ICH SELBER KANN UND MAG NICHT RUHN Geh' aus, mein Herz und suche Freud, denn du hast nicht mehr lange Zeit, dich an Natur zu laben. Schau an der schönen Gärten Zier, solange Blume, Baum und Tier noch Raum zum Leben haben. Die Bäume stehen voller Laub, doch die Chemie senkt ihren Staub herab auf Wald und Weide. Narzissus und die Tulipan, die weichen heut der Autobahn. Im Abgas wächst Getreide. Die Lerche schwingt sich in die Luft, bis auch ihr kleiner Leib verpufft im Sog der Düsenwerke. Die hoch begabte Nachtigall kämpft gegen den Transistorschwall und unterliegt an Stärke. Die Glucke führt ihr Völklein aus, sofern sie nicht, bestimmt zum Schmaus, nach dumpfer Mast verendet. Der schnelle Hirsch, das leichte Reh, sie sterben in des Menschen Näh' vom Nachtverkehr geblendet. Die Bächlein rauschen in dem Sand mit reduziertem Fischbestand infolge Abfallstauung. Die Wiesen liegen hart dabei. Noch weiden hier die Kühe frei. Bald kommt die Überbauung. Die unverdroßne Bienenschar findet bei uns von Jahr zu Jahr mehr giftbesprühte Blüten. Des süßen Weinstocks starker Saft, er fordert Leben, kostet Kraft, weil viele sich nicht hüten. Ich selber kann und mag nicht ruhn, denn jeder muss das Seine tun, so groß sind die Gefahren. Ich singe mit, wenn alles singt, voll Hoffnung, dass es uns gelingt, die Schöpfung zu bewahren. E.R. (Aktion "e"-Magazin Nr.2, Brot für die Welt, Stuttgart 1979, S, 14)