BROTLOSE KUNST (Verfasser unbekannt) Es war einmal ein Vater, der hatte drei Söhne. Die sollten allesamt etwas Ordentliches lernen und deshalb schickte der Vater jeden zu einem tüchtigen Meister in die Lehre. Zwei der Söhne waren auch wohlgeraten und bereiteten dem Vater große Freude. Der älteste hatte sich die Rechenkunst erwählt und addierte, multiplizierte und dividierte so rasch, dass es eine wahre Pracht war. Der zweite wiederum war bei einem Musikanten in die Lehre gegangen. Nun spielte er die Geige so meisterhaft, dass er alle Zuhörer damit verzauberte. Der jüngste Sohn dagegen bereitete dem Vater großen Kummer. Er galt als ein Tollpatsch und Unglücksrabe. Was er anpackte, missriet; nichts gelang ihm. Nirgends hielten es die Meister lange mit ihm aus und schließlich nahm ihn der Vater seufzend zu sich nach Hause. Da lag er nun traurig unter einem Kirschbaum im Garten, steckte sich von Zeit zu Zeit eine der roten Früchte in den Mund und spuckte die Kerne aus. "Ei", freute er sich, "schaut Vater, wie weit ich die Kirschkerne spucken kann! Ist das nichts?" Aber der Vater schüttelte nur bekümmert den Kopf . "Das ist eine brotlose Kunst, mein Sohn. Ich fürchte, aus dir wird nimmermehr etwas Rechtes!" Eines Tages nun wurde der Vater sterbenskrank. Nichts konnte ihm mehr helfen als eine seltene Heilwurzel. Die Wurzel aber wuchs nur am Ende der Welt; keiner wusste so recht wo. Und wer auch den Ort wusste, dem versperrte ein furchtbarer Riese den Zugang. "Habt keine Angst, Vater!" riefen die beiden älteren Brüder wie aus einem Munde. "Wir werden die Wurzel suchen und nicht eher zurückkehren, bis wir sie gefunden haben." "Nehmt mich mit!" bat der jüngste und spuckte einen Kirschkern aus. "Bleibe uns aber ja hundert Schritte vom Leib", befahlen die Brüder, "sonst verdirbst du Tölpel noch alles mit deiner Ungeschicklichkeit." Da folgte der jüngere seinen Brüdern, aber immer im gehörigen Abstand. Nach dem Stand der Sterne berechnete der ältere in Windeseile den genauen Ort der Pflanze. So gelangten sie denn auch endlich nach langer mühseliger Wanderschaft ans Ziel. Der riesige Wächter war so gräulich anzuschauen, dass es den Brüdern ordentlich angst und bange wurde. Doch der zweite besann sich auf seine Kunst, griff nach seiner Violine und spielte so herzergreifend, dass dem Riesen vor Rührung die Augen überliefen. Derweil gelangten die Brüder ungehindert an den gewünschten Ort. Da aber besann sich der Riese wieder auf sein Wächteramt und setzte den Flüchtenden mit einem gewaltigen Sprung nach. Der älteste überschlug im Kopf noch schnell die voraussichtliche Aufschlagskraft des Riesen und sank dann in eine wohltätige Ohnmacht. Der zweite wiederum spielte weiter wie besessen auf seiner Geige, doch das Wutgebrüll des Riesen übertönte alles. Der dritte Bruder schließlich steckte sich seelenruhig eine Kirsche in den Mund und spuckte den Kern so zielsicher gegen die Stirn des Riesen, dass der wie ein vom Blitz gefällter Baum stürzte. Glücklich brachten die drei die Wurzel zu ihrem Vater, der davon aß und augenblicklich wieder gesund wurde. Die Kunst des jüngsten aber achtete fortan keiner mehr für gering. 2. Kor 12,9 Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.