Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis - 17.7.2011

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Textlesung: 1. Mos. 50, 15 - 21

Die Brüder Josefs aber fürchteten sich, als ihr Vater gestorben war, und sprachen: Josef könnte uns gram sein und uns alle Bosheit vergelten, die wir an ihm getan haben. Darum ließen sie ihm sagen: Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters! Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten. Und seine Brüder gingen hin und fielen vor ihm nieder und sprachen: Siehe, wir sind deine Knechte. Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Stehe ich denn an Gottes Statt? Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk. So fürchtet euch nun nicht; ich will euch und eure Kinder versorgen. Und er tröstete sie und redete freundlich mit ihnen.

Liebe Gemeinde!

Wir wollen uns noch einmal erinnern, was denn die „Bosheit" war, die Josefs Brüder ihm, dem Lieblingssohn des Vaters Jakob, getan hatten: Sie hatten ihn in eine Fallgrube geworfen und an Kaufleute verschachert, die ihn nach Ägypten in die Sklaverei weiterverkauften. Dort in Ägypten aber war er durch seine Klugheit und durch seine Träume, in denen Gott ihm immer wieder zeigte, was er tun sollte, zu Ansehen und Macht gekommen. So war er der zweite Mann im Staat nach dem Pharao geworden. Mit dem Bau von Getreidesilos in den „sieben fetten Jahren" hatte er in den „sieben mageren Jahren" nicht nur die Ägypter, sondern auch den Vater, seine Brüder und viele andere Menschen aus seinem eigenen Volk vor dem Verhungern gerettet. Jetzt aber, nachdem der Vater tot und begraben ist, fürchten die Brüder die Rache ihres mächtigen Bruders.

Hier setzen die Verse ein, die wir heute betrachten. Und die Brüder zitieren, um ihrer Bitte um Vergebung Nachdruck zu verleihen, den von Josef so sehr geliebten verstorbenen Vater: „Dein Vater befahl vor seinem Tode und sprach: So sollt ihr zu Josef sagen: Vergib doch deinen Brüdern die Missetat und ihre Sünde, dass sie so übel an dir getan haben. Nun vergib doch diese Missetat uns, den Dienern des Gottes deines Vaters!"

Liebe Gemeinde, das genügt uns eigentlich schon, um diese Verse zu verstehen und zu ihrem Kern vorzudringen. Aber wir wollen dabei dem Weg folgen, den uns die kleine Geschichte dieser Versöhnung vorgibt: „Aber Josef weinte, als sie solches zu ihm sagten." Warum weint Josef? Weil er ihnen doch längst vergeben hat! Sicher war es ihm peinlich, unter dem Verdacht zu stehen, er könnte sich jetzt doch noch rächen, nun, nachdem der Vater tot ist und ihm nicht mehr Einhalt gebieten konnte.

Ich finde, die Tränen Josefs weisen uns auf eine ganz wichtige Sache hin - und die hat durchaus auch mit einer christlichen Tugend zu tun: Mit der Bereitschaft anderen Menschen zu vergeben nämlich. Die Angst ist sehr groß bei Josefs Brüdern! Der zweitmächtigste Mann Ägyptens könnte sie ins Gefängnis werfen, ja, sogar töten lassen. Und - das müssen wir auch deutlich sehen - sie hätten Strafe verdient, denn es war schändlich, was sie ihrem Bruder angetan haben! Andererseits spürt Josef - und wir spüren es auch -, dass die Brüder schon gestraft genug sind: Durch ihre Angst, durch das Bewusstsein ihrer bösen Taten, durch ihr schlechtes Gewissen und durch das Urteil des verstorbenen Vaters, dass sie gewiss noch im Ohr und im Herzen haben. Aber nein, Josef kann sie nicht verdammen, kann keine Rache nehmen.

Wie oft sind die Mitmenschen schon an uns herangetreten, um unsere Vergebung zu erbitten? Konnten wir dann ihren Bitten nachgeben? Oder haben wir die Situation ausgekostet und genossen? Denn es liegt ja Macht darin, gebeten zu werden, dass wir verzeihen. Es schenkt uns ja Genugtuung, nachdem wir vielleicht gekränkt, beschwert oder fälschlich beschuldigt worden sind, wenn die Menschen ihr Unrecht uns gegenüber einsehen und kleinbei geben müssen! Haben wir vergeben? Hatten wir die Größe, Verzeihung zu gewähren. Oder haben wir den Mitmenschen die Schuld behalten, sodass sie nicht frei wurden und unbeschwert und neu mit uns anfangen konnten?

Das Beispiel Josefs jedenfalls will uns dazu führen, denen einen neuen Anfang zu gewähren, die uns darum bitten, ihnen die Angst zu nehmen, ihr Gewissen zu lösen und ihnen einen neuen Weg im Frieden mit uns zu öffnen: „Josef aber sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht!" Und wenn er hinzufügt „Stehe ich denn an Gottes Statt?", dann wird uns klar, warum wir eigentlich immer vergeben und einen neuen Anfang schenken müssten: Welcher Mensch kann denn wirklich über andere urteilen, wenn er die eigenen Taten betrachtet und die eigene Schuld sieht? Wer dürfte sich denn zum Richter über andere aufschwingen, wenn er erkennt, wie bedürftig er selbst der Vergebung ist? Gott allein ist Richter. Kein Mensch ist ohne Schuld, keiner steht darum über dem anderen. Darum hat auch keiner das Recht, einem anderen die Schulden zu behalten und ihn auf böse Taten zu verhaften. Besonders dann nicht, wenn der andere um unser Verzeihen bittet! Sicher nicht der wichtigste, aber auch ein wichtiger Gedanke ist dabei, dass ich selbst wohl auch immer wieder in die Lage komme, dass ich die Vergebung meiner Mitmenschen brauche!

Aber die kleine Geschichte von der Versöhnung der Brüder mit Josef hat noch eine andere Botschaft für uns, eine, die uns viele weitere Geschichten des Alten und Neuen Testaments nahe bringen wollen. Diese Botschaft klingt hier so: „Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen..."

Liebe Gemeinde, was wissen wir denn, was vielleicht Tage, Monate oder Jahre später aus dem werden kann, was wir heute beklagen? Gott weiß es! Wie oft konnten wir schon sehen, nachdem eine geraume Zeit vergangen war, dass sich böse Befürchtungen, die wir mit eigenen oder den Taten anderer verbunden hatten, auf ganz wunderbare Weise zum Guten gewendet haben. Gott wusste es im Vorhinein! Und es ist eben auch so, dass die Bosheit, die Menschen einander tun, von Gott zu guten, hilfreichen Taten umgewandelt werden können. Und auch das haben wir schon erlebt und dafür gibt es viele Beispiele:

In der alten Geschichte wird es im Blick auf die Josefsgeschichte ausgesprochen: „Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk." Wir haben vielleicht schon einmal erfahren, wie das Urteil, das uns treffen und verdammen sollte, genau die gegenteilige Wirkung bei uns hatte: „Aus dir wird nie etwas, hat uns einer gesagt - und er hat damit gerade unseren Trotz und unseren Fleiß angeregt. Und es ist etwas aus uns geworden mit Gottes Hilfe, etwas, was wir vielleicht selbst einmal nicht für möglich gehalten hätten! Ein anderer hat erleben müssen, wie ihm ein Traum, ein Plan, vielleicht ein Berufswunsch kaputtgemacht worden ist. Dann hat sich unser Leben ganz anders entwickelt, als wir es uns einmal gedacht haben. Und es hat lange gedauert, bis wir uns mit diesem anderen Leben abgefunden hatten. Aber irgendwann, vielleicht in einem Augenblick oder im Verlauf einer gewissen Zeit ist uns das deutlich geworden: Das andere Leben, zu dem uns das Schicksal gezwungen hat, ist ja gar nicht mehr fremd! Nein, ich bin inzwischen darin zu Hause. Und es ist gar nicht mehr so, dass ich mich nur mit ihm arrangiert habe - es ist wirklich mein Leben, in dem ich mich durch Gottes Fügung wohl fühle und mit dem ich zufrieden bin.

„Gott gedachte es gut zu machen!" Das ist zunächst ja nur ein Wort, eine Verheißung, eine Behauptung. Aber wenn wir ein Weilchen nachdenken, da bin ich ganz sicher, werden wir alle das eine oder andere Beispiel dafür finden, dass dieses Wort wahr ist, dass die Verheißung auch bei uns eingetroffen ist und die Behauptung immer wieder gestimmt hat.

Liebe Gemeinde, nehmen wir diese Gedanken heute mit nach Hause und in unser Leben:

Es ist gut, wenn wir einer dem anderen von Herzen vergeben. Es ist nicht an uns, anderen die Schuld zu behalten, die Gott ihnen vielleicht längst vergeben hat. Vergessen wir nie, dass Gott allein der Richter ist, dem es zusteht, über uns zu urteilen.

Es ist gut, wenn wir davon ausgehen, dass Gott auch noch aus der größten Bosheit und dem schlimmsten Unglück etwas Gutes, Hilfreiches und Heilsames für uns machen kann! AMEN