DAS NEUE MITGLIED Ein Mensch, das kommt bisweilen vor verspürt den Drang zum Kirchenchor. Von irgendwem hat er gehört, dort würden Sänger sehr begehrt, und weil er meint, dass, wenn er sänge, es ohne Zweifel sehr schön klänge, so tut er eines Abends dann, was er nicht länger lassen kann: Er gurgelt tüchtig, putzt die Zähne, probiert noch einmal alle Töne. rasiert sich auch für alle Fälle, drückt leicht zurecht die Dauerwelle (beziehungsweise Dauerkrause) und geht entschlossen aus dem Hause. Mit musisch leichtbeschwingtem Schritte durchsteuert er des Dorfes Mitte und ist in Bälde dann auch dort am Chor-Gesanges-Trainingsort. Leicht klopft des Menschen Herz im Busen in der Erwartung nun der Musen. Jedoch, indem er tritt hinein. da stellt er fest: Ich bin allein! Das Chorgestühl, es ist noch leer. Leicht staunend blickt der Mensch umher. bedauert heimlich seine Eile und wartet stehend eine Weile, bis er sich dann zu guter Letzt bescheiden auf ein Stühlchen setzt. Ach ja, es kann der Mensch nicht ahnen, dass nun das Schicksal seine Bahnen in gnadenloser Strenge schneidet und er gar bald schon bitter leidet. Es muss doch längst halb acht schon sein! Der Mensch sitzt immer noch allein... Jedoch da geht die Türe auf ganz atemlos und mit Geschnauf schiebt eine Maid sich durch den Spalt, (ganz offensichtlich singt sie Alt). Mit einem scharfen Brillenblick bemustert sie das neue Stück, grüßt hoheitsvoll und etwas kühl (der Mensch hat irgendein Gefühl!) nimmt Platz, holt dann aus ihren Taschen ein Strickzeug und zählt ihre Maschen. Der Mensch sitzt einsam und allein, da kommt auch schon die nächste rein, nimmt von dem Neuen kaum Notiz, sinkt würdevoll auf ihren Sitz, fängt mit der ersten an zu plappern, wobei die Nadeln eifrig klappern. Der Mensch sitzt unbemerkt und still, weil man ihn nicht bemerken will. Inzwischen öffnet sich die Tür: herein tritt Nummer drei und vier. Sie tun so wie die ersten beiden, bemüht, den Neuling strikt zu meiden. Es nahen noch mehr Damen jetzt, teils mehr, teils weniger gesetzt. Der Mensch, er denkt verwundert bald: heut Abend probt wohl nur der Alt? Oder aber, ja wer weiß, dies ist vielleicht der Mütterkreis? Ganz scheu und in sich selbst verkrochen, sieht er sich plötzlich angesprochen: "Wo Sie dort sitzen, sitzt Sopran!" , so redet ihn die Stimme an! Auch trifft ihn strafend streng ein Blick. Der Mensch zieht schleunigst sich zurück, um eine Reihe weiter hinten für sich noch einen Platz zu finden. "Hier sitzt Frau Meier", heißt es prompt, "die meistens etwas später kommt!" Der Mensch entschuldigt sich erschrocken, tritt auf nen halb gestrickten Socken, sieht ein, dass er ja doch als Neuer den Stuhl muss räumen, den Frau Meier eventuell nachher besetzt. Und drückt sich ganz nach hinten jetzt. Inzwischen kommt, es ist schon später der erste männliche Vertreter. Der Mensch merkt deutlich, dieser Chor, der hat auch Bass noch und Tenor! Ein zweiter und ein dritter strömen und wollen ihren Platz einnehmen, wobei sie sehr viel Zeit gebrauchen und Pfeife nebst Zigarren rauchen. Dies schien dem Menschen zunächst friedlich und außerordentlich gemütlich. Da hört er eine Stimme, dass er säße auf dem Platz vom Bass! Verzweifelt blickt der Mensch umher. wo noch vielleicht ein Stehplatz wär. Da flötet, wie er weicht nach rechts, ein Fräulein weiblichen Geschlechts mit gräulich leicht meliertem Haar: "Hier sitze ich schon zwanzig Jahr! Und auch der leere Stuhl daneben. der ist schon an Frau X vergeben!" Der Mensch ist nun total geknickt und hält sich selber für verrückt: Hier jagt man stets ihn in die Höh, zu Haus steht leer sein Kanapee! Er überwindet sich jedoch und findet ganz am Ende noch ein Plätzchen, wo er dann darf bleiben und niemand mehr ihn tut vertreiben. Als Außenseiter macht er so die Probe mit und ist sehr froh, wenn schließlich so um zehn vor zehn vorbei das Reden und Getön. Der gute Dirigent hat zwar, vielleicht der Vorstand selbst sogar, den Menschen, der so mitgenommen. inzwischen doch noch spitz bekommen, ihn respektive auch begrüßt, doch bleibt, was nicht zu ändern ist: Des Menschen Drang zum Kirchenchor ist nicht mehr so als wie zuvor, denn jene Sache mit den Stühlen tat sehr den Sangeseifer kühlen. "Nie wieder" schwört er Stein und Bein, "tret ich in so etwas hinein!" Vier Wochen später fasst sodann besagter Mann, falls er ein Mann, ein Herz sich und tritt dem Vereine, dem Kegelklub bei, "Alle Neune". Und der Verfasser spricht recht trübe: "So endet eine große Liebe!" Heinz Nowack (aus: "Der Kirchenchor", 11. Jahrgang 1951, Heft 1)