Andacht aus Nicaragua zum Advent 98 Karla Ann Koll Und als sie dort waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. (Lukas 2, 6-7) Als die Wehen zurückkamen, hielt sie sich im strömenden Regen an einem Ast fest. Unter ihr stiegen die Fluten weiter, die schon ihr Haus weggespült hatten. Sie schrie vor Angst. Dann hörte sie den Motor. Plötzlich war jemand auf dem Baum mit ihr, Arme die ihr in das kleine Boot herunterhalfen, während ihre Gebärmutter ihr Kind aus ihr herausschob. Einer der Männer im Boot wickelte ihren neugeborenen Sohn in eine Jacke, während das Boot auf das zufuhr, was von der Stadt San Francisco Libre am Managua-See noch übriggeblieben war, um einen Unterschlupf zu finden. Zwei Geburten, 2000 Jahre auseinander. Im Fall der ersten feiern wir die Geburt Immanuels, die Geburt von Gottes Gegenwart unter uns. Im zweiten fragen wir: "Wo ist Gott?" Angesichts der Nachwirkungen von Hurricane Mitch fragen heute in Honduras und Nicaragua viele: "Wo ist Gott?" Wo war Gott als die Fluten Häuser und Ernten hinwegfegten, als Schlammlawinen ganze Dörfer begruben? Manche treten auf mit fertigen Antworten, sie verkünden, der Wirbelsturm sei eine Strafe Gottes gewesen. Nicaragua und Honduras würden bestraft, weil ihre Regierungen korrupt seien, oder weil so viele Menschen die römisch-katholische Kirche verlassen, oder weil noch nicht genug Leute evangelisch geworden sind. In der spanischen Sprache beinhaltet sogar der Name für Menschen, die durch eine Naturkatastrophe obdachlos geworden sind, die göttliche Mißgunst: sie sind die "damnificados", die Verdammten. Menschliche Sünde hat zweifellos zu der Zerstörung, die von Mitch verursacht wurde, beigetragen. Die Mehrheit derer, die starben, war arm, fristete ihr Dasein am Rand der Gesellschaft, lebte auf Überflutungsebenen oder an steilen Abhängen. Unterentwicklung, die Kriegsjahre und ein auf Export und Schuldenabzahlung konzentriertes Wirtschaftsleben bewirkte in diesen Ländern eine schwache Infrastruktur, die eine schnelle und angemessene Reaktion auf eine Katastrophe nicht zuläßt. Übertriebene Entwaldung räumte mit der Vegetation an den Berghängen auf, die Schlamm und Wasser zurückgehalten hätte. Die Nachwirkungen von Mitch ergaben viele Gelegenheiten für menschliche Rachgier. Einige der Reichen haben sich lieber bewaffnet als mit den Armen zu teilen. Einige haben verlassene Häuser geplündert oder Tote und Sterbende ihrer Wertsachen beraubt. Andere horteten Lebensmittel und verkauften sie zu inflationären Preisen. Aber es gibt auch viele Heldengeschichten, von denen die meisten nie werden erzählt werden: vom Freiwilligen Feuerwehrmann aus Mateares, der den Baum in San Francisco Libre erklomm um die gebärende Frau zu retten; von denen, die, obwohl sie selbst wenig haben, ihre Häuser öffneten für die, die ihr Heim verloren. Überall in Nicaragua und Honduras arbeiten Menschen zusammen, helfen einander. Organisationen und Kirchen stellen ihre Rivalitäten zurück und kümmern sich um die Bedürfnisse der Leute. Wo ist Gott, dieser Gott, der in Bethlehem als ein kleines Kind zu uns kam, dieser Gott, dessen Kommen wir feiern? Wenn Gott wirklich zu uns gekommen ist, dann war er auch bei der Mutter, die hilflos auf einer Sandbank stand, als ihre Kinder von den Fluten weggerissen wurden; bei dem Vater, der aufschrie, als die Schlammlawine seine Kinder mit sich riß; bei der benommenen jungen Frau, die von Klinik zu Klinik wandert und verzweifelt nach ihrer Großmutter sucht. Und Gott war bei denen, die in Posoltega lebendig vom Schlamm begruben wurden. Denn wenn wir die Geschichte Jesu als die Fleischwerdung Gottes verstehen, dann weiß Gott, was es bedeutet ein Kind zu verlieren, Gott weiß, was Sterben heißt. Diesen Advent erwarten wir Gottes Kommen zu uns nicht in den wütenden Winden und Wassern von Sturm und Strafe, sondern in einem Kind, in den menschlichen Schreien von Schmerz und Verletzbarkeit. Das Kind von Bethlehem kommt zu uns wie immer, es fordert uns auf zu wählen. In Gottes Akt der radikalen Solidarität finden wir unsere eigene Berufung, mit den Leidenden zu leiden, mit den Trauernden zu trauern, Wunden und Herzen zu verbinden und mit denen zu arbeiten, die Hoffnung und Gemeinschaft aus dem Schlamm wiederauferstehen lassen. Diesen Advent können wir uns für Gott und für Leben entscheiden, weil Gott sich für Leben entschieden hat.