STELLVERTRETUNG Im 19. Jahrhundert lebte im Kaukasus ein Fürst namens Schamil. Er regierte ein kleines Bergvolk und galt als unbestechlich, gerecht und sehr klug. Seine Mutter, die ihn auf seinen Kriegszügen begleitete, liebte er innig. Eines Tages wurde Schamil gemeldet, daß wichtige Geheimnisse an den Feind verraten worden seien. Der Täter blieb unentdeckt. Dieser Vorfall wiederholte sich. Schamil verfügte, daß ein solcher Verräter, würde er entdeckt, mit hundert Geißelhieben auf nacktem Rücken bestraft würde. Er wollte solchem Verrat aus den eigenen Reihen Einhalt gebieten. Eines Tages wurde ihm gemeldet, daß der Täter entdeckt sei. Es war seine geliebte Mutter. Drei Tage ging Schamil mit sich zu Rate. Gerechtigkeit und Liebe stritten miteinander in seinem Herzen. Beiden mußte er genügen, aber wie? Schließlich wurde die Mutter in Fesseln vorgeführt, um die hundert Geißelhiebe zu empfangen. Als der Henker die Hand erhob zum ersten Schlag, sprang Schamil vor, legte seinen Mantel ab ,und sprach: "Schlagt mich, ich trage ihre Strafe!" So tat er der Gerechtigkeit und der Liebe genüge und empfing die Strafe. Die Sünde verlangt nach Sühne, die Liebe verlangt Vergebung. In der Stellvertretung Christi am Kreuz ist beides vereint. Gottes heiliger Wille ist nicht außer Kraft gesetzt, aber seine Liebe ist um so deutlicher hervorgetreten. Heinz Gerlach: Salz zum Würzen 1983