Die letzte Rolle des Schauspielers Das Moskauer Staatstheater brachte die Uraufführung der Posse "Christus im Frack". Das Stück sollte während des ganzen Sommers gespielt werden. Alle Schulen und alle Jungarbeiter wurden aufgefordert, dieses Theater zu besuchen. Wenig später aber sprach kein Mensch mehr davon. Gespielt wurde es nie mehr. Verschuldet hatte das der berühmte Schauspieler Alexander Rostowzew. Er sollte den Christus spielen. Bis zur Premiere galt er als großer Star und überzeugter Kommunist. Danach verschwand sein Name. Das kam so: Auf der Bühne stand ein Altar. Er glich eher einer Bartheke. Wein- und Schnapsflaschen waren in Form eines Kreuzes aufeinandergeschichtet. Beleibte Priester und Mönche umtänzelten den Altar. Ihr versoffenes Gegröle ahmte das Gebet der Litanei nach. Hysterischer Augenaufschlag sollte religiöse Gefühle darstellen. Auf dem Boden wälzten sich dicke Klosterfrauen, die sich Wodka in die Kehle gossen und möglichst ordinär zu reden versuchten. Im zweiten Akt betrat Rostowzew in der Rolle Christi die Bühne. In der Hand hielt er die Bibel. Daraus sollte er die ersten zwei Seligpreisungen der Bergpredigt vorlesen. Dann sollte er das Buch wegschleudern und in den Ruf ausbrechen: „Reicht mir Frack und Zylinder!" Aber es kam anders. Alexander Rostowzew las würdig und laut: "Selig sind die Armen im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich. Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden." Wenn er sich an seine Rolle gehalten hätte, mußte er jetzt das Buch wegwerfen. Statt dessen aber las er weiter: "Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen." Rostowzew schwieg plötzlich. Der Souffleur wurde ratlos und erblaßte. Das Publikum spürte, wie in Rostowzew eine tiefe Bewegung vorging, die sicher nicht seiner Rolle entsprach. Jeder hielt den Atem an, und Grabesstille beherrschte das Haus. Nach einer Pause unheimlicher Spannung las der Schauspieler weiter: "Selig sind, die da hungern und dürsten nach Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden." Voller Ergriffenheit las er schließlich von jenen, die: selig sind, weil sie um des Namens Jesu willen Verfolgung leiden. Im großen Saal des Moskauer Staatstheaters herrschte atemlose Stille. Niemand protestierte. Alle horchten gespannt und warteten, was nun wohl geschehen würde. Das Ende der Szene war ebenso überraschend wie ihr Beginn: Rostowzew schlug das Kreuz über Kopf und Brust und brach in den erschütternden Ruf des Schächers am Kreuz aus: "Herr, gedenke meiner, wenn du in dein Reich kommst!" Dokumentator, Verfasser unbekannt _____________________________ Als Predigt umgesetzt: Perikopenreihe 5, Gründonnerstag, "erzählende Predigt" F:/arbeit/public_html/Texte/Archiv05/524gruendonerz.txt