Helfen Ein Brief von Franz Rosenzweig vom 11. März 1920 an Ilse Hahn, die Schwester seiner Braut Edith. Meine liebe kleine Schwester, ich danke Dir für Deine lieben Worte. Weißt Du, dass es Dir gar nicht leid zu tun braucht, dass Du nicht selber die Kraft hattest, Dir "die Wahrheit mal richtig zu sagen, Dir zu helfen"? Denn kein Mensch hat diese Kraft. Kein Mensch kann sich selber helfen, Die Welt ist zwar voller Leute, die das sich einreden, aber es gelingt ihnen allen so wenig, wie es Münchhausen gelang, sich an seinem eigenen Schopfe aus dem Sumpf zu ziehen. Jeder kann immer nur den anderen, der ihm gerade zunächst in Sumpf steckt, beim Schopfe fassen. Dies ist der "Nächste", von dem die Bibel redet. Und das Wunderbare dabei ist nur, dass jeder selber im Sumpf steckt, und trotzdem kann er den Nächsten herausziehen oder vielmehr vor dem Versinken bewahren. Boden unter den Füßen hat keiner, jeder wird wieder nur gehalten von anderen "nächsten" Händen, die ihn beim Schopf packen, und so hält einer den anderen und oft, ja meist (ganz natürlich! denn sie sind ja gegenseitig sich "Nächste") beide sich gegenseitig. Diese ganz mechanisch unmögliche gegenseitige Halterei ist dann freilich erst möglich dadurch, dass die große Hand von oben alle diese haltenden Menschenhände selber bei den Handgelenken hält. Von ihr her und nicht von irgendeinem gar nicht vorhandenen "Boden unter den Füßen" kommt allen diesen Menschenhänden die Kraft, zu halten und zu helfen. - Es gibt kein Stehen, nur ein Getragenwerden - "Wie der Adler seine Brut". Lass Dir von Edith sagen, wo das steht, und gib ihr einen Kuss von ihrem und auch Deinem Franz.