DIE DICKE ORANGE "Nächsten Sonntag feiert die Kirche das Erntedankfest", erklärte Religionslehrer Lutze. "Wir danken Gott für alles Getreide, Obst und Gemüse, das wir auf dem Feld oder im Hausgarten ernten konnten." "Aber wir kaufen alles nur im Supermarkt", meldete sich der kleine Arnulf. "Wir haben keinen eigenen Garten. Und immer teurer wird es auch, sagt Mama." Lehrer Lutze überlegte angestrengt, aber dann lächelte er. "Es war einmal", so begann er zu erzählen, "in einem fremden fernen Land eine ganz kleine giftgrüne Orange. Die hatte sich im Orangenbaum den schönsten Sonnenplatz ausgesucht, den es gab. Da hing sie nun sehr lange und ließ sich von den Sonnenstrahlen bescheinen. Und sie freute sich an der bunten Welt, dem blauen Himmel, den Vögeln und Schmetterlingen. Vor lauter Freude wurde sie immer dicker und dicker, und auch ihre Farbe wechselte von Grün bis Gelblich und dann zu einem leichten Rot. Schließlich war sie die dickste Orange im Baum. Aber lange, bevor sie richtig reif wurde, pflückte man sie ab und sie kam zu den Menschen. Der eine warf sie in einen Korb, der nächste sortierte sie zu anderen dicken Orangen. Dann wurde sie in einer Kiste in ein Schiff verladen und kam nach Deutschland. Vom Hafen wurde sie in einem Lastwagen zu unserem Supermarkt gefahren, wieder ausgepackt und wartet nun auf euch." Lehrer Lutze lächelte Arnulf zu. "Tja", sagte er, "und wenn deine Mutter die dicke Orange kauft, dann bezahlt sie die Besitzer vom Supermarkt, vom Lastwagen, vom Schiff und von der Orangenbaum-Plantage. Und auch die vielen Verkäufer, Fahrer und Pflücker, die mit ihr zu tun hatten. Ja, sie muß sogar die Chemikalien bezahlen, mit denen die Orange gespritzt wurde und die deine Mutter gar nicht haben mag. Aber die dicke Orange selbst, die so saftig ist und so gut schmeckt, wenn ihr hineinbeißt, und der grüne Zweig, an dem sie hing, und die vielen Tage, die sie reif werden ließen, mit Sonnenstrahlen, blauem Himmel. Vögeln und Schmetterlingen, die gehören keinem Menschen und die kann man nicht bezahlen. Und dafür ...", "...danken wir Gott am Erntedankfest", unterbrach Arnulf und sah den Lehrer strahlend an. Thomas Klocke