BARMHERZIG Von Otto Gittinger (ins Hochdeutsche übertragen von Manfred Günther) Der Pfarrer hält den Unterricht Er kommt heut grad zu der Geschicht: »Des Samariters Barmherzigkeit«. Er legt sie aus mit großer Freud. Bringt manchen Spruch und Vers daher, grad wies ihm paßt zu seiner Lehr, fragt wohl auch manchmal die und den, obs denn die Kinder auch verstehn, fragt endlich auch Johannes Christ: »Jetzt sag du, was barmherzig ist.« Johannes schweigt und wird nervös. Was wird der Pfarrer da so bös! Und hält trotz der Barmherzigkeit ein unbarmherzig Wort bereit! Es geht vorbei, die Schul ist aus, Johannes Christ geht auch nach Haus. Daheim liegt Mutter und ist krank, er stellt die Bücher in den Schrank und fragt: Sagt, liebe Mutter nun, ob ich Euch irgendwas kann tun? Er schüttelt Kissen, holt Arznein Und gibt sie mit dem Löffel ein, trägt Wasser, zündets Feuer an und kocht zu Mittag, so gut er kann. Ein Teller Suppe bringt er ans Bett, wenn Mutter Appetit nur hätt! Und wieder fragt er. »Sagt mir an, ob ich Euch noch was helfen kann?« »Nein!« sagt die Mutter da, »denn jetzt wird sich ein Weilchen hingesetzt! Und sag, wies in der Schule geht Und wies mit deiner Leistung steht? Na? Was? Gibst du auch immer acht und hast auch stets gut mitgemacht?« »O«, sagt er, und muß weinen schon, »ich wußte heut in Religion, nur einmal nicht, was ich denn sag: Was wohl »barmherzig« heißen mag?«