WÜNSCHE DER 7 WEIZENKÖRNER Inhaltsangabe: Ein Leben, das seiner Bestimmung nicht entspricht, bringt auch keine Frucht DIE WÜNSCHE DER 7 WEIZENKÖRNER In einem großen Weizenfeld stand eine Ähre mit vielen kleinen Körnern darin, die geborgen und behütet in ihrem Häuschen saßen und auf das große leben warteten. Und während sie so warteten und wuchsen und reiften, machten sie sich ihre Gedanken und sprachen über ihre Wünsche. "Ich möchte einmal viel erleben", sagte das Erste, "und die Welt sehen; endlich einmal etwas anderes sehen als dieses Weizenfeld!" Das Zweite sagte: "Ich möchte ein sinnvolles Leben haben, das für die Menschen nützlich ist!" Das dritte und das vierte Korn pflichteten ihm bei: "Ja, das wollen wir auch! Wir wollen dem Hunger in der Welt wehren." Das fünfte Körnlein wollte in Ruhe sein Leben genießen. Körnchen Nummer 6 schaute in die Ferne und sagte sehnsüchtig: "Ich möchte Gottes Geheimnisse sehen!" Das letzte Körnlein war etwas einfältig und wusste nicht so recht, was es sich wünschen sollte. "Ich möchte, das Gott mein Leben gebraucht, wie er will", sagte es schließlich. Und es geschah, dass der allmächtige Gott die Wünsche der Ährenkinder hörte und beschloss, jedem Körnlein zu geben, was es begehrte. - Und als die Körnlein dick und reif waren und die Ernte kam, da fiel das erste, das die Welt sehen wollte, neben dem Sack auf den Wagen und fuhr die lange Strecke vom Feld zur Scheune, vorbei an Wiese und Wald, an Häusern, Menschen, gärten, an Rinderherden, die von der Weide kamen, und Schulkindern, die von der Schule kamen. Und es schaute und schaute. Dreimal fuhr es vom Feld zur Scheune und von der Scheune zum Feld. Dann fiel es an einer holprigen Wegstelle vom Wagen. Das fünfte Körnlein, das sein Leben genießen wollte, kam erst gar nicht auf den Wagen. Es hatte Angst vor dem Mähdrescher und sprang vorher auf die Erde. Da freute es sich an Luft und Sonnenschein und schloss Freundschaft mit einer Ackerwinde und einem Marienkäfer - bis ein frecher Spatz kam und es einfach aufpickte. Die anderen Körnlein fielen alle miteinander in einen großen Sack und kamen in die Scheune. In dem Sack war es ziemlich dunkel und sehr eng. Sie stießen und drückten sich gegenseitig. Es war nicht mehr so schön wie in ihrer Kinderstube, wo jeder sein eigenes kleines Häuschen an der großen Ähre hatte. Die Körnlein, die ein sinnvolles Leben haben wollten, wurden eines Tages zusammen mit vielen anderen von einer großen Schippe aus dem Sack geholt und in die Mühle geworfen. Körnchen Nummer 4 ahnte, was da kommen sollte und sprang schnell von der Schippe ab - zurück in den Sack. "Nein, nein! Das ist zuviel! Da verliere ich mich ja. So eng mit den anderen zermahlen und verbacken werden, das ist doch geschmacklos!" Der allmächtige Gott achtete den Wunsch des Körnleins. Und am nächsten Tag griff die Bäuerin es mit einer Hand voll anderer Körner und streute sie alle mit weitem Schwung in den Hühnerhof. Jedes hatte Weite um sich und sein persönliches Plätzchen und jedes wurde einzeln und ganz für sich von den Hühnern gefressen. Die anderen beiden aber, die in die Mühle geraten waren, wurden gemahlen und im Ofen zu knusprigen Brötchen gebacken. Und am Morgen beim Frühstück machten sie die Kinder satt. Nun blieb noch das sechste Körnchen, das Gottes Geheimnisse sehen wollte und das kleine Siebte, das sich einfach von Gott gebrauchen lassen wollte. Und der allmächtige Gott dachte an sie und dachte sich etwas ganz Schönes für sie aus. Körnchen Nummer 6 kam eines Tages auch in die Mühle und in die Backstube und musste durch die gleichen schmerzhaften Prozesse gehen wie seine Brüder vorher und mit vielen anderen zusammen zu Brot werden. Es wurde aber kein knuspriges Brötchen für den Morgenkaffee, sondern es kam als Abendmahlsbrot auf den Altar der kleinen Dorfkirche. Und als der Pfarrer Gebet und Segen für das Abendmahl sprach und das Brot emporhob, da spürte es, dass etwas vom Geheimnis Gottes in ihm selbst war. Das kleine siebte Korn aber griff der Bauer mit seinen Brüdern und Schwestern, die auch noch übrig waren, und fuhr sie wieder zurück zum Acker. Mit gleichmäßigen Armbewegungen warf er sie in die schwarze Erde. Dann kam die Egge und der Boden schloss sich über ihnen. Körnchen Nummer 7 wusste nicht, was mit ihm geschah, es war zu einfältig, um sich viele Gedanken zu machen. Es blieb still im Dunkel und ertrug die Schmerzen und Veränderungen, die es in sich fühlte, bis es in der Erde starb. Und nach einigen Monaten wuchs dort, wo es gestorben war, eine Ähre auf, die dreißig Körner trug. Der allmächtige Gott lächelte und nahm sieben davon für sich auf den Altar, und sieben warf er wieder auf den Acker - und alle, die noch übrig waren, bekamen die Kinder als Frühstücksbrötchen. Gertrud Renate Sopp