Sketsch: Das Klassische Gedicht Szene für einen Dichter und einen Lautsprecher - frei nach Georg Kreißler bearbeitet von Manfred Günther Dichter: Meine Damen und Herren, an dieser Stelle unserer Fernsehsendung wollte ich Ihnen ein eigenes Gedicht bringen, das gerade jetzt in meinem neuen Buch enthalten ist, aber unser Abteilungsleiter hat den Text gelesen, hat sehr gelacht, hat gesagt ha, ha, dieses Gedicht ist wirklich wahnsinnig komisch und wahnsinnig gut, ha, ha, wir können es aber leider nicht brin- gen. Jetzt habe ich also noch drei Minuten Zeit und werde etwas tun, was ich schon lange im Fernsehen tun wollte. Ich werde Ihnen ein klassisches Gedicht vortragen. Ich möchte zeigen, daß ich auch ein ernst zu nehmender Dichter sein könnte, wenn man mich nur ließe. Meine Damen und Herren: Der Erlkönig. (deklamiert) Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind. (Aus einem Lautsprecher ertönt eine Stimme) Stimme: Entschuldigen Sie - Verzeihung, wenn ich unterbreche! Dichter: Ja? Wer spricht mit mir? Wo sind Sie? Stimme: Sie können mich nicht sehen, nur hören. Ich sitze im Regieraum. Ich bin die Bevoll- mächtigte der Programmdirektion. Wir wollen natürlich keinerlei Zensur auf Sie ausüben - nur eine Frage: Wenn ich Sie richtig verstanden habe, so wollen Sie jetzt vom vorbereiteten Manu- skript abweichen und ein Gedicht bringen, das unserer Rechtsabteilung nicht vorgelegt worden ist. Dichter: Das stimmt, aber die Rechtsabteilung hat da sicher nichts dagegen. Es ist ein klassi- sches Gedicht. Stimme: Wie gesagt - keinerlei Zensur - es ist nur meine Pflicht, Sie in diesem Fall darauf auf- merksam zu machen, daß Sie jetzt von Millionen Menschen gesehen und gehört werden, dar- unter vielen Jugendlichen. Dichter: Über die jugendlichen brauchen Sie sich schon gar keine Sorge zu machen. Dieses Gedicht lernt man auch immer noch in der Schule. Stimme: Wie Sie meinen! Entschuldigen Sie die Unterbrechung! Dichter: Bitte. - Ich fange noch einmal an. - Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind. Stimme: Entschuldigen Sie, bitte, nur eine Frage: Welcher Vater und welches Kind? Dichter: Was heißt welcher Vater und welches Kind? Irgendein Vater und irgendein Kind. Stimme: Irgendein Kind? Also nicht sein eigenes Kind? Dichter: Natürlich sein eigenes Kind. Stimme: So natürlich ist das heutzutage längst nicht mehr. Wie viele Kinder hat der Mann denn gehabt? Dichter: Das weiß ich nicht. Das ist in diesem Fall aber auch ganz egal. Stimme: Das sagen Sie! Und wir kriegen dann wieder die Anrufe und die Briefe, warum der Vater geritten ist, warum er sich nicht ein Taxi genommen hat, warum das Kind so spät in der Nacht überhaupt noch auf war - Dichter: Hören Sie auf! Ich - ich mache Ihnen einen Vorschlag: Ich trage einfach ein anderes klassisches Gedicht vor, in dem solche Probleme gar nicht erst zur Sprache kommen. Stimme: Das ist sehr freundlich von Ihnen. Wir wollen natürlich keine Zensur auf Sie ausüben. Dichter: Schon gut - ich spreche ein anderes Gedicht: Festgemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt. Heute muß die Glocke werden - Stimme: Einen Moment! Ich glaube, damit bringen Sie sich selbst in die allergrößten Schwie- rigkeiten. Dichter: Ich? Wieso? Mit wem? Stimme: Mit der Gewerkschaft natürlich. Sie sagen: Heute muß die Glocke werden! Das läßt sich doch heutzutage keine Gewerkschaft gefallen. Könnten Sie das nicht vielleicht ändern? Dichter: Ändern? Wie denn? In einem klassischen Gedicht! Stimme: Nun ja, Sie könnten zum Beispiel sagen: In einer Woche eventuell könnte die Glocke fertig werden. Dichter: Ausgeschlossen! Das ist völlig unmöglich. Schon wegen des Versmaßes! Wie hört sich das denn an: Festgemauert in der Erden steht die Form aus Lehm gebrannt. In einer Wo- che eventuell könnte die Glocke fertig werden... Stimme: Was ist denn daran auszusetzen? Dichter: Ich habe es mir gedacht, daß Sie nichts dabei finden! Ach, wissen Sie was, mir fällt da ein anderes Gedicht ein, bei dem solche Schwierigkeiten vermieden werden können. Ja, ich bin bereit, ein anderes Gedicht aufzusagen. Stimme: Das überlasse ich natürlich Ihnen. Wir wollen keinerlei Zensur auf Sie ausüben. Dichter: Ich weiß, ich weiß. Ich trage ein sehr berühmtes und natürlich ganz harmloses Ge- dicht vor: Es war ein Kind, das wollte nie zur Kirche sich bequemen - Stimme: Halt, halt! Ein solches Thema sollten Sie lieber der Sendung "Wort zum Sonntag" überlassen. Dichter: Hören Sie, das ist doch der bare Unsinn. Das ist ein klassisches Gedicht von Goethe. Stimme: Das weiß ich ja. Und wenn Sie das Gedicht rechtzeitig eingereicht hätten, wie es Ihre Pflicht war, dann hätte sich unsere Rechtsabteilung die Sache angesehen, und es gäbe jetzt keine Verzögerung oder schon den nächsten Werbeblock. Dichter: Gut, gut! Ich denke da gerade an ein Gedicht - ha, ha -, da werden sogar Sie nichts auszusetzen finden. Es ist ein klassisches, auf der ganzen Welt bekanntes Gedicht. Stimme: Na also, das freut mich. Wir wollen nämlich keinerlei Zensur auf Sie ausüben. Dichter: Das ist mir klar. - Meine Damen und Herren, zum Abschluß ein berühmtes klassi- sches Gedicht von Heinrich Heine: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten - Stimme: Wenn Sie schon nicht wissen, was es bedeuten soll, was soll dann unsere Rechtsabtei- lung und die Zuschauer denken? Dichter: Hören Sie - wenn Sie meinen, Sie können mich hier fertigmachen - Stimme: Aber nein! Dichter: Ich bin ein hartnäckiger Dichter. Ich werde hier stundenlang Gedichte vortragen, bis Sie eines genehmigen. Stimme: Warum regen Sie sich denn auf? Wir wollen doch keinerlei Zensur auf Sie ausüben. Wir sitzen doch alle im gleichen Boot. Dichter: Vielleicht - aber ich muß ihnen sagen, das Boot wackelt schon bedenklich! - Egal - ich trage noch ein klassisches Gedicht vor: Zu Dionys, dem Tyrannen, schlich Damon, den Dolch im Gewande - Stimme: Wir wollen keinerlei Zensur ausüben, aber Terroristendichtung geht zu weit. Dichter: Terroristendichtung? Dieses Gedicht ist von Schiller! Stimme: (nach einer kleinen Pause) Vom ehemaligen Superminister Schiller? Dichter: Nein, von Friedrich Schiller, dem Dichterfürsten. Stimme: Das habe ich mir ja gleich gedacht. Aber von Tyrannen und Dolchen und Sachen im Gewande können wir hier nicht reden. Es sitzen ja schließlich Kinder vor der Mattscheibe. Ich verstehe auch überhaupt nicht, warum Sie immer ein neues Gedicht anfangen. Es wäre doch viel einfacher, die alten so zu ändern, daß niemand an ihnen etwas auszusetzen hat. Das ma- chen wir schon seit Jahren so. Dichter: (müde) Gut - ich werde es versuchen: Zu Dionys, dem - Lebensmittelhändler - schlich Damon - eine Tafel Schokolade im Gewande. Ihn schlugen die Häscher in Bande. Stimme: Warum? Dichter: Da haben Sie recht: Eine Tafel Schokolade ist kein Anreiz für einen Häscher. Ich werde es noch einmal ändern: Zu Dionys, dem - Lebensmittelhändler - schlich Damon. Er kam mit den Häschern zu Rande. Dann holte er sich einen Bürgen, einen netten Mann, namens Jürgen. Sie spielten zusamm' in der Kneipe Skat, eine Stunde lang, bis Dionys bat: Ich sei, gewährt mir die Bitte, bei eurem Skatspiel der Dritte. Stimme: Na also, bravo! Das ist doch hübsch! Warum haben Sie das nicht gleich gebracht? - Ende -