Predigt zum Sonntag "Okuli" - 3.3.2013

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Textlesung: Jer. 20, 7 - 11a (11b - 13)

HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. Denn sooft ich rede, muss ich schreien; "Frevel und Gewalt!" muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.

Da dachte ich: Ich will nicht mehr an ihn denken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen.

Denn ich höre, wie viele heimlich reden: "Schrecken ist um und um!" "Verklagt ihn!" "Wir wollen ihn verklagen!" Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: "Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen."

Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

Liebe Gemeinde!

Vielleicht erinnern Sie sich noch an die Berufung des Propheten Jeremia, der hier spricht? Wir lesen davon im gleichnamigen Buch der Bibel im 1. Kapitel: Jeremia hatte nicht Prophet werden wollen. Als Gott ihn berufen will, sagt er: "Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung." (Jer.1,6) Alles Sträuben aber nützt nichts. Denn Gott antwortet: "Sage nicht: 'Ich bin zu jung', sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete." (Jer.1,7) Gott hatte ihn überredet, jedenfalls hat es Jeremia so empfunden. Hier kommt der Prophet nun darauf zurück: "HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen..." Aber was hier doch einigermaßen harmlos klingt, müsste man eigentlich ganz anders übersetzen, wenn man dem Text gerecht werden will, denn der hat einen üblen Nebenton: Im Buch Exodus (Ex.22,15) werden dieselben Worte für die Verführung eines Mädchens gebraucht. Jeremia will also sagen: Gott, du hast mich verführt, du hast meine jugendliche Unerfahrenheit ausgenutzt und mir Gewalt angetan! Und jetzt muss ich dafür leiden, denn "ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. Denn sooft ich rede, muss ich schreien; "Frevel und Gewalt!" muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich."

Eine harte Rede! Und doch müssen wir dem Propheten glauben. So ist das, wenn man den Menschen zu deutlich sagt, dass sie nicht mit den Geboten Gottes im Einklang leben. So geht es, wenn man ihnen ohne falsche Rücksichten und ohne es zu verbiegen, das Wort Gottes weitersagt. Darum stehen auch alle, denen die Verkündigung aufgegeben ist, Pfarrerinnen und Pfarrer, Prädikantinnen und Prädikanten, Lektorinnen und Lektoren, in der Versuchung und Gefahr, das Wort Gottes zu verkürzen, das auszuklammern, was bei den Leuten nicht gut ankommt und stattdessen zu predigen, was den Hörern gefällt und was sie bestätigt, so wie sie sind. Aber jede die und jeder, der sich schon einmal hat hinreißen lassen, ein Wort Gottes, das sie predigen sollten, abzumildern oder gar gefällig umzudeuten, musste dann auch empfinden, was Jeremia empfunden hat, als er nicht mehr so predigen wollte, wie es ihm aufgetragen war: "Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, in meinen Gebeinen verschlossen, dass ich's nicht ertragen konnte; ich wäre schier vergangen."

Spätestens jetzt denken Sie sicher, das wäre heute eine Predigt nur für alle, die auf Kanzeln oder an Pulten zu predigen und zu verkündigen haben. Aber nein, so ist es nicht! Ich denke vielmehr, wir Christinnen und Christen hier und überall sind genauso verantwortlich dafür, dass Gottes Wort nicht verbogen und abgeschwächt wird, wenn wir es weitergeben. Ja, ich sage bewusst: "weitergeben", denn Gottes Wort wird ja nicht nur mit Worten gepredigt, sondern auch mit Taten, sogar mit Gesten unserer Hände und dem Ausdruck unseres Gesichts. Ohne ein einziges Wort zu sagen, können wir einem Mitmenschen zum Beispiel zeigen, dass wir von Nächstenliebe beseelt sind, dass also Gottes Gebot und sein Wort in uns lebendig ist und nach außen strahlt. Genauso aber können wir ihm auch vermitteln, dass wir ihn verachten oder gar hassen - auch dazu ist kein Wort nötig. Schließlich kann unserem Mitmenschen auch ein missbilligender Blick etwas darüber sagen, dass wir mit ihm als Christenmensch nicht einverstanden sind. Und gerade Menschen, die uns gut kennen, wissen unser Verhalten sicher zu deuten.

Nun ist es ja aber gar nicht so, dass wir stumm wären. Auch wo wir nicht predigen, sprechen wir doch miteinander. Und durchaus nicht nur über das Wetter. Mag sein, wir treffen unsere Nachbarin auf dem Friedhof, wenn wir das Grab eines Angehörigen pflegen wollen. Und vielleicht kommen wir ins Gespräch über das, was wir nach dem Tod erwarten, das liegt ja nicht fern an einem solchen Ort. Entweder zeugen wir dann für unsere Hoffnung, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, auch wenn die Nachbarin das so sieht. Oder wir ziehen uns zurück, schweigen und denken: Was soll ich mich hier engagieren, mag sie doch glauben, was sie will. Aber vielleicht spüren wir dann doch hinterher, dass Gott etwas anderes von uns erwartet hätte und vielleicht ist das dann sogar wie ein "brennendes Feuer in unserem Herzen", wie Jeremia das Gefühl seines Versagens beschreibt.

Manchmal ergibt es sich auch sonst im Alltag, dass wir oder ein anderer ein Thema anspricht, das uns sehr beschäftigt und bei dem wir auch und besonders als Christen gefragt sind. Gerade im Raum unserer Kirchengemeinde kommt das gewiss immer wieder einmal vor. Vielleicht geht es dann um einen Gedanken aus der letzten Sonntagspredigt. Vielleicht auch um eine aktuelle politische Frage, etwa ob sich die Bundeswehr in einem afrikanischen Land auch militärisch engagieren sollte? Oder im Kindergarten oder in der Schule hat es ein Problem gegeben, wie weit christliche Erziehung gehen darf, wenn auch moslemische Kinder in der Gruppe oder der Klasse sind.

Oft ist die Versuchung dann groß, den Glauben, den wir doch eigentlich hegen, auszublenden. Das macht Gespräche viel einfacher. Nur ist unser Auftrag als Christin oder Christ ganz gewiss der, dass wir bei allem, was wir denken, reden und tun Gottes Wort, sein Gebot und seinen Willen mit einbeziehen.

Nun sind hier aber noch zwei Dinge zu bedenken: Einmal das, worauf Jeremia mit diesen Worten hinweist: Denn ich höre, wie viele heimlich reden: "Verklagt ihn!" "Wir wollen ihn verklagen!" Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: "Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen." Es kommt nicht gut an, wenn wir anderen Menschen das Gefühl geben, sie können vor unserem christlichen oder moralischen Anspruch nicht bestehen. Immerhin bleiben wir ja Menschen, auch wenn wir wirklich Gottes Sache vertreten. Leicht entsteht der Eindruck, wir wollten uns über die anderen erheben. Wir müssen also sehr vorsichtig sein mit dem, was wir sagen oder vermitteln. Und das ohne das abzuschwächen, was Gott von seinen Leuten haben will. Dazu brauchen wir sehr viel Fingerspitzengefühl!

Das zweite, was wir bedenken müssen, ist dies: Es kann immer auch sein, dass wir selbst falsch liegen mit dem, was wir von anderen erwarten und ihnen als Gottes Willen weitergeben. Wir haben die Weisheit nicht gepachtet! Außerdem haben wir als Menschen auch immer eine gewisse Neigung, uns für besser zu halten als andere, überheblich zu sein und uns zu Richtern über sie aufzuschwingen. Auch in dieser Hinsicht gilt es vorsichtig zu sein und sich immer selbst genau zu beobachten. Die Liebe zu unseren Nächsten, auch zu denen, die wir für weniger christlich halten, ist dabei die beste Beraterin. Jedenfalls wollen wir keine Scheu davor haben, unseren Glauben zu leben, das vor den Menschen auszusprechen und zu tun, was wir aus dem Evangelium von Jesus Christus für unser Leben gelernt und ohne Feigheit und ohne Angst vor den Folgen zu vertreten, was wir als vor Gott recht und richtig erkannt haben. Und selbst wenn es einmal dazu kommt, dass uns Menschen angehen und angreifen und meinen, sich gegen unsere Versuche, ihnen Gottes Sache näher zu bringen, wehren zu müssen, selbst dann ist uns die Hilfe Gottes versprochen.
So lesen wir es bei Jeremia: "Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen." - Ich wünsche uns Mut zu einem Leben als Christin und Christ, das sich dem Auftrag Gottes nicht entzieht, das, was wir glauben und was wir als Gottes Willen erkennen, auch unseren Mitmenschen weiterzugeben - ohne Scheu, ohne Feigheit, aber immer so, dass sie unsere Liebe zu ihnen hinter unserem Reden und Tun erkennen können. AMEN