Predigt zum 2. Adventssonntag - 4.12.2011

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Textlesung: Jes. 63,15-16,17-19.64,1-3

So schau nun vom Himmel und sieh herab von deiner heiligen, herrlichen Wohnung! Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich. Bist du doch unser Vater; denn Abraham weiß von uns nichts, und Israel kennt uns nicht. Du, Herr, bist unser Vater; „Unser Erlöser", das ist von alters her dein Name. Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten? Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Kurze Zeit haben sie dein heiliges Volk vertrieben, unsre Widersacher haben dein Heiligtum zertreten. Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde. Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen - und das man von alters her nicht vernommen hat.

Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren.

Liebe Gemeinde!

Ein wenig kindlich oder gar kindisch sind diese Worte schon: „Warum lässt du uns, Herr, abirren von deinen Wegen und unser Herz verstocken, dass wir dich nicht fürchten?" Hört sich das nicht ähnlich an wie: „Warum versteckst du die Süßigkeiten, die ich doch nicht essen darf, auch an einem Ort, wo ich sie gleich finde, Mutti?" Oder so wie dieser Satz: „Was kann ich denn dafür, wenn es mich so gereizt hat, schon einen Tag vor Heiligabend die Weihnachtsstube zu betreten und nach den Geschenken zu sehen, Papa?" Aber Jesaja geht noch weiter mit seiner kindlichen Klage. Er wirft Gott auch noch vor, dass er sein Volk dafür bestraft, dass es seinen Gott verlassen hat: „Wo ist nun dein Eifer und deine Macht? Deine große, herzliche Barmherzigkeit hält sich hart gegen mich." Das kommt einem so vor, als wenn Kinder jammern, wenn sie, nachdem sie böse waren, bekommen, was sie verdient haben: „Das ist nicht lieb, dass ich heute keinen Nachtisch kriege!"

Doch, das ist irgendwie unangemessen, wenn man sich bei Gott auch noch darüber beschwert, wenn er sich seinem Volk nicht aufdrängt, das ihn doch so deutlich hat spüren lassen, dass es ihn nicht braucht, nicht will und seine Gebote missachtet. - Aber was war eigentlich geschehen?

Die babylonische Gefangenschaft der Israeliten lag noch nicht allzu lang zurück. Nur ein Rest des Volkes war überhaupt heimgekehrt. Ihr Land und die Stadt Jerusalem waren zerstört. Der Tempel lag in Trümmern. Die Heimkehrer aber hatten erwartet, dass es schneller gehen würde mit dem Wiederaufbau. Nun waren sie enttäuscht, denn auch frühere Prophezeiungen des Jesaja waren nicht wahr geworden, diese zum Beispiel: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir; weiche nicht, denn ich bin dein Gott. Ich stärke dich, ich helfe dir auch, ich halte dich durch die rechte Hand meiner Gerechtigkeit." (Jes. 41,10) Und auf Gottes ewige Zusage, zu seinem auserwählten Volk zu stehen, schien auch kein Verlass mehr zu sein: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von dir weichen, und der Bund meines Friedens soll nicht hinfallen, spricht der Herr, dein Erbarmer." (Jes. 54,10)

Aber endlich hört das Wehklagen und das Gejammer auf und wir lesen davon, was verständlicher und vernünftiger scheint: Der Schreiber der Verse erinnert Gott an seine Verheißungen und Versprechen und damit an die Zeit vor der babylonischen Verbannung: „Kehr zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbe sind! Wir sind geworden wie solche, über die du niemals herrschtest, wie Leute, über die dein Name nie genannt wurde." Und wie man es auch mit einem weltlichen Herrscher machen würde, wird Gott ermuntert, doch wieder seine Macht zu zeigen: „Ach dass du den Himmel zerrissest und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen, wie Feuer Reisig entzündet und wie Feuer Wasser sieden macht, dass dein Name kund würde unter deinen Feinden und die Völker vor dir zittern müssten, wenn du Furchtbares tust, das wir nicht erwarten - und führest herab, dass die Berge vor dir zerflössen - und das man von alters her nicht vernommen hat."

Und dann weicht die doch etwas freche und anmaßende Anfrage des Anfangs: Warum hast du uns denn in unser Unglück rennen lassen? ganz der Erkenntnis, dass man ja schließlich doch selbst schuld war an dem, was geschehen ist und was Gott hat über einen kommen lassen: Dass man verstockt gewesen ist und abgeirrt ist von Gottes Wegen! Und nach dieser Erkenntnis beginnt am Ende der Verse die ziemlich schmeichlerischen Rede: „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren."

Liebe Gemeinde, warum sollen wir diese Worte des Jesaja lesen? Schreibt er das, um uns zu belehren, also deshalb, dass wir wissen, wie das damals war als Israel die babylonische Gefangenschaft hinter sich hatte und wieder in die zerstörte Heimat zurückgekehrt war? Aber ist uns das alles nicht doch sehr fremd und sehr fern? - Oder sollte es nicht doch einen anderen Sinn haben? Sprechen die Verse aus dem Jesajabuch vielleicht doch auch mit uns? Ich denke schon! Hören Sie einmal auf eine kleine Geschichte aus unseren Tagen:

Da ist eine Ehe kaputtgegangen. Der Mann, nennen wir ihn Markus, hat seine Frau, Sonja, im siebten Ehejahr verlassen. Wie meist wegen einer anderen, jüngeren Frau. Aber es läuft alles nicht so, wie er sich das gedacht hat. Nach kurzer Zeit möchte Markus alles ungeschehen machen und zu Sonja zurückkehren. Sie aber ist zu tief verletzt und will die Beziehung nicht mehr aufleben lassen. Er beginnt zu hadern. Er spricht zwar mit niemandem darüber, aber er fragt Gott insgeheim: Warum hast du mich dieser anderen Frau begegnen lassen? Warum hast du mich nicht vor dem Bruch mit meiner Frau bewahrt? Und er klagt Gott an und er jammert über sein Geschick. Wochenlang geht das. Dann beginnt etwa Neues: Markus erinnert Gott an die guten Zeiten seiner Ehe mit Sonja. Auch die Gedanken an die schöne Trauung breitet er vor Gott aus. Und dass Gott ihnen damals doch seinen Segen versprochen hat und dass er sie doch durch ihr gemeinsames Leben begleiten wollte...und dass so ein dummer Fehler, die kurze Trennung um einer anderen Frau willen, doch nicht das Ende des Segens und ihrer Ehe sein dürfte! Schließlich verlegt sich Markus nach und nach aufs Bitten: Lass es doch wieder werden wie früher! Zeig' uns doch, dass du unser Schicksal wieder zusammenführen kannst, dass du stärker bist als unser Fehler und unsere ... Schuld. Und dann kommt noch das, je länger die Trennung dauert und je mehr sie schmerzt: „Gott, ich weiß doch, dass du uns beide liebst und möchtest, dass wir wieder zusammenkommen und du bist doch auch freundlich und die Güte selbst!"

Es gäbe noch viele andere Beispiele dafür, dass wir Menschen bis heute immer wieder diesem Muster folgen: Zuerst die Frage: Warum hast du das zugelassen, Gott? - Dann jammern und wehklagen. - Dann wird Gott an frühere Zeiten erinnert. - Endlich Einsicht in die eigene Schuld und die Bitte um Gottes Hilfe und zukünftigen Segen. - Und dann: Das Lob der Güte Gottes, der doch sicher gern hilft und richtet, was wir verkehrt gemacht haben!

Liebe Gemeinde, wenn wir jetzt nur sagen wollten: Aha, so wie bei Jesaja beschrieben, so geht es auch noch heute bei uns zu im Verhältnis und der Beziehung zu Gott, dann wäre das wohl richtig, aber zu wenig! Biblische Geschichten, überhaupt jedes Wort Gottes möchte mehr bei uns erreichen! Was könnte das hier sein?

Da ist schon einmal diese Frage: Warum hast du das zugelassen? Diese Frage ist immer falsch! Es muss heißen: Warum habe ich dies und das getan? Wie konnte ich so Gottes Gebot, seinen Willen, meine eigene Überzeugung und jeden Anstand vergessen? Und damit gibt es auch keinen Grund mehr, über Gott zu jammern und vor ihm zu klagen! Klagen wir uns selbst an, dann liegen wir richtig! Und erinnern wir nicht Gott an früher! Erinnern wir uns, was wir selbst einmal gedacht, was für Werte für uns gegolten und was wir Gott und den anderen Menschen versprochen haben.
Dann kommt das Wichtigste, das Entscheidende: Bekennen wir uns zu unseren Taten! Aber nicht so zaghaft: „Ja, es könnte möglich sein, dass ich da etwas falsch gemacht habe?" - „Vielleicht trifft mich da auch eine gewisse Schuld?" Gehen wir in uns! Schlagen wir uns an die Brust und sagen wir es laut - vor Gott und auch vor denen, an denen wir uns versündigt haben: „Ich habe große Schuld auf mich geladen! Es tut mir leid. Ich möchte es so gern wieder gut machen. Kannst du mir verzeihen?" Wenn das echt ist und ehrlich, dann können wir uns das schmeichlerische Lob an dieser Stelle sparen! Denn wir werden es erfahren, dass Gott gütig ist. Wir werden es erleben, dass unser Mitmensch uns die Hand reicht. Ehrliche Reue erreicht Gottes Herz. Das echte Bekenntnis unserer Schuld lässt unsere Mitmenschen nicht kalt - sie werden uns vergeben. Und dann - erst dann ist es Zeit für ein solches Lob Gottes: „Kein Ohr hat gehört, kein Auge hat gesehen einen Gott außer dir, der so wohl tut denen, die auf ihn harren." AMEN