DREI SÖHNE Der Vater hatte drei Söhne großgezogen. Drei Söhne sind eine Freude, drei Söhne sind eine Sorge. Aber wenn man sie am Samstagabend um die Vesperstunde herum um den Tisch sitzen sieht, alle kräftig und prächtig gewachsen, mit der richtigen Naturbegabung, sich die Butter dick aufs Brot zu streichen und die Wurst nicht zu vergessen, klopft ein Vaterherz höher. Drei Söhne sind drei gute Esser und der Vater greift immer wieder zum Messer, vom Brot ein paar neue Scheiben für seine Söhne herunterzuschneiden und die Hartwurst abzusäbeln. Inzwischen ist es halb acht geworden. Der Vater blickt auf Rudolf, seinen Ältesten. "Würdest du mir einen Gefallen tun, Junge?" "Natürlich Vater." "Lauf doch einmal schnell hinunter zur Ecke in die Wirtschaft "Zum Grünen Anker" und hol mir bitte einen Krug Bier." Rudolf, der Achtzehnjährige, sieht auf die Uhr. "Zu dumm, Vater, aber leider, ich muss mich noch rasieren, umziehen, fein machen. Ich habe um acht ein Rendezvous und möchte mein Mädchen nicht gerne warten lassen. Das siehst du doch ein?" Der Vater sieht es ein, er wendet sich an Jürgen, seinen Sechzehnjährigen. "Na Junge, wie wär's mit dir? Würdest du einmal schnell hinunterlaufen und deinem alten Vater einen Krug Bier holen?" Jürgen hält mitten im Kauen inne. Eine Scheibe Wurst zwischen den Fingern, eine Scheibe Wurst zwischen den Zähnen. "Muss das sein, Vater? du siehst, dass es mir pressiert, ich beeile mich schon mit dem Essen. Ich habe für heute Abend Kinokarten für einen Western. Ich möchte nicht gern zu spät kommen, die Vorstellung beginnt um acht und das Kino, das ihn spielt, liegt drüben in der Altstadt." Ein Vater ist ein Vater. Ein Vater möchte nicht gern. dass sein Junge zu spät ins Kino kommt. Er hat dafür volles Verständnis. Außerdem hat er ja noch einen Jungen, der ihm das Bier holen kann, seinen Andreas, fünfzehn Jahre. Er blickte also vom Tisch aus seinen beiden großen Jungs nach, die noch kauend aufgesprungen sind und davoneilen, der eine zu seinem Rendezvous, der zweite zu seinem Film. In diesem Augenblick sagt Andreas, fünfzehn Jahre, der Jüngste der Söhne, seinen Brüdern mit vorwurfsvollem Kopfschütteln nachschauend : "Da hast du dir ein paar feine Typen herangezogen, ein paar gute Halbstarke großgezogen! Aber Vater, wenn du jetzt hinuntergehst, dir dein Bier zu holen, würdest du mir da bitte eine Schachtel Zigaretten und eine neue Illustrierte mitbringen?" Jo Hanns Rösler vgl. Mt. 21, 28 - 31