Predigt zum 16. Sonntag nach Trinitatis - 15.9.2013

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Textlesung: Lk. 7, 11 - 16

Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge.

Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.

Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf!

Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter.

Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht.

Liebe Gemeinde!

Wenn wir die Geschichte vom Jüngling zu Nain (- so heißt sie im Neuen Testament) einmal von ihrem Ende her lesen, dann könnten wir auf den Gedanken kommen, Jesus hätte den Jüngling um der Wirkung bei den Leuten willen auferweckt: "Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht."

Aber ich glaube das nicht. Und nicht nur, weil mir daran liegt, dass Jesus nicht das Staunen der Menge gesucht hat und keine Schau oder Sensationen bieten wollte, sondern weil wir den wahren Grund für die Auferweckung in der Geschichte weiter vorn lesen können: Und als ... der Herr die Witwe sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht!

Davon, dass etwas oder jemand den Herrn gejammert hat oder wie wir heute sagen: ihm leid getan hat, hören wir an einigen Stellen in den Evangelien (z.B. Mt.9,36; Mt.20,34; Mk.1,41). Und wir dürfen es Jesus abnehmen, dass er wirklich ehrlich mit den Menschen fühlt, die krank oder behindert sind oder die wie hier den Tod erfahren haben. Dabei müssen wir sehen, dass die Mutter des Jünglings eine Witwe war. Durch den Tod ihres Sohnes hatte sie Schutz und Unterhalt verloren und ging einer ungewissen Zukunft entgegen.

Mir gefällt es, dass unser Herr nach den Menschen sieht, zu ihnen hingeht und ihnen hilft - eben nicht um den Applaus der Menge zu bekommen, sondern aus Mitleid und Erbarmen.

Vielleicht denken Sie jetzt: "Das hätte ich auch getan! Wenn ich die Fähigkeiten hätte, die Jesus gehabt hat... Aber wer kann denn schon Tote auferwecken?" - Ja, so denken wir und so dürfen wir denken. Aber es gibt noch eine andere Sicht darauf, wie Jesus an der Mutter des Jünglings handelt, die hat wenig mit seinen besonderen Fähigkeiten zu tun: Er sieht die Frau nämlich nicht nur, er erkennt nicht nur ihr Leid, weiß nicht nur, was ihr ohne ihren einzigen Sohn bevorsteht, sondern er geht hin und spricht sie an: "Weine nicht!" Und dann tut er, was (nur) in seiner Macht steht!

Ich glaube, Sie wissen, was ich sagen will: Einen Menschen sehen, wahrnehmen, was sein Kummer ist, sich vorstellen, wie er sich fühlt und was ihn ängstet, wenn er an die Zukunft denkt, zu ihm hingehen und ihn ansprechen mit guten, tröstlichen, hilfreichen Worten... Das zumindest können wir auch! Aber wir tun es oft nicht - auch dann, wenn wir es uns eigentlich fest vorgenommen hatten!

Vor einigen Monaten habe ich zufällig mitgehört, wie eine Frau im Supermarkt zu einer anderen gesagt hat: "Unsere alte Nachbarin schafft es einfach nicht mehr, ihren Vorgarten zu pflegen. Sie braucht dringend Hilfe. Ich glaube, dass sie es gern annehmen würde, wenn jemand ein-, zweimal die Woche ein bisschen Ordnung in ihrem Garten macht. Ich werde in den nächsten Tagen einmal zu ihr gehen und ihr meine Hilfe anbieten." Inzwischen sind Monate vergangen. Der Vorgarten der alten Frau aber sieht immer noch wild aus.

Ein anderer "Fall" ist auch nicht erfunden: Eine ehemalige Lehrerin bemerkt, dass ein 11-jähriges Mädchen aus ihrer Nachbarschaft jeden Mittag gegen Viertel nach eins nach Hause kommt und sie weiß, dass die Eltern beide arbeiten und das Kind bis halb sieben am Abend allein ist. Ob sie dann ihre Schularbeiten macht? Ob sie das allein kann? Für sie, die alleinlebende ehemalige Lehrerin, wäre es kein Problem, wenn das Mädchen nach der Schule zu ihr käme. Im Gegenteil. Das würde sie freuen uns sie könnte ihr gewiss auch helfen. Ob sie einmal die Eltern fragt? Ob die wohl nichts dagegen hätten? - Inzwischen sind einige Monate vergangen. Die Eltern gefragt, hat die alte Lehrerin immer noch nicht. Sie fürchtet sich davor, dass sie ihr Angebot ablehnen.

Ein dritter Fall ist unser eigener. Aber ich sollte besser von unseren "Fällen" sprechen! Denn bei jeder und jedem wird das etwas anderes sein. Ich zum Beispiel habe mir schon lange vorgenommen, einen Menschen zu besuchen, der als "etwas schwierig" gilt. Man weiß bei ihm nie, ob er sich freut, wenn man bei ihm vorbeischaut oder ob man schon an der Tür eine Abfuhr bekommt. - Sie werden es sich denken können: Ich war bis heute nicht bei ihm und schiebe den Besuch immer wieder vor mir her.

Eine von uns könnte hier vielleicht beisteuern, dass sie schon lange gern in der Kirchengemeinde mitarbeiten würde. Vielleicht Besuche bei alten, einsamen Leuten machen. Vielleicht Besorgungen, Einkäufe für Menschen erledigen, die das allein nicht mehr können. Früher, als sie noch gearbeitet hat, war das nicht möglich. Aber heute... Da hätte sie eigentlich Zeit. Und Lust, sich für andere zu engagieren, hätte sie auch. Aber irgendwie ist das gar nicht so leicht, einen Anfang zu finden. Zu wem soll sie gehen, um zu fragen, wer ihre Hilfe brauchen könnte. Ob sie nicht auch nachweisen muss, dass sie sich überhaupt für solche Aufgaben eignet? - Sie zögert noch. Seit Monaten.

Ein anderer (auch er ist schon in Rente, aber noch sehr rüstig) ist Malermeister. Auch er hat inzwischen viel Zeit und einen Plan hätte er auch. Er weiß, wie viele Menschen in Wohnungen leben, die dringend einiger Reparaturen oder der Renovierung bedürfen. Die Menschen aber können sich das nicht leisten. Vor der Rente hat sich der Mann immer gesagt: Ich will mich später mit anderen Rentnern zusammentun, die ein Handwerk gelernt haben. Dann wollen wir anbieten, für wenig Geld Reparaturen und Renovierungen zu übernehmen. Das würde uns gefallen, die sich nützlich machen können und den Menschen, die davon profitieren. Und denen, die noch gewerblich ihr Geld mit Renovierungen verdienen müssen, nimmt es nichts weg, denn wir würden nur für die arbeiten, die zu arm sind, Handwerker zu bestellen. - Der Plan des Malermeisters ist gut. Aber er liegt schon sehr lange sozusagen unerledigt auf Eis.

Liebe Gemeinde, ich bin ganz sicher, jede und jeder von uns kennt einen ähnlichen Fall bei sich selbst: Jemand oder etwas hat uns "gejammert" oder leid getan. Wir wollten so gern helfen, uns einsetzen. Wie hätten ja auch fast... Aber bis heute ist noch nicht mehr geschehen, als dass wir es in unserem Kopf gedacht und in unserem Herzen bewegt haben.

Und als ... der Herr die Witwe sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht! Was da so selbstverständlich scheint, dass Jesus hingeht zu der Frau und sie anspricht: "Weine nicht!", ist eigentlich wohl gar nicht so selbstverständlich. Oft endet es, wenn uns etwas jammert, schon, bevor wir hingehen und noch lange, bevor wir ihn ansprechen.. Und dazu, dass wir das tun, was wir tun können, kommt es schon gar nicht.

Dabei hätte die Frau, deren Worte ich im Supermarkt mitgehört habe, bei der alten Frau mit dem verwilderten Vorgarten bestimmt keinen Korb bekommen! Die hätte sich im Gegenteil sehr gefreut. Und die Frau selbst, die sich für die Pflege des Gartens anbieten wollte, hätte auch große Freude erfahren. Denn helfen, wo jemand sich selbst nicht helfen kann, macht Freude!

Und die ehemalige Lehrerin? Ich denke, auch sie hätte mit ihrem Angebot die Eltern des Mädchens sehr glücklich gemacht. Die hatten nämlich bestimmt schon lange ein schlechtes Gewissen, weil sie ihr Kind viele Stunden jeden Tag allein lassen müssen. Daran haben sie in unserer Zeit, in der viele Familien nicht mehr mit einem Gehalt zurecht kommen, zwar keine Schuld. Aber das beruhigt das Gewissen ja nicht. Und die alte Lehrerin selbst? Sie hätte eine Aufgabe gefunden, die sie erfüllt und froh gemacht hätte.

Nun will ich auch nicht von dem Besuch schweigen, den ich schon so lange vorhatte und bis heute vor mir hergeschoben habe. Ich weiß, das muss in den nächsten Tagen endlich sein! Und ich weiß insgeheim ja auch, der Mensch, den ich besuchen will, wartet auf mich und der Besuch wird ihm guttun...und mir auch!

Die Frau, die sich in der Gemeindearbeit einbringen will und den Malermeister, der mit anderen Rentnern Wohnungen verschönern möchte, will ich an den Pfarrer ihrer Gemeinde verweisen oder an einen ihrer Kirchenvorsteherinnen oder Kirchenvorsteher. Ich kann mir vorstellen, dort wird man gern helfen, dass die angebotene Hilfe für andere Menschen Wirklichkeit werden kann.

Und Jesus sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf! Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter. Die Witwe hat Jesus leid getan. Er tut für sie, was er kann. Tun wir für die, die uns leid tun, was wir können. Tun wir's wirklich. Bald! AMEN