denn, und wie kommt man da hin?" - "Wohin?" fragte der Pfarrer verdutzt. "Na, in die Welt, Onkel, wo so ein lieber Gott ist und wo die armen Kinder von Leuten Geld bekommen!" - Die Welt sei überall, erklärte er, und außerdem müsse er jetzt nach Hause zu seiner Familie gehen, und sie sollten doch nun auch ihre Geschenkschachtel nehmen und nach Hause gehen, um Weihnachten zu feiern. Betroffen sah ihn das Mädchen an, und dann begann sie plötzlich krampfhaft zu schluchzen und zu weinen. Der kleine Junge stimmte mit ein. Der Pfarrer begriff nicht, was geschehen war. Er versuchte, die Kinder zu beruhigen, und als ihm das halbwegs gelungen war, fragte er behutsam nach dem Grund dieses Ausbruchs. "Dürfen wir heute nicht hier schlafen, auf der Treppe, da ist es so schön geschützt, denn wenn wir jetzt nach Hause gehen, schlägt uns der Mann meiner Tante."- Wieso denn? wollte der Pfarrer wissen. "Er hat gesagt, heute ist Weihnachten, da kaufen die Leute viel, und wir sollen nicht nach Hause kommen, ohne alle Ware verkauft zu haben und mindestens 10 Taler heimzubringen. Aber die Leute hatten es alle so eilig heute, alle haben große Geschenkpakete geschleppt, aber keiner hat uns auch nur ein Päckchen Keks oder Schokolade abgekauft." Schlagartig kam dem Seelsorger der Irrtum zum Bewusstsein, der ihm unterlaufen war, als er gemeint hatte, in der Schachtel seien die Weihnachtsgeschenke der Kinder. Und er begriff, daß er hier bei zwei kleinen Unglückswürmchen saß, für die sie sonst kein Platz hatten in der großen Herberge Welt. Und sein Blick fiel auf den Kollektenkasten, und es ging ihm durch den Kopf, daß von dem Geld, das darin lag, eines Tages - nach Abzug aller Verwaltungsgebühren und der Spesen für internationale Konferenzen über notleidende Kinder - ein kleiner Teil vielleicht auch Kindern, wie diese waren, zugute kommen würde. Aber dann kam es ihm, daß doch hier, vor der Kirchentür, eigentlich auch "Welt" war; und obwohl er gelernt hatte, daß Almosen zu nichts führen und man den Leuten beibringen sollte, sich selbst zu helfen, gab es doch wohl Fälle, und dies war vielleicht einer, wo man von der Regel eine Ausnahme machen sollte. Er versuchte, sich vorzustellen, was wohl der Knabe in der Krippe, über den er so schön gepredigt hatte, dazu meinen würde. Es war kein langer Kampf in seinem Innern, bis er sagte: "Wartet mal einen Augenblick, Kinder" und durch die offene Tür an den Kasten ging, aus dem er etwas herausholte. Dann wendete er sich zurück zu den beiden Kleinen und fragte: "Würdet Ihr mir für 20 Taler wohl diese Sachen in der Schachtel verkaufen?" - "Klar!" rief der Junge. Aber das Mädchen fragte ängstlich: "Was müssen wir dafür tun?" - "Nur eines," beschwichtigte der Pfarrer, "Ihr sollt allen Leuten sagen, daß Weihnachten keine Lüge ist, und daß der liebe Gott im Himmel wirklich für seine Kinder sorgt."- Die Kleine guckte immer noch ängstlich, aber jetzt nahm der Junge die Schachtel, hielt sie zögernd hin, und fragte: "Gibst Du uns auch wirklich das Geld?" Als Antwort reichte der Pfarrer dem Mädchen zwei 10-Talerscheine und fragte: "Wenn ich Euch jetzt die Schachtel lasse, was macht Ihr dann damit?" Außer sich vor unfaßbarem Glück erwiderte das Mädchen: "Jetzt, wo wir unserem Pflegevater das Geld geben können und sogar noch etwas für die Tante übrig bleibt, die sich nie etwas kaufen kann - ja, dann würden wir die Sachen hier mit unseren Nachbarkindern teilen. Da sind welche bei, denen geht es noch viel schlechter, als mir und meinem Bruder, und dann hätten die doch auch mal was von Weihnachten!" Der Pfarrer hat seinen Entschluß nicht bereut, und als er schließlich die Kirche abschloß und an der Krippe neben dem Altar vorbei in die Sakristei ging, da kam es ihm vor, als hätte das Kind in der Krippe die Züge des Mädchens, das heute zum ersten Mal Weihnachten erlebt hatte. Hermann Evelbauer