Predigt zum 19. Sonntag nach Trinitatis - 14.10.2012

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Textlesung: Jak. 5, 13 - 16

Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen. Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn. Und das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.

Liebe Gemeinde!

Mindestens an einem Satz bleibt man beim Lesen oder Hören dieser Empfehlungen hängen: "Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, dass sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn." Ich meine jetzt nicht, dass wir kein passendes Öl finden würden, ich denke aber, dass es unseren "Ältesten", also den Kirchenvorstehern und Presbytern in unseren Gemeinden schwer fiele, hier alle Kranken mit Gebet und Salbung zu versorgen, vorausgesetzt selbstverständlich, sie würden wirklich danach verlangen. Und bei der nächsten Kirchenvorstandswahl würde es uns gewiss noch schwerer fallen als bisher, die nötige Zahl von Kandidatinnen und Kandidaten für die Wahl zu gewinnen. Auch das Vorhaben, diese Aufgabe an die Pfarrerinnen und Pfarrer zu übertragen, müsste wohl angesichts der heutigen Gemeindegliederzahlen scheitern. Nein, das waren vor bald 2000 Jahren, als Jakobus diesen Brief geschrieben hat, wohl noch ganz andere Verhältnisse: Kleine überschaubare Gemeinden und niemand hätte dabei etwa Peinlichkeit empfunden, wenn andere für ihn beten oder wenn er für andere betet. - Aber, wir sollten jetzt nicht auch gleich die Fürbitte selbst für wirkungslos erklären, sondern festhalten: Der Fürbitte ist nicht nur dann "Erfolg" verheißen, wenn sie mit einer Salbung verbunden ist und wenn sie von den Ältesten "über dem Kranken" gesprochen wird. Wir hören hier auch die einfache Empfehlung: "...betet füreinander, dass ihr gesund werdet." Entscheidend ist vielmehr dies, was wir hier lesen: "Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist." Und darüber, was ein "Gerechter" ist und was ein "ernstliches Gebet", wollen wir jetzt nachdenken.

Liebe Gemeinde, haben Sie nicht auch schon manchmal gedacht: Wie kommt das eigentlich, dass etwa die Apostel in nachösterlicher Zeit Menschen heilen konnten? Denken wir dabei nur an die Geschichte, über die vor ein paar Wochen zu predigen war, ich will sie nur ganz kurz skizzieren:

Petrus und Johannes gehen zum Tempel. Dort sitzt an der Pforte bettelnd ein Mann, lahm von Mutterleib an. Der Bettler sieht Petrus und Johannes und bittet um ein Almosen. Petrus aber sagt zu ihm: "Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!" Und weiter heißt es wörtlich: "Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest, er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott." (aus Apg. 3,1-10)

Gewiss, hier ist nicht von einem Gebet die Rede, das Petrus oder Johannes vor der Heilung gesprochen hätten. Es geht hier aber darum, woher die Apostel die Macht hatten, Menschen gesund zu machen. Ein anderes Beispiel aus einem Predigttext der letzten Wochen zeigt nun aber ganz deutlich die Kraft der Fürbitte. Ich meine dieses:

König Herodes hatte Petrus gefangen genommen. Er ließ ihn ins Gefängnis werfen und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. In der Nacht, bevor ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. Und jetzt heißt es: "Aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott." Was dann geschieht, ist ganz wunderbar: "Und siehe, der Engel des Herrn kam herein, und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an!" Der Rest ist schnell erzählt: Der Engel führt Petrus an den schlafenden Wachen vorbei und durch das Stadttor, das sich von selbst auftut, in die Freiheit. (Apg.12,1-11) - Ich denke, wir lesen hier nicht umsonst davon, dass die Gemeinde ohne Unterlass für Petrus zu Gott gebetet hat.

Aber zurück zu den Fragen: Warum hatte in neutestamentlicher Zeit das Gebet eine solche Macht. Und warum war es etwa den Aposteln sogar möglich, Menschen zu heilen?

Mir fallen einige Antworten ein, die wir hier geben könnten. Die einfachste ist sicher diese: Das war gar nicht so! Das sind erfundene Geschichten, die uns das weißmachen wollen! - Aber - ganz ehrlich - ich glaube nicht, dass Kirchgänger wie Sie eine solche Antwort sagen würden.

Aber wie ist es damit: In der Zeit kurz nachdem Jesus selbst über diese Erde gegangen ist, waren solche Dinge noch möglich. Vielleicht war seine Kraft noch mehr in den Menschen lebendig? Vielleicht auch war der Glaube der Menschen einfach noch stärker? Im Laufe der Jahrhunderte seitdem sind Jesu Kraft und der Glaube halt abgeklungen. Außerdem kann die Medizin ja heute wahre Wunder vollbringen! - Zu diesen Gedanken kann man - zumindest teilweise - sicher ja sagen. Kurz nach Ostern war der Glaube der Menschen sicher noch stärker oder sagen wir es so: Es gab für die meisten Leiden keine Therapien, also keine andere Möglichkeit als den Glauben, um eine Krankheit loszuwerden. Und ja, die Medizin ist seitdem sehr viel weiter gekommen. Heute sind z.B. Operationen möglich, an die sich noch vor Jahren kein Chirurg herangewagt hätte und Menschen können von Krankheiten gesund werden, die als unheilbar galten.

Eine dritte Antwort nimmt die zweite auf und führt sie noch ein wenig weiter: Der Glaube der Christen ist nicht mehr so kräftig wie in den ersten christlichen Gemeinden...aber der Glaube ist auch schwieriger geworden! So viele Religionen um uns herum. So viele Konfessionen innerhalb unserer christlichen Religion. So viele unterschiedliche Stimmen, die auf uns einreden und uns sagen wollen, was wir glauben sollen oder gar müssen. Darum ist auch der Zweifel immer gleich da, wenn wir Geschichten wie die beiden hören, die ich vorhin erzählt habe: Von der Heilung des Lahmen durch Petrus und von seiner Befreiung aus dem Gefängnis durch die Macht der Fürbitte.

Liebe Gemeinde, Sie haben das jetzt schon gespürt: Die dritte Antwort gefällt mir am besten oder anders gesagt: Sie trifft für mich am meisten zu! Der Glaube, der selbst Heilungen für möglich hält, fällt uns schwer, so schwer, dass wir eigentlich gar nicht mehr darüber nachdenken, ob das, was uns biblische Geschichten erzählen, auch heute geschehen könnte. Sie können das ja einmal überprüfen: Haben Sie bei der Lesung des heutigen Predigttextes vorhin wirklich überlegt, ob das Gebet der Ältesten der Gemeinde oder auch unser eigenes Gebet einen Kranken gesund machen könnte? - Nein, darüber haben Sie nicht nachgedacht.

Es ist der Zweifel, der immer auch da ist, wenn unser Glaube gefordert ist. Es ist der Zweifel, der uns in seinen Klauen hält, dass wir nicht einmal darauf kommen, dass der Glaube und unser Gebet vielleicht doch etwas erreichen könnten. Es ist der Zweifel, der in unserer Zeit stark geworden ist und unseren Glauben geschwächt hat. Wir müssen etwas gegen den Zweifel tun!

Und da sind wir zurück bei den Worten des Anfangs und den Fragen: "Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist." Aber was ist ein "Gerechter" und was ist ein "ernstliches Gebet"?

Ich glaube, jetzt können wir Antwort geben: Ein "Gerechter", damals wie heute, ist ein Mensch, der Gott in allen Lebenslagen vertraut und in allen Widrigkeiten an ihm festhält, selbst wenn alles aussichtslos erscheint. Ein Gerechter ist ein Mensch, der seinen Glauben über allen Zweifel stellt, der alles für möglich hält, was ihm oder einem Mitmenschen hilft und der Gott zutraut, dass er diese Hilfe auch schickt. Ein Gerechter ist ein Mensch, der weiß, dass sein Gebet oder das Gebet anderer die Macht hat, alles Gute und Heilsame zu fördern, ja, selbst in aussichtsloser Lage Heilung oder Genesung zu erreichen. Und ein "ernstliches Gebet" ist das Gebet eines solchen Menschen, der Gott in allem vertraut, der seinen Glauben über allen Zweifel stellt und der seiner Fürbitte selbst Heilung von Krankheit und Leiden zutraut.

"Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist." Ich glaube, das war in neutestamentlicher Zeit so und ist heute noch genauso! Es mag sein, dass es unser Glaube heute schwerer hat, gegen den Zweifel anzukommen. Aber ein solcher Glaube ist möglich. Und das Gebet, aus diesem Glauben heraus gesprochen, hat die gleiche Macht wie zur Zeit der ersten Christengemeinden. Ein Letztes noch: Man kann sich in einem solchen Beten auch üben! AMEN