Zeit ist Gnade In jungen Jahren war ich manchmal krank. Dann bat ich die Mutter, mir meine silberne Taschenuhr zu bringen, die ich sonst nur sonntags tragen durfte. Wenn das Fieber zu hoch war und ich keine Lust zu lesen hatte, nahm ich sie immer wieder in die Hand. Wie langsam schlich der große Zeiger dahin, beim Stundenzeiger sah ich überhaupt keinen Fortschritt. Natürlich machte ich auch die hinteren Deckel auf, bestaunte das Räderwerk und freute mich an der Unruhe, die wie mein schneller Puls so deutlich hin und her tickte. Bald drehte ich die Uhr wieder um und hatte meinen Spaß am Sekundenzeiger. Wie wacker marschierte der Kleine im Kreis herum. Ich wünschte, wie so oft, daß er noch schneller seine Runde machte, damit der lange Krankheitstag rasch vorbeiginge. Ich war ja noch jung, vertraute darauf, daß ich wieder gesund würde und dann lag das ganze lange Leben noch vor mir. Später, nun größer geworden, kamen mir andere Gedanken. Die Bahnhofsuhr war die erste, die den kleinsten Zeiger zum größten machte. Zeit schien knapp und kostbar zu sein. So rast der rote Sekundenzeiger über das ganze Zifferblatt, er überrundet die Stundenskala in einer einzigen Minute. Ich sehe ihm nicht gerne zu. Das Leben scheint mir zu verströmen, dieser Zeiger frißt mir die Zeit weg. Kirchturmuhren allerdings haben keinen Sekundenzeiger, ja, manchmal, bei den alten, nur einen Stundenzeiger. Das erscheint mir tröstlich. Einmal konnte ich vom Krankenlager eine solche Uhr sehen und alle Viertelstunde auch mit tiefem Glockenschlag hören, was es geschlagen hatte. Die Kirchturmuhr zeigt zwar die gleiche Zeit an und doch ist es anders. Denn unter ihr erstreckt sich die Kirche. Ich sah zwar nur ein Stück des Kirchendaches, aber ich konnte sie mir vorstellen, mit Altar und Bänken, mit Kanzel und Taufstein. Ich wußte, was in ihr verkündigt wurde: "Meine Zeit steht in deinen Händen" (Psalm 31, 16). Der Turm mit seiner Uhr an der Seite und dem Kreuz auf der Spitze zeigt hinauf. Am deutlichsten sprach jene Uhr zu mir, die eine Gemeinde an ihrer neuen Kirche angebracht hatte. Bei dieser Uhr sind die Ziffern durch Buchstaben ersetzt. Liest man sie in der oberen Hälfte im Uhrzeigersinn, so entziffert man: "Zeit ist". Ja, welche Zeit ist? Nur die, die die Uhr anzeigt? Und was ist überhaupt Zeit? Diese Uhr gibt die Antwort, wenn man die untere Hälfte nun gegen den Uhrzeigersinn buchstabiert. Es ist nur ein Wort: "Gnade". Die Uhr will jedem, der sie nach der Zeit fragt, diesen Satz einprägen: "Zeit ist Gnade". Die 12 nackten Ziffern, die unser tägliches Leben zerschneiden, sind der Gnade Gottes gewichen. Sein ist die Zeit, und aus seiner Fülle nehmen wir Gnade um Gnade. Weil uns Gott in Jesus Christus gnädig ist, macht er es auch gnädig mit uns und unserer Zeit. Wir dürfen jede Stunde aus seiner gnädigen Hand als großes Geschenk entgegennehmen: Die langsam dahinschleichenden Stunden in Krankheitstagen als Stunden der Besinnung, der Läuterung, des Glaubens; die schnellen Stunden als Stunden der Freude, des Erlebens, der Erfüllung. Lesen wir doch künftig auf jeder Uhr anstelle der 12 Ziffern: "Zeit ist Gnade". Siegfried Heinzelmann