Predigt zum 8. Sonntag nach Trinitatis - 14.8.2011

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Textlesung: Jes. 2, 1 - 5

Dies ist's, was Jesaja, der Sohn des Amoz, geschaut hat über Juda und Jerusalem: Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem. Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen. Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!

Liebe Gemeinde!

Wie sollen wir mit solchen Worten umgehen? „Der Berg, da des HERRN Haus ist, wird fest stehen, höher als alle Berge..." Ein wunderschönes Bild, ja, aber wer kann daran glauben? Und dann das: „Alle Heiden werden herzulaufen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen!" Wie schön ist doch diese Vorstellung - aber auch: wie unrealistisch! Und schließlich noch diese Aussicht: „Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen." Ist nicht gerade dieses Jahr ein Jahr der bewaffneten Auseinandersetzungen, der Kriege und der Gewalt? Wenn wir nach Nordafrika schauen, nach Somalia oder auch nach Syrien, das ja nicht allzu weit vom Berg Zion entfernt liegt.

Ja, wirken die Weissagungen des Propheten Jesaja nicht wie schöne Phantasie, sicher in guter Absicht erzählt, aber leider ohne jede Aussicht, je Wirklichkeit werden zu können? Doch, es sieht ganz so aus! Machen wir uns nichts vor. Ich denke auch, wir würden diesen Worten des Jesaja nicht gerecht, wenn wir nun fromm die Hände in den Schoß legten und darauf warteten, dass seine Gesichte von der Welt ohne Krieg und Schwerter wahr werden. Da ist es schon besser, wir nehmen sie einmal als ... Märchen! Ja, Sie hören richtig: Wir wollen die Prophezeiungen des Jesaja einmal wie ein Märchen lesen!

Nun weiß ich schon, dass bei diesem Wort „Märchen" im Zusammenhang mit einem biblischen Text einige von uns große Schwierigkeiten haben. Dürfen wir denn Texte, Geschichten der Bibel Märchen nennen? Fast kommt uns das jetzt doch wie eine Entweihung der Heiligen Schrift vor, ja, wie eine Lästerung. Auf der anderen Seite können wir doch aber auch nicht unseren Verstand an der Garderobe abgeben, bevor wir die heiligen Räume der Bibel betreten. Einmal ganz konkret im Blick auf die Worte des Propheten Jesaja bezogen: Wo wird denn heute noch mit Schwertern gekämpft, die zu Pflugscharen werden könnten? Und wer kann sich ehrlicherweise vorstellen, dass auf dem Zion, also auf dem Jerusalemer Tempelberg, den drei Weltreligionen als ihr geistliches Zentrum beanspruchen, „Heiden" und „viele Völker" zum „Hause des Gottes Jakobs" strömen, um dort die Weisung für ein Leben im Sinne Gott Jahwes zu erhalten, dass er sie lehre seine Wege und sie wandeln auf seinen Steigen.

Auf der anderen Seite gibt es eine Deutung von Märchen, die - wenn wir sie auf biblische Texte anwenden - diese keinesfalls entwerten oder gar zu so etwas wie Lügengeschichten herabziehen. Wie ist denn das zum Beispiel bei Dornröschen? Glauben wir da, dass es wirklich so geschehen ist, wie es uns erzählt wird: Dass der Spruch einer bösen Fee die Macht hat, einen Menschen zu töten, dass nach dem Stich einer Spindel ein ganzer Königshof in hundertjährigen Schlaf fällt und dass die Geschichte nach diesem langen Schlaf genau da weitergeht, wo sie ein Jahrhundert zuvor gestockt hat? Nein, wir glauben das nicht. Was wir aber glauben ist dies: Dass die Liebe - und die äußert sich doch im Kuss des Königssohns durch den Dornröschen erwacht - dass durch die Liebe vieles, ja, alles wieder gut werden kann, was vorher kaputt, verfahren oder - wie in diesem Märchen - wie tot war.

Oder denken wir an Hänsel und Gretel oder an Aschenputtel: Wir glauben doch nicht an Hexen, die kleine Jungen auffressen. Und es gibt auch keine wundertätigen Haselbäume und keine sprechenden Tauben. Was wir aber wohl glauben können ist dies: Dass am Ende doch die Gerechtigkeit zum Sieg kommt, dass die Wahrheit sich durchsetzt, dass es einen Unterschied macht, ob Menschen böse sind oder gut - und das wollen uns zuletzt die meisten Märchen lehren.

Wenn wir das nun auf die Prophetenworte übertragen, die uns heute zu bedenken vorgelegt werden, dann bleiben die Bilder, die sie uns vor Augen stellen, gewiss phantastisch und märchenhaft, nicht aber das, was sie uns verheißen und wozu sie uns auffordern wollen. Und das drückt sich für mich deutlich im letzten Satz der Prophezeiung aus: „Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, lasst uns wandeln im Licht des HERRN!"

Und hier wollen wir nun gar nicht mehr in die Zeit des Propheten zurückkehren, sondern uns selbst als die Mitbewohner und Genossen im Haus des Jakob verstehen - und das sind wir ja wirklich durch Jesus Christus geworden.

„Wandeln im Licht des Herrn" - was könnte das heißen?

Wenn ich „Licht" höre, muss ich an das Dunkel denken, das nicht selten unser Tun und Lassen umgibt. Es ist oft nicht richtig, was wir tun. Es ist nicht gerecht, es ist böse und gemein. Wir spielen unsere Macht aus. Wir nutzen unsere Stellung in der Gesellschaft, im Betrieb, im Verein oder in der Verwandtschaft und Familie, um uns durchzusetzen. Und oft genug wissen wir, dass unser Denken, unser Reden und Handeln nicht recht ist, nur uns selbst dienlich und nicht den anderen und nicht dem Frieden untereinander. Es ist dann als führten wir ein Schwert, das zerschneidet und zerstört, verletzt und Vertrauen tötet und nicht den Pflug, der nötig ist, dass gute Saat aufgeht, blühen und wachsen kann.

Und ich muss daran denken, wie gut das doch ist, wenn Menschen sich anders verhalten, wenn sie umsichtig und freundlich mit ihren Mitmenschen umgehen, wenn sie deren Wohl suchen und sich bemühen, dass jede und jeder zu ihrem, zu seinem Recht kommt. Wenn dann Zuneigung und Liebe zwischen uns entsteht, dann wird es warm und hell im Haus Jakobs, dann geht ein Licht an, das auch weit hinausstrahlt zu denen, die noch nicht in die Nähe unseres Gottes gefunden haben. Dann kann es wohl sein, dass viele Menschen hingehen und es mit ihren Worten sagen: Kommt, lasst uns zum Hause des Gottes Jakobs gehen, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn das Licht im Haus Jakobs bleibt nicht verborgen! Und es macht andere Menschen neugierig auf unseren Gott und unseren Glauben, wenn wir so leben, wie er es uns durch Jesus Christus geboten und in ihm vorgelebt hat.

Und schließlich muss ich noch denken, wie hilfreich und tröstlich das doch ist, auch für sich selbst sagen zu können: Ich gehöre zum Haus Jakobs, ich bin Gottes Kind, Schwester oder Bruder des Herrn, der uns Gott als unseren Vater bekannt gemacht hat. Und ich stelle mir vor, ich dürfte nicht im Schutz und in der guten Atmosphäre des Hauses Gottes leben, wüsste nichts von meinem Herrn, könnte nicht an ihn und an das Leben in der Ewigkeit, das er uns verdient hat, glauben... Aber ich lasse diesen Gedanken ganz schnell wieder fallen. Denn es ist ein Gedanke, der herabzieht ins Dunkel, der bedrückt und uns den Mut und die Freude nimmt ... Mut und Freude aber sind zwei Dinge, die Glieder der Familie aus dem Haus Jakobs niemals verlieren müssen! Denn sie haben viele Gleichgesinnte in ihrer Nähe und den Herrn, der ihnen täglich neu die Kraft schenkt, die sie brauchen, ihr Leben zu bestehen und die Hoffnung, dass dieses Leben nicht alles ist, sondern in Gottes Herrlichkeit um Jesus Christi willen ohne Ende, ewig weitergehen wird.

Liebe Gemeinde, war das nun nicht doch ein Verständnis des uralten Prophetenworts, das trotz seiner märchenhaften Züge unseren Verstand erreicht, unsere Seele berührt, unseren Glauben gefestigt und unseren Willen angespornt hat? - - - AMEN