Eine Übertragung eines Auszugs aus dem Gedicht „Pfarrer Schein und der Dorftratsch" von Manfred Günther in Frankfurter Mundart von Marianne Hübsch De Dorftratsch Des Tratsche is e Leidenschaft, der mer sich widmet voller Kraft unn ganz besonners hier im Ort betreibt mer's Tratsche grad wie Sport. Mit Vehemenz, mit Lust unn Fleiß tratscht mer mol laut, zumeist doch leis', unn selbst beim Frühstück unn am Disch, do tratscht merr unn ereifert sich. Merr tratscht im Haus unn in de Gasse, mal nur zu zweit, mal in de Masse. Stets is mer schaff uff Neuigkeide unn dud die eilichst weiderleide mit nimmermüdem Redefluss, denn tratsche, des is Hochgenuss. Will mer des Tratschproblem erhelle, muss mer zunächst die Frach sich stelle: Worüwwer tratscht mer so im Ort, etwa vom Urlaub, Ehe, Sport? Nein, liebe Freunde, ganz denewe, mer spricht vom Tod net, net vom Lewe. Auch net devon, ob's rechent heut' Des Tratscher-Thema sinn die Leut'. Was dieser tut, was jener macht, was sie erlebt, was er gedacht, von Fritz un Irma, Ruth un Franz; was fast bassiert wär', doch net ganz, des wird brühwarm erumverzählt von viele Münder ausgewählt. In's Ohr geht's nei, dann kurz zerkaut, dann hin zum Nächste, unverdaut; un dann, es is schon wunnerbar, obgleich in vieler Mund es war, wird Tratsch, grad wie en Hefebrei net kleiner, sondern groß debei. Un ganz zum Schluss weiß kaaner mehr, wo kommt dann des Gerücht bloß her? Ein jeder hat es nur gehört un iss darob mit Recht empört. Er trächt es, kaum hat er's im Ohr, schon gleich dem nächste Beste vor, Der setzt die Reih grad widder fort, un so geht's rum im ganze Ort. Meist is es so, dass die Person von der mer redd' nix merkt devon. Un wenn's denn doch de Zufall will Dass se was mitkricht, schweicht se still. Denn wer will em Gerücht nochjache Was längst von Mund zu Mund getrache. Doch grau iss alle Theorie, drum zeich' am Beispiel ich nun, wie des endet, wenn so'n Tratsch konkret den Wech durch zehn Statione geht. Gut uffgebasst, ich will beginne un beispielhaft ab hier ersinne Gerüchte, die den Tratsch entfache un dann im Ort die Runde mache. Der erste hört als „Neuigkeit": Bei Alma is es bald soweit; Sie wird, wenn widder Schwalwe flieche Nunmehr ihr drittes Kindche krieche. Der Zweide awwer hat vernomme, statt „Alma" „Anja" wird's bekomme. So kriet's der Dritte nun gesacht, der reicht des weider, ungefracht. Der Vierte freilich staunt net schlecht, die Meldung kommt em grad so recht, denn der weiß: Anjas Gatte war am Bau in Kairo fast ein Jahr. Un weil Ägypten ja so weit, war der net hier in dieser Zeit. Beim Fünfte schließlich is dann schon perfekt die kleine Sensation: Die Anja Meier kriet was Kleines. E Wunner!, ja unn was für eines: Denn als die Schwangerschaft entstand, war Vater Meier net im Land. Beim Sechste ruht es dann e Zeit. Zum Tratsch fehlt die Gelechenheit. Unn als er's widder weiderreicht, is es dann aach verännert leicht: Aus „Meier" wurde „Müller" jetzt; Des hört de Siebte ganz entsetzt. (Ab hier spielt noch de Zufall mit, die, „Anjas" sinn im Dorf zu dritt, auch Anja Müller is debei. sie war erst fuffzehn letzte Mai.) Der „Vater" wird gleich mitgenannt, zwar namentlich noch net bekannt; doch hört mer so, von ungefähr, dass es en Mann aus Kairo wär. Der Achte hat en gar geseh'n mit Anja, beim Spazieregeh'n. Der Neunte geht noch etwas weiter: Net einer nur, da war en zweiter, die schliche jüngst um Anja's Haus un sah'n grad wie Ägypter aus. Der Zehnte schließlich hört schon schlecht, versteht die Sach' net mehr so recht: aus „Anja", „Kairo", „fünfzehn Jahr" stellt sich ihm so des Ganze dar: Die „Anja" is des Nachbars Hund, zwar fuffzehn schon, doch noch gesund, hat jetzt in ihre alte Tache, noch emol Junge auszutrache. Auch kennt mer schon den Schwerenöter, der „Karo" war's, des Müllers Köter. Genuch des Spiels, so schön's auch ist. Ich hab's erdacht, damit ihr wisst wie so verläuft e Tratscher-Kette. Deshalb wach keiner eine Wette auf das, was eines Tratsches Kern, denn den ahnt niemand, net von fern. Und ich hoff sehr, dass Ihr nun wisst, wie weit's vom Tratsch zur Wahrheit ist! Obwohl, aans will ich net verhehle, ganz ohne Tratsch, det aam was fehle!