DAS WEIZENKORN Es war einmal ein Weizenkorn. Es sah ebenso aus wie jedes andere Weizenkorn auch. Das erste, an das sich das Weizenkorn erinnern konnte, war ein schönes Gefühl. Es steckte mit einigen anderen zusammen in einem luftigen Haus hoch über der Erde. Das war ein wunderbares Gefühl, ganz oben an einem langen Halm mit den anderen zusammen zu wohnen. Immer schwankte es leise hin und her. Ein herrlicher Ausblick war das. Ringsum die vielen Ähren, die sich sanft im Wind neigten. Es war, als würde man auf ein großes Meer hinausschauen. Ganz leise hörte man das Rauschen und ab und zu eine Lerche, die senkrecht in den blauen Himmel hineinflog und jubilierte. Auch dem Korn war so zumute. Es fühlte sich wohl. Es sollte immer so bleiben. So war das Leben schön. Aber eines Tages schrak es in aller Herrgottsfrühe auf. Lärm und Getöse waren zu hören. Für einen Augenblick sah es, wie ein großes Ungetüm langsam über das Feld kroch. Immer lauter wurde es, immer näher kam das Rattern und Stampfen. Plötzlich war es da, riesengroß. Da fühlte sich das Korn erfasst, geschüttelt, gedrückt und geschlagen. Es wurde dunkel. Entsetzt spürte es einen furchtbaren Sog der Luft und fand sich in einem dunklen Kasten mit tausend anderen Körnen zusammen wieder. Es bebte noch vor Schreck, alles war so furchtbar. Inzwischen war der Sommer vorbei. Die Nächte wurden länger, und es wurde kalt. Das Korn fror und zitterte mit den anderen Körnen zusammen in einem Sack. Und dieser war mit vielen anderen Säcken in der Ecke der Scheune gestapelt. Was sollte nur mit ihnen geschehen? Ein Korn flüsterte es dem anderen zu, dass die Säcke, in denen man zusammengepfercht war, zur Saat aufbewahrt würden. Das Korn erschrak. Muss ich hinaus in die Kälte? dachte es. Soll ich auf die feuchte und kalte Erde geworfen werden? Ich werde darin ruhen, einsam und ganz dunkel? Nein, es wollte nicht in die Erde. Es wollte nicht ins Dunkel. Es wollte unter keinen Umständen in der kalten Erde allein sein. Nein, niemals! Tage vergingen, das Korn bekam immer mehr Angst. Da ging das Scheunentor auf, und ein kalter, eisiger Windstoß wehte dürre Blätter über die Säcke. Dann kam der Bauer. Er holte den Wagen. Es war soweit. Das Korn wusste sich vor Angst nicht zu helfen. Es zitterte. Da wurde der Sack gepackt, und mit einem Schwung wollte der Bauer ihn auf den Wagen werfen. Aber irgendwie glitt er aus, der Sack fiel auf die Tenne und platzte. Körner prasselten auf den Boden. Auch unser Korn sprang davon. War das die Freiheit im letzten Augenblick? Das Korn wollte schon aufjauchzen vor Freude. Aber urplötzlich, wie wenn man sie gerufen hätte, waren die Hühner des Bauern da. Das Korn erschrak. Sollte das das Ende sein? Zum Glück scheuchte der Bauer die kleinen Ungeheuer weg. Dann nahm er die Schaufel und schaufelte die Körner in einen neuen Sack. Der Traum war vorbei. Jetzt ging es aufs Feld, jetzt ging es in die kalte Erde. Jetzt, so dachte das arme Korn, ging es ans Sterben. Es muss wohl so sein. Das Korn spürte dann nichts mehr. Es war wie betäubt. Es merkte nicht, wie es zu Boden fiel und die dunkle, kalte Erde es umschloss. Es spürte auch erst recht nicht, wie sich bald wie ein großes Tuch der Schnee über das Feld legte. Als es wieder etwas fühlte, ging eine merkwürdige Veränderung in ihm vor. Es streckte und streckte sich. Es verwandelte sich in eine kleinen grünen Halm. Es wuchs und wuchs. Es spürte, dass etwas unendlich Schönes aus ihm wurde. Aus dem Korn ist ein grüner Halm geworden. Und oben auf dem Halm wiegten sich kleine Körner in der Sonne. Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es keine Frucht. (Joh. 12,24) Darum musste Jesus ans Kreuz, für uns, damit wir sein Früchte werden. Damit wir seine Hände und Füße sind und überall dort, wo wir einander begegnen, seine Botschaft von Kreuz und Auferstehung weitertragen und weitersagen.