Predigt zum 5. Sonnt. nach Trinitatis - 8.7.2012

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Textlesung: 1. Mos. 12, 1 - 4a

Und der HERR sprach zu Abram: Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will. Und ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein.

Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden. Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte, und Lot zog mit ihm. Abram aber war fünfundsiebzig Jahre alt, als er aus Haran zog.

Liebe Gemeinde!

Wenn wir das so lesen: "Und der HERR sprach zu Abram...", dann kommen mit Sicherheit die Fragen: Wie kam es zu dieser Begegnung zwischen Gott und Abraham (der zu dieser Zeit noch Abram hieß)? Wo fand die Begegnung statt? Was war vorher schon geschehen und woher kannte Abram diesen Gott (Jahwe) überhaupt?

Wenn wir so fragen, können wir es bestimmt kaum glauben: Aber das war das erste Mal, dass Abram, ja, dass ein Mensch nach den Tagen Noahs und der Sintflut überhaupt so persönlich mit Gott zu tun bekommen hat. Und dann auch noch auf eine solche bestimmende Weise: "Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will." Hier müssen wir noch wissen, dass Gott eigentlich eine unglaubliche Forderung stellt: Das Vaterland, die Verwandtschaft, das Vaterhaus waren Größen, die dem Menschen damals Halt und Geborgenheit in einer oft sehr feindlichen Welt gaben. Wenn es mit anderen Streit gegeben hatte, wenn man verleumdet, bedroht oder bekämpft wurde, wenn man in Schwierigkeiten geriet und einem alle Menschen im Stich ließen, im Vaterhaus, in der Verwandtschaft fand man immer Hilfe, in der Familie hielt man zusammen, von seinen Leuten wurde keiner allein gelassen.

Und das alles soll Abram aufgeben? Und nur weil ein ihm bis dahin völlig unbekannter Gott das verspricht: "Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein." Gut, einen "großen Namen" zu haben, das war schon ein Anreiz für die Menschen damals. Denken wir nur an die Geschichte, die unmittelbar vor der "Berufung des Abram" erzählt wird: Der Turmbau zu Babel. Da ging es ja gerade um diesen "großen Namen", den man sich in Babylon machen wollte, was ja, wie wir wissen, kläglich gescheitert ist. Umso verlockender wird es für Abram gewesen sein, den "großen Namen" in Aussicht gestellt zu bekommen, ohne dass er sich darum besonders bemühen musste. Und auch die Verheißung Gottes, "du sollst ein Segen sein [...] und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden" war für Abram bestimmt interessant, zumal seine Frau und er ja bislang kinderlos geblieben waren.

Trotzdem: es bleibt erstaunlich, dass wir hier doch hören: "Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte...". Denn Abram wusste nichts von diesem Gott. Er kannte ihn nicht und hatte keine Ahnung, ob er vertrauenswürdig war und Wort halten würde. Und das Land, dass Gott ihm zeigen wollte, kannte er auch nicht.

Stellen wir uns einmal vor, uns erreichte heute ein solcher Ruf Gottes: "Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen will." Nun, vielleicht hieße es statt "in ein Land", "an einen Ort", den ich dir zeigen will. Aber das wäre für uns auch ein Anspruch, dem wir nicht so ohne weiteres folgen würden. Und doch: Für uns wäre das etwas ganz anderes. Wir hätten es damit wesentlich leichter als Abram. Auf Gott zu hören wäre nicht so riskant und auch vom Gefühl her nicht so schwer, wie es für ihn gewesen ist. - Warum? - das ist schnell erklärt:

Man kann es beklagen, aber die Bindung an Vaterland, Vaterhaus und Familie ist in unseren Tagen weit weniger eng als zu Abrams Zeiten, ja, in vielen Berufen wird heute eine hohe Mobilität verlangt und längere Aufenthalte fern von zu Hause sind keine Seltenheit. Auch Bedrohungen dadurch, dass wir keine Verwandte oder Familienangehörige in unserer Nähe haben, sind heute kaum zu befürchten. Allerdings, ob es uns verlocken könnte, einen "großen Namen" zu bekommen oder "ein Segen zu sein", wage ich zu bezweifeln. Wir leben heute doch ein eher individuelles Leben und bleiben auch in religiösen Dingen mehr für uns.

Eines aber müsste uns geradezu ermuntern und ermutigen, dem Ruf Gottes zu entsprechen: Wir kennen ihn nämlich, diesen Gott! Und noch viel besser als ihn je ein Mensch des alten Testaments gekannt hat! Wir haben viel mehr Erfahrungen mit Gott und durften ihm in Jesus Christus viel tiefer ins Herz schauen. Wenn wir seine Stimme hören, wenn er uns einen Auftrag gibt und von uns verlangte, an einen anderen Ort zu gehen - wüssten wir dann nicht, dass er es gut mit uns meint, dass seine Forderung zu unserem Besten sein wird, dass er uns behütet, wo immer er uns hinführt, dass er uns keinen Augenblick verlässt und uns kein Unglück und kein Schaden begegnen wird? Ja, das alles wüssten wir, denn in Jesus Christus hat er uns ein für allemal gezeigt, wie lieb er uns hat, wie viel ihm an uns liegt und was er bereit ist, für uns zu tun: Seinen einzigen Sohn hat er in Leid und Tod gegeben, um uns von allem Bösen zu erlösen und all unsere Schuld zu verzeihen... Doch, es müsste uns leicht fallen, dem Ruf unseres Gottes, unseres Vaters zu folgen, viel leichter als dem Abram vor über 3000 Jahren in einer Zeit und einer Welt, die Gott als den Vater Jesu Christi nicht kannte, für die er vielmehr noch der strenge, unnachgiebige Richter war.

Es müsste uns leicht fallen - aber es fällt uns nicht leicht! Schon der kleinste Aufbruch aus dem gewohnten Trott fällt uns schwer. Alles soll immer so bleiben, wie es ist. Nur nichts Neues, keine Unruhe und keine Veränderung. Vielleicht hängt das damit zusammen: Abram war ein Nomade. Als Besitzer und Hirte von großen Schaf- und Ziegenherden musste er immer wieder die Weiden wechseln und manchmal auch in ganz unbekannte Gegenden vordringen. Wir dagegen sind sesshaft geworden. Und das nicht nur, was unseren Wohnort angeht. Wir sind es auch in Glaubensdingen! Dabei war und ist unser Gott immer einer gewesen, der sich mit seinem Volk, mit seinen Leuten auf den Weg macht: Mit Abraham zieht er ins gelobte Land, 40 Jahre führt er die Israeliten durch die Wüste und wohnt nicht in einem Haus aus Stein, sondern in einem Zelt. Als sein Volk von den Babyloniern in die Verbannung verschleppt wird, geht er mit ihnen und spricht zu ihnen durch die Worte der Propheten. Später ist er mit dem Wanderprediger Jesus, den wir seinen Sohn nennen, in Galiläa und Judäa unterwegs. Den Paulus schickt er auf Missionsreisen und begleitet ihn dabei mit seiner Hilfe und seinem Beistand. Kein sesshafter Gott also! Vielmehr einer, der von seinen Menschen Aufbrüche verlangt und der auch immer wieder mit ihnen aufbricht. Mose, kurz bevor er das Volk Israel aus Ägypten herausführt, fragt diesen Gott am brennenden Dornbusch: Wenn ich nun zu den Leuten von Israel komme und sie mich fragen, wie der Gott heißt, der mich schickt, was soll ich dann sagen? Und Gott antwortet: "Sag zum Volk Israel: Der 'Ich-bin-da' hat mich zu euch geschickt." (2.Mos. 3,14b) In anderen Übersetzungen lesen wir für den Namen Gottes, was mir noch besser gefällt: Der " Ich bin bei euch" oder der "Er wird beständig (für euch) da sein". In jedem dieser Namen wird ein und dasselbe deutlich: Gott ist nicht da oder dort. Er hat keinen festen Ort. Er ist überall, wo wir sind und er geht überall hin mit uns und bleibt bei uns.

Das ist so, wenn wir an unseren Lebenslauf denken: Gott ist bei uns, wenn wir unseren ersten Schrei tun, in unserer Kindheit, Jugend, wenn wir uns einen Partner suchen, in den mittleren und in unseren älteren Jahren. Und Gott bleibt an unserer Seite, wenn wir diese Welt verlassen. Dann geht er mit uns über die Schwelle zu seiner neuen Welt, in der um Jesu Christi willen ein neues, ewiges Zuhause auf uns wartet.

Das ist aber auch in jeder Lebensphase so, wenn wir neue Wege gehen, uns weiterentwickeln und verändern: Am Anfang jedes Weges ist Gott an unserer Seite und ermuntert uns zum Aufbruch ins Unbekannte. Unterwegs gibt er uns täglich neuen Mut, dass wir nicht aufgeben. Und am Ende eines Weges ist er auch da und schenkt uns das Gefühl, dass es gut war, den Weg gegangen zu sein.

Schließlich ist auch unser Glaube Veränderungen unterworfen und Gott will auch, dass unser Glaube wächst und sich entwickelt. Der Glaube, den wir als Kinder haben, soll zu einem tätigen Glauben werden, der Früchte bringt für Gott und unsere Nächsten. Und er soll dabei immer stärker werden und so, dass er auch Zeiten des Zweifels und der Anfechtung übersteht. Gott ist auch hier - selbst in den Tagen, in denen uns sein Wille dunkel ist und unbegreiflich - neben uns und hilft uns, dass wir die Richtung und das Ziel nicht verlieren.

Mit dem Gott, dessen Name "Ich bin bei euch" ist, hat der Wandel, die Veränderung, die Entwicklung in unserem Leben nichts Bedrohliches mehr! Gott geht mit uns und bleibt uns treu. Wir müssen kein Angst haben und können getrost das tun, was Abram getan hat: "Da zog Abram aus, wie der HERR zu ihm gesagt hatte." - Wir wissen, dass Gott damals alle seine Zusagen gnädig gehalten hat. Er wird sie auch bei uns halten. AMEN