Predigt zum Sonnt. "Quasimodogeniti" - 15.4.2012

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Textlesung: Kol. 2, 12 - 15

Mit Christus seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus.

Liebe Gemeinde!

In jüngerer Zeit haben sich verschiedene Theologen daran gemacht, mit der Vorstellung aufzuräumen, Christi Tod am Kreuz wäre ein "Sühnetod", also ein Opfer für die Sünde der Menschen gewesen. Sie bestreiten also, dass Christi Leiden und Sterben die Kraft hat, uns, die wir an ihn glauben, von Sünde und Schuld zu befreien und uns vor Gott, wie Luther es ausgedrückt hätte, gerecht und gut zu machen.

Sie können sich denken, dass es kein leichtes Unterfangen wäre, die Vorstellung vom "Sühnetod" und "Opfer Christi" aus der christlichen Frömmigkeit, der Praxis unseres Glaubens und der christlichen Theologie zu streichen. Dazu müssten unzählige biblische Texte, besonders des Neuen Testaments völlig neu und ziemlich gewaltsam uminterpretiert werden, sicher mehr als 100 Gesangbuchlieder umgeschrieben und sämtliche traditionellen Abendmahlsfeiern umgestaltet werden. Dabei habe ich das größte Problem mit dieser Umdeutung des Todes Jesu noch gar nicht genannt. Das nämlich liegt in unseren Köpfen und in unseren Herzen: Wir glauben nun einmal daran, oft seit dem Kindergottesdienst und der Konfirmandenzeit, dass es so und nicht anders ist: Jesus Christus hat unsere Schuld auf sich genommen, ans Kreuz getragen und uns durch sein Leiden und seinen Tod erlöst von Hölle Tod und Teufel zu einem Ewigen Leben als Kinder Gottes. Mit diesen Gedanken lesen wir die Bibel. Davon sprechen die Gesangbuchlieder, besonders der Passionszeit - und wir singen sie gern. Und damit uns diese Erlösung immer wieder neu zugesprochen wird, gehen wir auch beim Abendmahl zum Tisch unseres Herrn.

Sie fragen sich jetzt sicher, warum ich diese Dinge heute überhaupt erwähne. Man könnte doch darüber hinweggehen, zumal die Vorstellung vom Sühnetod und Opfer Christi ja wohl kaum zu überwinden sein wird.

Es sind zwei Gründe, die mich dazu bewegt haben, heute die Diskussion um den Sühnetod anzusprechen. Der erste Grund oder besser: der Anlass ist dieser: In den Versen aus dem Kolosserbrief, die wir heute als Predigttext gehört haben, geht es sehr deutlich um genau dieses Thema. Der zweite Grund aber ist viel entscheidender gewesen: Immer wieder einmal, wenn wir Predigerinnen und Prediger in unseren Ansprachen von der Sünde reden, werden wir hinterher so oder ähnlich angesprochen: "Es wird in der Kirche so viel über die Sünde geredet, gibt es nicht auch die Freude, über die man reden könnte?" - "Das hat mich heute wieder ganz schön heruntergezogen, als sie von Sünde und Schuld gesprochen haben. Sollte man die Vergebung nicht mehr betonen, die gibt es doch auch!" - "Sünde, Sünde, Sünde... mich wundert nicht, wenn gerade die jungen Leute in der Kirche so selten zu sehen sind!"

Liebe Gemeinde, es gibt ganz offenbar eine gewisse Scheu davor - auch unter den Christinnen und Christen - über Sünde und Schuld zu reden, nachzudenken und besonders davor, sich zu Sünde und Schuld zu bekennen und zu stellen. Das hat sicher mit dieser Zeit zu tun, in der jeder ja sein eigener Herr sein und sein Leben frei und unabhängig von anderen gestalten will. Dazu passen die Gedanken einfach nicht, wir müssten durch irgendjemand von Sünde befreit werden und einer müsste sich dafür opfern, dass unsere Schuld vergeben werden kann. Auch in der Politik bzw. bei den Politikern unserer Tage, die doch eigentlich moralische Vorbilder sein sollten, sehen wir eher, dass sie ihre Fehler verschleiern, Schuld nicht zugeben und von so etwas wie Verantwortung und Rechenschaft schon gar nichts wissen wollen. - Das alles heißt aber nicht, dass die Sünde heute etwa eine geringere Rolle spielte oder gar, dass die Menschen dieser Zeit weniger Schuld auf sich laden als in früheren Zeiten! Fast möchte ich hier sagen: im Gegenteil!

So viele seelische Erkrankungen, an denen Menschen leiden, haben mit Schuld zu tun, die sie sich aufgeladen haben - oft vor Jahren oder Jahrzehnten. Ja, manchmal wissen die Menschen gar nicht mehr, was genau es damals war, was sie einem anderen Menschen angetan haben. Nur dass sie tief drinnen etwas quält, das wissen und fühlen sie genau, jeden Tag aufs Neue!

So viele Beziehungen, die Menschen miteinander haben, sind geprägt davon, dass einer in der Schuld des anderen steht. Vielleicht spricht man darüber, vielleicht auch nicht. Jedenfalls ist der eine von beiden nie frei, das zu sagen was er denkt und so zu handeln, wie er es möchte. Immer lastet auf ihm das Gewicht der Schuld von damals, die ihn klein hält und ihm den Mut nimmt, frei zu reden und aufzublicken. Und der andere vergibt ihm auch nicht, weil man mit einem Menschen, der an uns schuldig geworden ist, ja viel besser umgehen und ihn klein und in der Schuld gefangen halten kann.

Schließlich ist die Welt, in der wir leben, derart kompliziert und die Zusammenhänge, zwischen unserem Handeln und den schlimmen Folgen für Natur und Umwelt so deutlich geworden, dass wir kaum an der Erkenntnis vorbei kommen, dass wir täglich in Schuld fallen: Jede Flugreise ist eigentlich ein Beitrag zur Klimakatastrophe, die die Lebensbedingungen der Menschen in anderen Weltgegenden beeinträchtigt. Unsere Essgewohnheiten - z.B. mit viel zu viel Fleischgenuss - tragen in anderen Ländern zur Abholzung der Urwälder bei. So wird Weideland für Rinder gewonnen, das nach wenigen Jahren unfruchtbar und verbraucht ist und durch Erosion fortgeschwemmt wird. Unser wirtschaftlicher Erfolg bedingt meist den Verlust anderer. Wo wir die Karriereleiter eine Sprosse hinaufsteigen, wird ein anderer zurückstehen müssen - und oft genug ging es beim Karrieresprung nicht nach Eignung für den höheren Posten, sondern um die besseren Beziehungen.

Schuld hat aber auch immer mit Sünde zu tun, also mit Gott und unserer gestörten Verbindung zu ihm: Wir spüren das doch manchmal ganz genau, dass wir lang, zu lang gar nicht mehr mit ihm gesprochen haben im Gebet. Und jeder Seelsorger kennt die zahlreichen Ausreden dafür, warum einer nicht hie und da den Gottesdienst seiner Gemeinde besuchen kann. Wobei man merkt, dass sich selbst bei kirchenferneren Gemeindegliedern bei aller Verweltlichung doch das Gefühl dafür erhalten hat, das ein Christ, immer wieder einmal dorthin gehört, wo das Wort Gottes verkündigt wird. Nicht zuletzt lässt uns auch der eigene Lebenswandel immer wieder einmal fragen, ob nicht zu einem Leben als Christin oder Christ noch ein wenig mehr gehört, als die immer gleiche Abfolge von Arbeit und Freizeit, Wachen und Schlafen, Geld verdienen und ausgeben, in der unser Mitmensch, unser Nächster eigentlich gar nicht mehr vorkommt.

"Mit Christus seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten."

Liebe Gemeinde, wir sind begraben, wir sind auferstanden! Das liegt nicht vor, sondern hinter uns! Und warum? Darum: "Gott hat euch mit Christus lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden." Unsere Schuld, unsere Sünden sind gesühnt! Der Eine hat für uns alle die Vergebung erwirkt. Auf welche Weise? So: "Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet." Es gibt nichts mehr, was gegen uns spricht. Uns ist alle Schuld, alle Sünde vergeben! Wir dürfen den Kopf heben, aufrecht gehen und sind frei, erlöst von aller Last, die auf unserer Schulter und auf unserer Seele gelegen hat.

Das heißt nicht, dass wir künftig nicht wieder - und täglich! - Sünde und Schuld auf uns ziehen. Das heißt aber, dass auch die zukünftige Schuld und diese Sünden wie alle, die wir bis heute auf uns gehäuft haben, genauso am Kreuz Christi hängen und durch sein Opfer gesühnt sind.

Spötter werden sagen: "Wie bequem! Schon die Sünden, die wir noch gar nicht begangen haben, sind vergeben! Was hindert uns also am Sündigen?" - Wir aber, die gesehen und empfunden haben, was unser Herr für uns auf sich genommen hat, werden die Sünde vermeiden, wo immer wir das können. Wir werden uns bemühen, nicht in Schuld zu fallen. Wir werden anderen Menschen auch die Schuld vergeben, die Gott ihnen schon vergeben hat. Und wir werden dankbar sein für Leiden und Tod unseres Herrn Jesus Christus als Sühnopfer für die Welt und alle Menschen. AMEN