Carlo Manzoni Der Hausschlüssel Herr Veneranda blieb vor einer Haustür stehen, betrachtete die dunklen geschlossenen Fensterläden und pfiff mehrmals, als wolle er jemanden rufen. An einem Fenster des dritten Stockes erschien ein Herr. "Haben Sie keinen Schlüssel", schrie der Herr, um sich verständlich zu machen. "Nein, ich habe keinen Schlüssel", schrie Herr Veneranda. "Ist die Haustür zugeschlossen?", schrie der Herr am Fenster wieder. "Ja, sie ist zu", antwortete Herr Veneranda. "Dann werfe ich Ihnen den Schlüssel hinunter." "Wozu?", fragte Herr Veneranda. "Um die Haustür aufzuschließen", erwiderte der Herr am Fenster. "Also gut", schrie Herr Veneranda. "Wenn Sie wollen, daß ich die Haustür aufschließe, dann werfen Sie mir nur den Schlüssel herunter." "Aber müssen Sie denn nicht herein?" "Ich? Nein. Wozu auch?" "Wohnen Sie denn nicht hier?", fragte der Herr am Fenster, der nicht mehr recht mitkam. "Ich? Nein", schrie Herr Veneranda zurück, "Und warum wollen Sie dann den Schlüssel?" "Wenn Sie wollen, daß ich die Tür aufschließe, muss ich sie doch mit dem Schlüssel aufschließen. Glauben Sie vielleicht, ich könnte es mit einer Pfeife?" "Ich will gar nicht, dass die Tür aufgemacht wird", rief der Herr am Fenster. "Ich meinte, Sie wohnten hier: Ich hörte Sie pfeifen." - "Pfeifen denn alle, die hier im Haus wohnen?", erkundigte sich Herr Veneranda mit voller Lautstärke. "Nur wenn sie keinen Schlüssel haben", antwortete der Herr oben am Fenster. "Ich habe keinen Schlüssel", schrie Herr Veneranda. "Dürfte ich vielleicht wissen, was diese Schreierei zu bedeuten hat? Man kann dabei kein Auge zutun", brüllte ein Herr, der sich an einem Fenster des ersten Stockes zeigte. "Wir schreien, weil sich der Herr dort im dritten Stock befindet und ich auf der Straße stehe", sagte Herr Veneranda. "Wenn wir leise sprechen, können wir uns nicht verständigen." "Aber was wollen Sie denn?", fragte der Herr, der im ersten Stock am Fenster stand. "Das müssen Sie den Herrn im dritten Stock fragen", sagte Herr Veneranda. "Ich habe es noch nicht herausbekommen: zuerst will er mir den Hausschlüssel herunterwerfen, damit ich die Haustür aufschließe, dann will er wieder nicht, dass ich die Haustür aufschließe, dann sagt er, dass ich, wenn ich pfeife, in diesem Haus wohnen müsse. Kurzum, ich habe es noch nicht herausbekommen. Pfeifen Sie übrigens?" "Ich? Nein. Wieso sollte ich pfeifen?", fragte der Herr am Fenster des ersten Stockes. "Weil Sie in diesem Haus wohnen", sagte Herr Veneranda. "Der Herr im dritten Stock hat gesagt, dass die Leute, die in diesem Haus wohnen, pfeifen. Mir ist es jedenfalls einerlei: meinetwegen können Sie ruhig pfeifen." Herr Veneranda verabschiedete sich mit einer leichten Verbeugung, ging seines Weges und murmelte vor sich hin, dass dies bestimmt eine Art Irrenanstalt sein müsse.