Predigt zum 10. Sonnt. nach Trinitatis - 12.8.2012

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Liebe Gemeinde!

Es ist Israelsonntag - wie jedes Jahr am 10. Sonntag nach Trinitatis. Und wie in jedem Jahr ist es wieder schwierig, den vorgeschlagenen Text zu predigen und viele Frauen und Männer, die in der Verkündigung stehen, fragen sich, ob sie nicht lieber über einen ganz anderen Text sprechen sollten. Einen, der sie nicht zwangsläufig in die unangenehme Lage bringt, kritische Worte über die Werkgerechtigkeit der Juden und die jüdische Religion überhaupt zu sagen und auf der anderen Seite die Gerechtigkeit aus Glauben herauszustreichen, auf die wir evangelische Christen vertrauen.

Für viele Predigerinnen und Prediger ist die Versuchung, einen anderen Text zu wählen, in diesem Jahr sogar besonders groß, denn die vorgeschlagenen Verse aus dem Römerbrief des Paulus sind in der Ablehnung der Werkgerechtigkeit besonders deutlich. Ganz gewiss sind auch viele, die heute predigen, dieser Versuchung erlegen.

Andererseits wollen uns die biblischen Texte zum Israelsonntag ja nicht nur die Unterschiede zwischen dem jüdischen und dem christlichen Glauben aufzeigen, sondern uns - namentlich uns evangelischen Christen! - die Gerechtigkeit, die seit Jesus Christus vor Gott gilt, nahebringen und immer wieder neu lieb und wertvoll machen.

Hören wir also auf den Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht im Römerbrief, im 9. und 10. Kapitel:

Textlesung: Röm. 9, 1 - 5.31 - 10,4

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, dass ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlass in meinem Herzen habe. Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat es doch nicht erreicht. Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken. Sie haben sich gestoßen an dem Stein des Anstoßes, wie geschrieben steht (Jesaja 8,14; 28,16): „Siehe, ich lege in Zion einen Stein des Anstoßes und einen Fels des Ärgernisses; und wer an ihn glaubt, der soll nicht zuschanden werden." Liebe Brüder, meines Herzens Wunsch ist, und ich flehe auch zu Gott für sie, dass sie gerettet werden. Denn ich bezeuge ihnen, dass sie Eifer für Gott haben, aber ohne Einsicht. Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan. Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht.

Liebe Gemeinde, Paulus bedauert zutiefst, dass seine „Stammverwandten", seine Geschwister aus dem jüdischen Glauben, in dem er ja selbst einmal aufgewachsen ist, Christus, der doch selbst Jude war, nicht als Messias und Herrn angenommen haben. Es verursacht ihm „große Traurigkeit und Schmerzen", ja, er würde lieber von seinem Herrn getrennt und verflucht sein, wenn die Juden dafür nur zu Christus fänden und gerettet würden.

Dabei geht es um Kern und Mitte, an denen sich der Glaube der Juden und der Christen bis heute unterscheidet: Wie die Gerechtigkeit Gottes aussieht und wie wir Menschen sie erlangen. Und soviel muss noch ganz klar gesagt werden, bevor wir die Predigt zum Israel-sonntag beenden und die Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis beginnen - und ich lasse dazu noch einmal Paulus sprechen: „Israel aber hat nach dem Gesetz der Gerechtigkeit getrachtet und hat es doch nicht erreicht. Warum das? Weil es die Gerechtigkeit nicht aus dem Glauben sucht, sondern als komme sie aus den Werken. [...] Denn sie erkennen die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt, und suchen ihre eigene Gerechtigkeit aufzurichten und sind so der Gerechtigkeit Gottes nicht untertan."

(Hier könnte, bevor die zweite Predigt beginnt, ein Lied angestimmt werden, z.B. EG 342, 1-4)

Liebe Gemeinde!

Die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, das ist er, der Stein des Anstoßes, den Paulus anspricht, von dem er sagt, Gott habe ihn als einen Fels des Ärgernisses in Zion gelegt. Aber ich glaube, dieser Stein des Anstoßes liegt nicht nur in Zion. Er liegt - auch wenn wir gute evangelische Christen sein wollen - immer wieder rechts und links an unserem Lebensweg. Und wir stoßen uns an ihm so lange wir leben und ärgern uns an ihm so lange wir atmen. Da mögen wir in unserem Konfirmandenunterricht von Martin Luthers Kampf im Kloster gehört haben, wie er immer wieder aufs Neue versucht hat, den durch Sünde und Vergehen heraufbeschworenen Zorn Gottes mit Buße, Gebet und Werken der Frömmigkeit zu besänftigen - und wie es ihm doch nicht gelang. Immer wieder musste er am Ende einer durchwachten und oft durchweinten Nacht sagen: Ich elender Mensch; wer wird mich von der Sünde und der Verdammung erlösen? Und vielleicht haben wir auch die beglückende Befreiung von aller Angst und allen Glaubenszweifeln mitfühlen können, als Luther endlich in den Worten des Paulus aus dem Galater- und dem Römerbrief seinen Frieden gefunden hatte - in Worten wie diesen: „Ihr habt Christus verloren, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, und seid aus der Gnade gefallen. Denn wir warten im Geist durch den Glauben auf die Gerechtigkeit, auf die man hoffen muss." (Gal.5,4f) Oder eben solchen Worten, wie wir sie heute gehört haben: „Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht." (Röm.10,4)

Aber jetzt wollen und sollen Sie auch erfahren, wo auf unserem Lebensweg die Steine des Anstoßes liegen, an denen sich immer wieder unser gesetzliches Denken offenbart? Was sind diese Felsen des Ärgernisses, an denen wir uns stoßen und damit immer wieder zeigen, dass weder Paulus noch Luther in uns die Freude an der Gerechtigkeit aus Glauben nachhaltig wecken konnten? - Ich will ein paar Gelegenheiten ansprechen, die uns sicher nicht fremd sind, bei denen ganz deutlich duchscheint, dass wir nach wie vor der Gerechtigkeit aus dem Gesetz anhängen. Ich gebe ein paar Beispiele, an denen wir das hören oder spüren können:

Eine Frau, wir wollen sie Marie nennen, ist gerade in einer wirklich schlimmen Zeit. Sie hat jahrelang ihren Mann nach einem Schlaganfall gepflegt - vor zwei Monaten ist er gestorben. Neben der Trauer um ihn, die ihr täglich noch die Tränen in die Augen treibt, muss sie auch mit einer deutlich schlechteren finanziellen Situation fertigwerden. Vorgestern hat sie erfahren, dass sie selbst auch krank ist und dringend einer Operation bedarf. Nun ist Marie auch eine Frau, die immer versucht hat, christlich zu denken und zu leben. Als sie gestern von der bevorstehenden OP zu einer Nachbarin gesprochen hat, konnte die aus Maries Mund auch hören, was sie in ihrem ganzen Leben noch nicht laut gesagt hat: „Ich habe mich doch immer so um Gottes Sache und ein Leben in seinem Sinn bemüht - und jetzt schickt er mir so etwas!" Und - wir haben es uns fast gedacht - die Nachbarin hat ähnlich geredet und Marie versucht damit zu trösten, dass „so etwas" wirklich nicht mit Gottes Güte zu reimen ist.

Ein Mann, wir nennen ihn Wilfried, war vor Jahren zwei Perioden lang im Kirchenvorstand seiner Gemeinde und sonntäglicher Kirchgänger war er schon davor und seither auch immer. Noch vor einem Jahr war seine Ehe intakt und er hatte einen Arbeitsplatz in guter Position, den er für sicher hielt. Heute ist seine Ehe zerrüttet und Wilfried lebt mit seiner Frau in Scheidung. Vor vier Monaten ist nun auch noch Wilfrieds Firma in Konkurs gegangen - und er ist doch schon 55! Der Gemeindepfarrer hat es zuerst gemerkt: Wilfried kommt nicht mehr zur Kirche. Als er sich bei Leuten erkundigt, die Wilfried näher kennen, erfährt er, dass Wilfrieds Frau schon lange zu Hause ausgezogen ist und er selbst seine Arbeit verloren hat. - Der Pfarrer weiß jetzt, warum er Wilfried so lange nicht im Gottesdienst gesehen hat.

Und von dir und mir will ich noch sprechen: Wir - ich glaube, wir alle! - benutzen immer wieder gern Worte oder Redewendungen, die ganz klar machen, wie gesetzlich wir denken: „Womit habe ich das verdient, dass Gott mir so schwere Lasten auf die Schulter legt?" - „Du kriegst bestimmt einmal einen Fensterplatz im Himmel, bei dem, was du alles in der Gemeinde tust!" - „Ich habe alle Gebote gehalten und mir nie etwas zuschulden kommen lassen, aber jetzt, wo mir Gott einmal helfen soll, da schweigt er beharrlich!"

Liebe Gemeinde, ganz gewiss haben Sie sich in dem einen oder anderen Beispiel auch selbst wiedererkannt! Vielleicht haben Sie auch gedacht: Ja, ist das denn nicht verständlich, dass einer so reagiert, wenn er sich immer um ein Leben bemüht hat, das Gott gefällt, wenn dann nur Böses, nur Unglück und schlechte Zeit über ihn hereinbricht?

Einmal ganz deutlich: Ja, es ist verständlich! Wir wären keine Menschen, wenn uns das nicht unterlaufen würde, dass wir an unser Wohlverhalten nicht auch gewisse Erwartungen gegenüber Gott knüpfen würden. Das ist ein menschliches, ich möchte sagen: sehr menschliches Denken! Aber wir denken dabei auch gesetzlich! Und noch etwas - das ist noch viel wichtiger: Es ist auch nicht göttlich gedacht! Gott nämlich ist kein Rechenmeister, der unser Wohlverhalten, unsere Gänge zur Kirche oder unsere Dienste in der Kirchengemeinde, unsere Werke im sozialen Bereich oder sonst irgendwelche guten Taten zusammenzählt, um sie dann angemessen mit Wohlergehen und durch ein schönes Leben und das Geschenk guter Gesundheit zu belohnen. Und Gott addiert (Gott sei Dank!) auch nicht unsere Sünden, unsere Schwächen und Fehler, unser Versagen vor dem, was wir als Menschen und zumal als Christinnen und Christen hätten tun müssen, um sie dann mit Unglück, mit bösen Erfahrungen, mit Behinderung, eigener Krankheit oder der unserer Lieben oder gar mit einem frühen Tod zu bestrafen. - So ist Gott nicht! Unsere Werke, Taten und all unser christliches Handeln kann uns vor Gott nichts verdienen. Gott sieht nur das Verdienst des EINEN an, Jesus Christus! Er hat für all unsere Sünden genug getan. Er hat für all unsere Versäumnisse und und jeden Mangel an Liebe bezahlt. Er hat Leid und Tod auf sich genommen, damit wir Frieden hätten und durch seine Wunden sind wir geheilt. Und wir sind gerecht vor Gott - ganz ohne eigene Verdienste - die nämlich brauchen wir nicht, denn sie folgen der Forderung des Gesetzes. Das aber gilt nicht mehr. „Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht."

Liebe Gemeinde, sicher werden wir auch in der Zukunft hie und da so denken und reden: „Warum schickt Gott mir das, habe ich mich nicht um ein ihm gefälliges Leben bemüht?" - „Wie ist dieser Mensch doch so gut! Gewiss kommt der einmal in den Himmel!" - Aber vielleicht werden solche Gedanken und Äußerungen zukünftig ein wenig seltener und wir beginnen, alles, was wir tun und lassen, was wir reden und denken vom Dank gegenüber Gott und seinem Sohn Jesus Christus her zu sehen und zu beurteilen. Dann nämlich werden wir aus Dankbarkeit all die Liebe und Güte, die wir selbst empfangen haben, gern mit unserem Nächsten teilen und ihm zugute kommen lassen, was wir gar nicht allein verbrauchen können. Mit einer solchen Haltung Gott und seinen Geschenken gegenüber werden wir auch die schweren Stunden, die Durststrecken unseres Lebens und die Krankheitszeiten besser überstehen können. Sie sind weder Strafe noch Ausdruck des Zornes Gottes über uns und haben nichts damit zu tun, wie schlecht oder wie gottgefällig wir gelebt haben. „Denn Christus ist des Gesetzes Ende; wer an den glaubt, der ist gerecht." AMEN