EINEN APFEL FÜR DEN KÖNIG Es war einmal ein König. Der bekam jeden Morgen bei der Audienz von einem Unbekannten einen Apfel überreicht. "Einen Apfel für einen König, was ist das schon", dachte er und gab ihn achtlos an seinen Zeremonienmeister weiter. Und der seinerseits ließ den Apfel in eine abgelegene Kammer werfen. So ging das längere Zeit, Morgen für Morgen. Eines Tages jedoch riss sich der Affe der Königin von seiner Kette los, ergriff den Apfel und biss hinein. Zum Erstaunen des königlichen Hofes fiel aus dem Apfel ein wunderschöner Edelstein heraus. Sofort ließ der König nach dem Verbleib der bisherigen Äpfel forschen. Man fand tatsächlich in der abgelegenen Kammer unter den inzwischen ganz verfaulten Äpfeln einen Berg wertvoller Edelsteine, so viele, wie es Tage im Jahr gibt. Ich erzähle Ihnen dieses aus Indien stammende Märchen aus zwei Gründen. Zunächst möchte ich Ihnen damit ganz unmittelbar Mut machen zum heutigen Tag. Lassen Sie den König in sich nicht achtlos an diesem Geschenk vorübergehen, nach dem Motto: "Ein Tag im Dezember, was ist das schon!" Lassen Sie, im Bild des Märchens gesprochen, diesen Tag nicht einfach vor sich hin faulen. Beißen Sie hinein, entdecken Sie den wertvollen Kern darin. Sie fragen, was das sein könnte? Was ist unvergänglich mitten in der Vergänglichkeit unserer Tage? Es könnte sehr Verschiedenes sein. Max Frisch z.B. meint, es seien die kurzen Augenblicke des Glücks, die wir erleben. Glück nämlich ist, wenn du jäh begreifst: Diesen Augenblick wirst du nie mehr vergessen! Ich habe die Erfahrung gemacht, dass er Recht hat. Und nicht nur in so genannten Sternstunden, sondern oft gerade in den kleinen Augenblicken, die uns zunächst unbedeutend erscheinen, für die wir aber im Nachhinein umso dankbarer sind. Jeder Tag enthält solche kostbaren Kerne, wenn wir nur Augen dafür haben. Auch dafür, dass nicht ein ferner Tag, im Urlaub oder sonst irgendwann, für solche Glücksentdeckungen gut ist, sondern dieser Tag heute. Dass wir alle diese neu und anders sehenden Augen des Königs bekommen, ist mir nun auch wichtig im Blick auf die vor uns liegende vorweihnachtliche Zeit. Viele sprechen es in diesen Tagen offen aus: "Wenn doch nur schon alles vorbei wäre!" Ich möchte so nicht mitseufzen in diesem Jahr, sondern statt dessen lernen zu unterscheiden zwischen dem Unwichtigen und dem Wichtigen, zwischen dem, was vergänglich ist, und dem, was bleibt, weil es kostbar ist. Darum rede ich heute schon von Weihnachten. Damit wir Zeit haben, es so zu machen wie der Affe der Königin: Er ist nämlich der Einzige, der sich nicht ans allgemeine Zeremoniell hält. Er reißt sich los und durch seine Neugier und spontane Frechheit löst er eine Bewegung aus. Alle lernen neu und anders sehen und den verborgenen Kern entdecken. Und dies wäre auch für uns das Beste, was uns in diesen Tagen passieren könnte: in Bewegung kommen, in eine Gegenbewegung zum Üblichen, unterwegs zum Kern der Weihnachtsgeschichte. Werden Sie sich losreißen können, wenigstens hier und da? Werden Sie den Weihnachtskern suchen? Ich wünsche ihnen, dass sie fündig werden, wenn sie sich voller Hoffnung und Sehnsucht auf den Weg machen.