DER ÄLTERE BRUDER (Verfasser unbekannt) Er sah sich nach dem Vater nicht mehr um, und die flehende Stimme des Greises erreichte sein Ohr nicht mehr. Flüchtigen Schrittes suchte er nur, den väterlichen Weinberg hinter sich zu bringen und die von Dorngesträuch bestandene Höhe zu erreichen, die ihn auch dem letzten, bittenden Blick entzog. Es drang wohl noch fernher ein verwehter Klang zu ihm von dem Gesänge und dem Reigen des Festes, das sein Vater dem heimgekehrten Lumpen, seinem jüngeren Bruder, zu Ehren veranstaltet hatte. Doch dann erlosch der letzte Laut, und er hielt einen Augenblick inne, so, als ob er in dem Gedanken erschräke, sein Vater möchte inzwischen in das Haus zurückgekehrt sein und das Fest um seiner Flucht willen abgebrochen haben; aber das harte "Nein", das sein letztes Wort gegenüber den Bitten seines Vaters gewesen war, brach noch einmal zwischen seinen Zähnen durch, und er überquerte den Kamm der Höhe, als würde er verfolgt. Er durchschritt die fruchtbare Ebene Jesreel und wanderte dann über das öde Gebirge gen Süden bis in die Nähe von Jerusalem, wo er einen entfernten Vetter wohnen wußte, der ihn denn auch bei sich aufnahm. Mit Hilfe dieses Verwandten, der zur Freundschaft des Hohenpriesters gehörte, gelang es ihm, in Jerusalem eine Stellung als Tempeldiener zu bekommen, in der er allerlei Handreichungen bei den Schlachtungen der Opfertiere vollzog. Diesen Dienst hatte er einige Monate hindurch rnit einem schweigsamen, düsteren Eifer getan, als er - es war am ersten Tage der Woche des Passahfestes - am Eingang des Tempels Zeuge eines ungeheuerlichen Vorfalls wurde, der ihn in einen Zustand von Raserei versetzte. Er ging gerade über den Tempelplatz, als er von Osten, aus der Richtung des Ölbergs, ein Geschrei wie von einem großen Stimmenchor vernahm. Er lief zur Tempelmauer hinauf und sah, daß auf der Zugangsstraße vom Kidrontal her am Stadteingang ein Auflauf stattfand, ohne daß er aber den Wortlaut des Massengeschreis unterscheiden konnte. Von einer fremden Erregung unwiderstehlich gepackt, stürzte er davon in der Richtung auf das Tor, in dessen Nähe er den Herd der Unruhe vermutete. Indem er eine Seitenstraße benutzte, gelang es ihm, an den Aufzug heran zu kommen, der einen Anblick bot, so wahnwitzig und narrenhaft, daß er wohl nur hätte auflachen und sofort wieder umkehren mögen, wenn er nun nicht auch die ihn empörenden Heilrufe verstanden hätte, die dem Narrenkönig auf dem Maulesel galten, und die ihn als Davidssohn ausriefen! Sein Gesicht konnte er aus der Entfernung zwar nicht erkennen. Aber offenkundig ahmte dieser Frechling die Weissagung des Propheten nach, auf Grund deren der Messias auf einer Eselin zu Zions Toren seinen Einzug halten sollte. Er hätte den sich wie besessen gebärdenden Pöbel auseinander peitschen mögen! So aber mußte er ebenso ohnmächtig wie widerwillig sich von dem Menschenstrom, in dem er alsbald eingekeilt war, mit zum Tempeleingang schieben lassen, und hier erst erlebte er mit eigenen Augen das Ungeheuerliche: dieser Prophet aus Nazareth, wie sie ihn nannten, griff selbst zur Peitsche, stieß die Tische der Wechsler um, die sich schon auf den großen Zudrang der Wallfahrer rüsteten, wie sie aus allen Teilen der Welt zum Passahfest zu erwarten waren! Und diese Tempelschändung begleitete er mit Worten, die nur ein Wahnsinniger im Hause Gottes wagen konnte! - Und dann durfte er, wenige Tage später, dabei sein, wie sie ihm den wohlverdienten Prozeß machten! Er konnte wenigstens von fern das Verhör vor dem Hohenpriester verfolgen und hätte etwas darum gegeben, diesem Tempelschänder die Antwort, die ihm gebührte, ins Gesicht schlagen zu können, - konnte ihn aber auch in dieser Nacht bei dem unsicheren Schein der Fackeln von seinem Platz an der Tür her nur in dem Umriß seiner Gestalt erkennen. Dann zog er mit zu dem Palast des Statthalters und durfte sein Teil dazu beitragen, daß der hochmütige heidnische Richter seinen Gleichmut fahren ließ und den Gotteslästerer und Aufrührer für das Kreuz freigab! Er war mit in der Masse, die sich hinter dem Narrenkönig her zur Stadt hinaus wälzte, den Hügel hinauf, der seinen luftigen Thron tragen sollte. Endlich gelang es ihm auch, sich in den vorderen Teil des Zuges zu drängen und in die Nähe des Verbrechers zu kommen, immer aber noch, ohne ihm in das Gesicht geblickt zu haben. Aber dann hing er über allem Volk und allen Augen sichtbar. Sein Antlitz war von dem unter der Dornenkrone hervorquellenden Blut überströmt und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Die Augen hielt er geschlossen. Aber jetzt - oh, er öffnete sie, und zu gleicher Zeit bewegte er die Lippen! Er sah den Blick, der aus diesen Augen ging, und ihn gradwegs auf sich selbst gerichtet, daß kein Ausweichen möglich war . . . Er hörte seine Stimme, er vernahm nur ein Wort, mußte es so hören, als ob es nur um seinetwillen von dem Balken herab ihm zugerufen wäre, das eine Wort: "Vater". Das Wort durchschnitt sein Innerstes, als ob ein Schwert ihm durch das Herz gefahren wäre. Ihm war, als ob er auf der Stelle stürbe, und gleichwohl löste sich in ihm ein Strom von Leben. Er fühlte, wie sich seine Augen füllten, und, durch den Schleier immer noch dem Antlitz des Gekreuzigten verhaftet, sah er - oh Gott - das Antlitz seines Vaters, - in, mit und hinter dem Gesicht, das von dem Fluchholz sich ihm neigte ! Dann war's, als ob ihn eine fremde Hand herumriß an der Schulter, daß er stürzte, den Hang hinunter, durch die Stadt, zum andern Tor hinaus und auf die Straße zum Gebirge. Er lief wohl Tag und Nacht und wieder in den Abend. Er hätte später keinem sagen können, welche Wege er gewählt habe, und wie er bis nach Hause hin gekommen sei. Als er die letzte Höhe überklomm, als er den Weinberg seines Vaters nur noch zu durchqueren hatte, sah er ihn stehen in der Tür des Hauses, mit seiner Hand die alten Augen überschattend, wie einen, der auf jemand wartet und späht schon lange aus nach dem, auf den er wartet! Doch als er sah, wie ihn der Greis erblickte und sich bewegte zu ihm hin, ja, als er ihn wie einen Jüngling ihm entgegen laufen sah auf seinen alten Beinen, - da wankten ihm die Knie, er brach zur Erde, er fühlte nur die Arme, die ihn bargen, und er vermochte nur das eine Wort zu schluchzen: "Vater, Vater" - -