Predigt zum 19. Sonntag nach Trinitatis - 30.10.2011

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Textlesung: Mk. 1, 32 - 39

Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn. Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach.

Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

Liebe Gemeinde!

Man weiß hier wirklich nicht, worüber man predigen soll. Das war aber der Text, der uns für heute zu predigen vorgeschlagen ist. Es ist eine recht unscheinbare Geschichte, ohne Höhepunkt, ohne wichtige Botschaft - oder? Jesus heilt. Jesus treibt Dämonen aus. Jesus betet an einem einsamen Ort. Jesus predigt, denn dazu - so sagt er - ist er gesandt. Ob es das ist? Der Höhepunkt, die Botschaft an uns: Jesus, gesandt um zu predigen? Sehen wir ihn nicht gern als den Wundertäter, der mit mächtiger Hand der Krankheit und dem Tod gebietet, Wasser in Wein verwandelt, 5000 Menschen mit ein paar Broten und Fischen speist. "Lasset uns anderswohin gehen, damit ich auch dort predige, denn dazu bin ich ausgegangen!" Ja, ich glaube, das muss sie sein, die Botschaft dieser Verse: Das Wort, die Predigt ist das Wichtigste, das Jesus zu geben hat.

Mir persönlich passt das eigentlich sehr gut: Ich verstehe mein Amt zuallererst als den Dienst am Wort. Meine Aufgabe ist es, das Evangelium immer wieder allen Menschen der Gemeinde weiterzusagen, so gut ich kann. Natürlich müssen's die Kinder anders hören können, als die Erwachsenen. Und ein Kranker braucht auch ein anderes Wort, als ein Gesunder. Aber das ist mein vornehmster Dienst in der christlichen Gemeinde: Jedem die frohe Botschaft so zu sagen, dass sie oder er sie begreifen kann und dass sie helfen, trösten, anspornen und verändern kann, je nach dem. Und da darf ich mich nun auch auf Jesus berufen, schon er verstand sich als einer, der zum Predigen in die Welt gekommen ist.

Vielleicht fragen Sie jetzt mit mir: Wie kommt das eigentlich, dass seine Predigt eine derartige Bewegung unter die Menschen gebracht hat. In Scharen sind sie ihm nachgelaufen, um ihn zu hören. Gewiss, manche wollten auch von ihm geheilt werden und kamen zu ihm, um sich von ihm die Hand auflegen zu lassen. Aber die meisten zog doch sein Wort in den Bann, das Wort der Vergebung, der Ermutigung und der Verheißung. Das löste eine große Freude aus, wenn einer hörte: "Dir sind deine Sünden vergeben!" Das vergaßen die einfachen Leute nie mehr, wenn er ihnen sagte: "Selig sind die Armen, denn ihnen gehört das Reich Gottes!" Das gab vielen, vielen elenden, armen oder schwachen Menschen wieder Lebensmut, dass er ihnen den Himmel versprochen hat.

Da fragen wir jetzt schon: Ist das Wort heute verstummt oder nicht mehr kräftig? Wo hat es denn in unseren Tagen eine solche Wirkung? Wo geschieht überhaupt eine Wirkung - des Worts, der Predigt? Nein, ich will mich nicht mit Jesus vergleichen - wer bin ich, dass ich mir das anmaßte! Aber, verkündigen wir Predigerinnen und Prediger heute nicht auch sein Wort? Ist nicht unser Thema genau wie seines: Vergebung, Ermutigung, Verheißung? - Warum bewegen wir dann so wenig? Sie wenden ein: "Aber so gering ist die Wirkung ja gar nicht! Man nimmt doch eine Menge mit vom Sonntagmorgen, Trost, Erbauung, Hilfe für eine ganze Woche."

Da muss ich an die Tausende von Menschen denken, denen Jesus am Berge predigt. Mir kommt der Mann in den Sinn, dem Jesus die Sünden erlässt - wie der es im ganzen Ort bekanntmacht, wie der umherspringt und sich freut und fast von Sinnen ist. Und an die Gesichter der herrschenden Religionsführer in Jerusalem muss ich denken, wie sie Angst vor seinen Worten bekommen, wie sie wegen seiner Predigt um ihren Einfluss bangen müssen. Waren das nicht doch andere Worte? Hatte er nicht doch etwas anderes zu sagen, als wir Prediger heute - und noch als die besten? War das bei IHM nicht viel mehr als Vergebung, Verheißung, Ermutigung?

Ich glaube schon! Wir sagen nicht die Worte Jesu - wir sprechen sie nach. Wir reden nicht mit seiner Vollmacht - wir versuchen nur nach Kräften seinen Auftrag zu erfüllen. Wir haben nicht wie er die Fähigkeit, unsere Worte durch Taten zu unterstreichen - wir sind beschränkt auf das, was wir sagen. Dennoch - das erklärt nicht die fast völlige Bedeutungslosigkeit unserer Predigt heute, bei vielen Menschen. Das macht nicht begreiflich, warum mancher sein Leben lang ohne die doch angeblich frohe Botschaft auskommt. Müssen wir also nicht heute einen neuen Schwerpunkt setzen? Können wir das heute noch nachsprechen: Lasset uns anderswohin gehen, um zu predigen, denn dazu sind wir gesandt! Ist die Verkündigung des Wortes wirklich noch das wichtigste? Sie werden jetzt staunen, wenn ich sage: Nein! Ich scheine mir damit zu widersprechen. Habe ich nicht vorhin genau das Gegenteil gesagt?

Vorhin Habe ich von meinem Amt gesprochen! Mein vornehmstes Amt ist die Predigt! Jetzt will ich von Ihrem Amt sprechen, denn das ist heute von größerer Bedeutung: Die Tat, meine ich. Und nicht irgendeine, sondern die, im Sinne der Predigt, die Tat aus dem Hören auf Jesu Wort.

Was wird es dem Menschen bedeuten, der ein Leben lang noch nichts Gutes erfahren hat, wenn ich ihm sage, Gott liebt dich!? Was soll er damit anfangen? Er weiß weder, wer für ihn Gott ist, noch was Liebe sein soll. Wieviel mehr könnte das sein, wenn du zu ihm hingehst und ihm das vormachst: Gott liebt dich! Du selbst kannst ihm das begreiflich machen: Wenn er merkt, da hat einer Zeit für mich, setzt sich ein für mich, hört mir zu, nimmt meine Hand, tut etwas für einen wie mich... Da begreift er: Gott liebt mich! Du musst kein Wort sagen!

Was hat ein Mensch, dem der ganze Lebensplan kaputtging davon, wenn ich ihm predige: Es gibt für jeden Menschen eine Hoffnung. Wie soll das bei ihm ein offenes Ohr finden? Wie soll er das glauben können, mit den Scherben seines Lebens vor den Füßen? Was könntest dagegen du ihm werden: Helfer, der ihn in beharrlichem Beistand wieder zurechtbringt. Der ihm immer aufs Neue auch die schönen Seiten des Lebens zeigt. Der für ihn und mit ihm an der Zukunft arbeitet... So kann das für ihn wahr werden: Es gibt für jeden Menschen Hoffnung. Du musst kein Wort sagen!

Und schließlich: Was ist das für einen alten oder kranken Menschen wert, wenn er von mir hört: Jesus hatte ein Herz für Alte und Kranke! Werden sie nicht schreien: Wer wird mir ein Jesus? Werden sie nicht klagen: Wer hat ein Herz für mich? Was könntest du tun? Hingehen könntest du, wenn du weißt, da liegt einer. Eine Weile an seinen Bett sitzen könntest du und zuhören, dir seine Not erzählen lassen. Eine Hand könntest du auf seine legen, dass er dich spürt und weiß, du bist da. Er wüsste dann: Der Herr, nach dem du dich nennst, hat ein Herz für Alte und Kranke gehabt. Du müsstest kein Wort sagen.

Ich will mich nun gar nicht aufs Predigen zurückziehen und Ihnen das Tun zuschieben. Was ich sagen will, ist vielmehr: Das eine kann ohne das andere nicht sein! Wer glaubte dem Prediger die Botschaft von der Liebe, wenn er in seinem Handeln vom Hass bestimmt ist? Aber auch das ist wahr: Wer glaubt dir, liebe Hörerin, lieber Hörer dieser Predigt, dass dich Gottes Liebe ergriffen hat, wenn in deinen Taten nichts davon durchscheint?

Unsere Zeit hat eine Inflation der Worte hervorgebracht. Die Politik redet auf uns ein, die Medien, die Werbung, die Leute in unserer Umgebung und irgendwo - viel leiser als all die anderen und darum oft kaum vernehmbar - spricht auch das Wort Gottes. Wen wundert es, dass es heute nicht mehr die Massen bewegt? Wen erstaunt es, wenn sich davor nicht mehr die Mächtigen fürchten müssen?

Unsere Zeit braucht deinen Dienst, lieber Hörer, nötiger: Die Tat! Davon kann unsere Gegenwart nie genug kriegen. Das Tun nach dem Wort Jesu hat Seltenheitswert.

Tun wir uns doch zusammen: Ich will es weiter als meine vornehmste Pflicht ansehen, zu predigen. Aber ich will das Tun im Sinne Jesu predigen und mit dir zusammen dabei mittun, dass Vergebung, Verheißung und Ermutigung zu Taten wird.

Ich glaube, wir dürfen das Bibelwort von vorhin für uns so sagen: Lasset uns anderswohin gehen, damit wir dort etwas im Sinn des Wortes Jesu tun, denn dazu sollen wir ausgehen! AMEN