EINE SCHWERE ENTSCHEIDUNG Kurt lebte seit zwei Monaten in New York. Er wohnte in einem dunklen, schäbigen Zimmern bei Herrn Murphy, einem irischen Witwer mit fünf Kindern. Jimmy war der Jüngste. Das Haus, in dem sie wohnten, war eine der riesigen Mietskasernen in dem armseligen, übervölkerten Einwandererviertel im Süden Manhattans. Hier lebten Griechen, Iren, Juden, Franzosen, Deutsche, Russen und Italiener. Eines Tages wurde Jimmy schwer krank. Kurt, der früher ein berühmter Kinderarzt in Berlin gewesen war, ging zu Mr. Murphy. "Mr. Murphy", sagte er, "Sie wissen, dass ich Jimmy nicht behandeln darf, da ich das amerikanische Examen noch nicht abgelegt habe. Aber darauf kann Jimmy nicht warten. Sie müssen sofort einen Arzt holen." Jimmy stöhnte in seinen Fieberträumen. Der Arzt kam zweimal, ein dürrer, alter Italiener mit zittrigen Händen. Als das Fieber gegen Mitternacht wieder anstieg, schickte Kurt Mr. Murphy nochmals zum Arzt. Nach einer Weile aber kam Mr. Murphy allein zurück. Der Arzt wollte nicht kommen, da der letzte Besuch noch nicht bezahlt war. Als Mr. Murphy sein röchelndes Kind betrachtete, drehte er sich zu Kurt um und flüsterte wild "Sie sind doch ein Arzt, "um Gottes Willen ... lassen Sie das Kind nicht sterben!" Die niedrige Stube war voller Menschen. Die Brüder und Schwestern Jimmys standen angstvoll herum, ebenso ein paar Nachbarn. Alle sahen auf Kurt. Er stand vor einer schweren Entscheidung. In ein paar Monaten würde er das Examen machen und ein neues Dasein beginnen. Sollte er das gefährden und gegen die Gesetze des Landes verstoßen? Sein Gesicht war blass. Auf der einen Seite war das Gesetz und eine leuchtende Zukunft, Frieden, Wohlstand ... und auf der anderen, wenn man ihn erwischte, neue Heimatlosigkeit, neues Elend ... und dazwischen ein leidendes Kind, geschüttelt von Fieber und Schmerzen. Kurt zog die Jacke aus. Die Entscheidung war gefallen. Zehn Tage lang kämpfte er um das Leben von Jimmy. Er wurde dünn und mager, aber nach 10 Tagen war das Kind gerettet. Am Tag, an dem Jimmy zum ersten Mal aufstehen konnte, wurde Kurt verhaftet. Der italienische Arzt hatte ihn angezeigt. Am nächsten Morgen ging kein einziger der Männer dieser Straße zur Arbeit, sondern sie gingen zum City Court, dem Gericht der Stadt New York. Als Kurt aufgerufen wurden, drängten sie sich alle vor. Der Richter blickte erstaunt auf die merkwürdige, schweigende Menge vor ihm. "Schuldig oder nicht schuldig?" fragte der Richter. Bevor Kurt antworten konnte, riefen hundert Stimmen: "Nicht schuldig!" Der Richter stutzte. "Was wollt ihr denn?", fragte er dann ganz zwanglos. Nun begann Mr. Murphy zu sprechen und der Richter hörte zu. "... so sind wir hierher' gekommen", endete Mr. Murphy, "die Nachbarn, meine ich. Wir wollen für unsern Doktor aussagen. Wir haben gesammelt, falls er eine Geldstrafe bekommt für das, was er getan hat: nämlich einem Kind das Leben gerettet!" Der Richter erhob sich und lächelte. Er ging zu Kurt und drückte ihm die Hand. "Sie werden einmal einen guten Amerikaner abgeben", sagte er mit leiser Stimme. Dann klopfte er mit dem Hammer auf den Tisch. "Sie haben gegen das Gesetz verstoßen", sagte er, "um einem höheren Gesetz zu gehorchen. Ich spreche Sie frei. Und ihnen allen danke ich, dass Sie gekommen sind, um hier auszusagen. Nächster Fall!" H. Liepmann