WOHER KOMMT DAS BÖSE AUF DER WELT? Ein Einsiedler lebte im Wald. Einmal versammelten sich ein Rabe, eine Taube, ein Hirsch und eine Schlange an dem Baum, wo er lebte. Sie begannen sich darüber zu unterhalten, woher das Böse auf der Welt komme. Der Rabe sagte: »Alles Böse auf der Welt kommt vom Hunger. Wenn du satt bist, setzt du dich auf einen Ast, krächzt dir eins, alles ist lustig und schön und du freust dich über alles. Aber kaum musst du einen oder zwei Tage hungern, wird dir alles so zuwider, dass du Gottes Welt am liebsten nicht mehr sehen möchtest. du fliegst von Ort zu Ort, vergisst selbst die eigenen Kinder und erblickst du dann ein Stück Fleisch, stürzt du dich voll Begierde darauf, auch wenn es einem anderen Vogel gehört. du fängst einen heftigen Streit um das Fleisch an und dir ist ganz egal, ob dabei der andere in diesem Kampf draufgeht, wenn du nur das Fleisch als Beute bekommst. Alles Böse kommt vom Hunger.« Die Taube sagte: "Meiner Meinung nach kommt alles Böse von der Liebe. Könnten wir allein leben, hätten wir wenig Kummer. Aber wir müssen wohl immer pärchenweise leben. Sobald du ein Weibchen liebst, hast du keine Ruhe mehr. Erst musst du es erobern. Du musst dich aufplustern und das ganze Gefieder spreizen. Und dann gibt es böse Kämpfe. Hast du die Allerliebste gewonnen, wird sie dir von andern geneidet. Voll Eifersucht wollen sie sie dir abspenstig machen und für sich gewinnen. Also musst du gerüstet sein. Und wenn du den Kampf gewonnen hast, denkst du stets: Ist sie satt? Ist sie warm? Wohin ist sie ausgeflogen? Und wenn dein Weibchen ums Leben kommt, dann erscheint dir die ganze Welt nicht mehr schön. Du isst nicht mehr und trinkst nicht mehr und weinst nur noch. Du meinst, alles Leid der Welt liege auf dir. Auf diese Weise kommen viele der Unsrigen um. Das Böse kommt von der Liebe.« Die Schlange sagte: »Alles Böse kommt vom Willen. Immer willst du etwas haben. Immer willst du dich vor anderen aufspielen. Kaum dass etwas nicht nach deinem Willen geschieht, gerätst du in Wut. Man weiß kaum, was mit einem selber geschieht. Du kennst dich selbst nicht mehr. Du zischst nur, kriechst umher und suchst jemanden, den du beißen kannst. Mit keinem hast du mehr Mitleid und du wirst so böse, dass du dich am Ende selber nicht mehr willst und dich zu Grunde richtest. Alles Böse kommt aus dem bösen Willen.« Der Hirsch sagte: »Alles Böse kommt von der Angst. Die Angst nimmt dir den Schlaf Die Angst lässt dir keine Rast und keine Ruhe. Die Angst ist gefährlich, weil sie dich misstrauisch macht. Im Wald braucht nur ein Zweig zu knacken, ein Blatt zu rascheln, schon zitterst du am ganzen Leib, das Herz beginnt zu klopfen, du saust davon, was die Beine hergeben und vergisst alles, was du tun musst. Schlägt ein Vogel mit den Flügeln, glaubst du, er sei ein wildes Tier und du rennst so lange, bis du wirklich auf ein wildes Tier stößt. Selbst ein kleines Mäuslein jagt uns so große Angst ein, dass wir auf das arme Geschöpf einschlagen, das selber Angst vor uns hat. Siehst du einen Hund, machst du ihn erst dadurch auf dich aufmerksam, dass du ängstlich vor ihm wegrennst. Jetzt beginnt für dich eine böse Jagd, die damit endet, dass du vor lauter Aufregung nicht merkst, wie du an einen Abhang gerätst, wo du nur noch die Wahl zwischen Hundebiss und Absturz hast. Alles Böse kommt aus der Angst.« Als sich die Tiere nicht einigen konnten, fragten sie den Einsiedler um seine Meinung. Er sagte: »Ihr habt alle ein bisschen Recht. Hunger und Liebe und der böse Wille und die Angst bringen viel Böses hervor. Aber Hunger und Liebe und der Wille und die Angst sind nur ein Teil von uns. Wir selbst sind es, die mit unseren Kräften so viel Böses in der Welt verursachen.« Tolstoi