Predigt zum 17. So. nach "Trinitatis" - 30.9.2007

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Textlesung: Jh. 9, 35 - 41

Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten. Und als er ihn fand, fragte er: Glaubst du an den Menschensohn?

Er antwortete und sprach: Herr, wer ist's? dass ich an ihn glaube.

Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist's.

Er aber sprach: Herr, ich glaube, und betete ihn an.

Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden.

Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren, und fragten ihn: Sind wir denn auch blind?

Jesus sprach zu ihnen: Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde.

Liebe Gemeinde,

bei dieser Geschichte bleiben uns wohl immer besonders diese Worte im Gedächtnis - schon einmal weil sie am Schluss stehen: „Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde." Und das ist ja auch ein gutes Wort und ein sehr eingängiger Gedanke: Wer nicht weiß, was Sünde ist, der kann auch nicht für sie verantwortlich gemacht und bestraft werden. Und Beispiele für diese Wahrheit fallen uns auch schnell ein: Was kann das kleine Kind dafür, wenn es tut, was der Mutter missfällt? Es muss ja erst lernen, was richtig und falsch, gut und böse ist. Oder der Erwachsene: Wie soll er von sich aus wissen, wie man sich als Gast in einem fremden Land benehmen muss, was die Einheimischen an Sitten und Bräuchen haben und wie man sich z.B. in einem Restaurant verhält. Schließlich kann ein Mensch auch den Willen Gottes nicht kennen, bevor er erfahren hat, was Gott gefällt, was er von ihm fordert, was Sünde vor ihm ist und womit er Schuld auf sich lädt.

Dabei wollen wir beachten, dass wir - besonders im Verhältnis zu Gott - noch besser wegkommen als vor dem Gesetz und den weltlichen Richtern etwa unseres Staates: „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht!", heißt es da und wir müssen das vor dem, was Jesus hier sagt, jetzt schon als ziemlich hart empfinden!

Aber ich möchte auf ganz andere Gedanken aus dieser Geschichte eingehen, die sonst immer leicht zu kurz kommen: „Er (den Jesus von der Blindheit geheilt hatte) antwortete und sprach: Herr, wer ist's? dass ich an ihn glaube. - Jesus sprach zu ihm: Du hast ihn gesehen, und der mit dir redet, der ist's. - Er aber sprach: Herr, ich glaube, und betete ihn an."

Wer ist's, dass ich an ihn glaube? - Das ist mehr als Interesse, so wie wir vielleicht in einer größeren Gesellschaft unseren Tischnachbarn fragen, wer denn eigentlich die Tochter des Gastgebers ist. Das ist Verzweiflung: „Herr, ich weiß, dass dieser Menschensohn meine einzige Chance ist, mit Gott ins Reine zu kommen und in die Gemeinschaft der Menschen zurückzukehren, aus der sie mich verstoßen haben. Sag' mir, wer dieser Heiland ist und ich will an ihn glauben." - Wir denken hier sicher, dass so doch kein überzeugter und überzeugender Glaube aussieht. Und wir haben wohl recht damit. Der Glaube ist eine Entscheidung für Christus, würden wir sagen. Der Glaube bejaht auch bestimmte Inhalte: Dass dieser Jesus der Sohn Gottes ist, der für unsere Schuld gekreuzigt wurde, dann selbstveständlich die Auferstehung und und noch ein paar andere Dinge. Aber Glaube - nur aus Verzweiflung? Kann das sein? Darf das sein?

Nun erfahren wir in den Versen vor dieser Geschichte ja, dass Jesus den Blinden geheilt hat - zumindest was das Augenlicht angeht. Aber das ist eben nicht genug, es kommt auf etwas anderes an - und das äußert sich hier so: „Und Jesus sprach: Ich bin zum Gericht in diese Welt gekommen, damit, die nicht sehen, sehend werden, und die sehen, blind werden."

Wahrhaftig: Dieser verzweifelte Mensch sieht noch nicht richtig - und da sind nicht seine Augen gemeint. Er hat keine Ahnung vom Glauben, ja, bis zu diesem Augenblick wusste er vielleicht gar nicht, wie der aussieht. Er will nur nicht länger ein Ausgestoßener sein. Er will in die Gemeinschaft der Menschen zurück! - Und Jesus ist auf seiner Seite! Dieser Mensch, der nichts von ihm weiß, der Gott nicht kennt und keine Vorstellung hat, was denn der Glaube sein könnte ... dieser ist dem wahren Sehen näher als die Pharisäer, die doch nur meinen, dass sie „sehen", nur behaupten, Gott richtig zu kennen und nur vorgeben, den rechten Glauben zu haben. Und der, der eben noch blind war, zeigt, dass er sieht: Er fällt vor Jesus auf die Knie und betet ihn an. Er gibt Jesus damit eine Ehre, die heute wie damals nur Gott allein zusteht. Und er sagt damit - ohne ein Wort zu sprechen: Du bist der von Gott auserwählte Christus, du bist sein Sohn, von ihm gesandt.

Wie nebenbei wird hier auch noch etwas anderes deutlich - und das ist nicht nur eine Lehre für die Pharisäer dieser Geschichte: Dass wir vor Gott sehend oder blind sind, wird nicht erworben, nicht sozusagen als Lohn für gutes Verhalten ausgezahlt. Der Glaube - und davon ist ja eigentlich die Rede - wird weder durch Bibelstudium noch dadurch gewonnen, dass wir in einer christlichen Familie oder Umgebung aufwachsen. Der Glaube ist immer ein Geschenk - und er bleibt es unser Leben lang! Darum kann auch die Verzweiflung eines Menschen zum Glauben führen. Oder die Bitte im Gebet. Oder das Beispiel eines anderen Menschen, das uns nachahmenswert erscheint, die intensive Frage nach dem Sinn, die uns nicht loslässt, das gute Wort, das wir bei einer Beerdigung mitnehmen oder von einem Losungskalender im Krankenzimmer ablesen ... Alles das kann uns zum Glauben helfen, nämlich dazu, dass Gott uns mit ihm beschenkt. Nichts aber garantiert den Glauben - und wären wir eines Pharisäers, eines Pfarrers oder einer Missionarin Kind.

Zum „Gericht" ist Jesus gekommen, zur „Scheidung" zwischen denen, die nur meinen, sie hätten den Glauben begriffen und wie einen Besitz im Lebensgepäck und denen, die - vielleicht voller Zweifel und gar verzweifelt - nach ihm suchen und immer wieder neu suchen, weil er eben kein Gegenstand ist, der ein für allemal unser Eigentum wäre. Diesen suchenden Menschen will Gott den Glauben schenken.

Nun werden wir uns fragen: Suche ich noch? Habe ich denn nicht gefunden ... und ist das dann etwa ein Zeichen dafür, dass ich blind bin? - Gehen wir noch einmal zurück ins Geschehen dieser Geschichte: „Es kam vor Jesus, dass sie ihn ausgestoßen hatten." Weil er Jesu Anhänger geworden war, hatten sie ihn ausgestoßen. Oder sagen wir es besser im übertragenen Sinn: Weil er nicht so „gesehen" hat, wie die Pharisäer, die Frommen in der Gemeinde, die Leute, die sich an die Gesetze Moses halten und nichts von Jesus wissen wollen, die aber genau wissen, wer Gott ist, was er will, und was er verdammt ... Mit einem Wort: Weil er nicht richtig glaubt und nicht so wie die anderen, hatte man ihn aus der Gemeinschaft ausgeschlossen. Und von diesen Menschen, die den „Blinden" ausgrenzen, heißt es jetzt: „Das hörten einige der Pharisäer, die bei ihm waren, und fragten ihn: Sind wir denn auch blind?" Und Jesu Urteil ist klar: „Wärt ihr blind, so hättet ihr keine Sünde; weil ihr aber sagt: Wir sind sehend, bleibt eure Sünde."

Es ist ein für alle Mal keine Schande, den Glauben nicht, noch nicht, gefunden zu haben. Denn selbst wenn ich ein suchender Mensch bin, muss Gott mein Suchen nicht mit dem Glauben belohnen. Überhaupt geht es ja nicht um Lohn oder einen Dienst für Gott, der uns irgendetwas erwirbt. Neben allem anderen behält sich Gott ja auch vor, uns den Glauben dann zu schenken, wenn er das will - und nicht wenn wir meinen, es wäre aber jetzt doch an der Zeit.

Und es ist allemal keine Sünde gar nicht nach diesem Glauben zu fragen oder ihn gar nicht zu vermissen. Ich kenne viele Menschen, denen sich die Frage nach Gott noch nie in ihrem Leben gestellt hat. Und das sind noch nicht einmal nur solche Menschen, denen es gut geht, zu gut vielleicht, dass sie sich nach einem anderen Leben sehnen. Aber irgendwann wird etwas geschehen, da werden sie anfangen zu suchen und zu fragen. Das muss keine Krankheit oder Behinderung sein, wie in unserer Geschichte, auch kein Unglück oder Leid in ihrem Leben, das dieses Fragen auslöst. Das kann auch das große Glück sein, das sie erfahren oder die Erfüllung und Freude, die sie erleben dürfen, die einfach ein Gegenüber braucht, dem sie ihren Dank zeigen und sagen können. In Gott werden sie die Adresse für ihren Dank finden!

Sünde ist aber die Haltung, die besserwisserisch meint, Gott genau verstanden zu haben, seine Wege und wie er mit seinen Menschen umgeht zu wissen, den Glauben an ihn als festen Besitz in der Tasche zu haben und noch zu denken, alle bei denen es anders ist hingen einem falschen Glauben an und hätten nichts von Gott begriffen. „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken." (Jes. 55,8f)

Liebe Gemeinde, „blind", ohne Glauben sein, es ist der Wille Gottes oder sehend und gläubig, es ist Gottes Geschenk. „Sehende" Menschen wissen das und grenzen niemanden aus, der nicht oder noch nicht zum Glauben gefunden hat. Sie vertrauen vielmehr darauf, dass Gott ihnen wie uns selbst auch die Herzen für den Glauben auftun kann und will. AMEN