Predigt zum 16. So. nach "Trinitatis" - 23.9.2007

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Textlesung: Lk. 7, 11 - 16

Und es begab sich danach, dass er in eine Stadt mit Namen Nain ging; und seine Jünger gingen mit ihm und eine große Menge.

Als er aber nahe an das Stadttor kam, siehe, da trug man einen Toten heraus, der der einzige Sohn seiner Mutter war, und sie war eine Witwe; und eine große Menge aus der Stadt ging mit ihr.

Und als sie der Herr sah, jammerte sie ihn, und er sprach zu ihr: Weine nicht!

Und trat hinzu und berührte den Sarg, und die Träger blieben stehen. Und er sprach: Jüngling, ich sage dir, steh auf!

Und der Tote richtete sich auf und fing an zu reden, und Jesus gab ihn seiner Mutter.

Und Furcht ergriff sie alle, und sie priesen Gott und sprachen: Es ist ein großer Prophet unter uns aufgestanden, und: Gott hat sein Volk besucht.

Liebe Gemeinde!

Wir haben es wirklich nicht leicht, mit dieser Geschichte! Wo haben wir erlebt, dass heute ein Toter ins Leben zurückkehrt? Machen wir nicht - im Gegenteil - die Erfahrung, dass Tote tot bleiben und haben nicht auch manche von uns erlebt, was ähnlich grausam war, wie in dieser Geschichte: Der einzige Sohn einer Witwe ... ein Jüngling noch ... sicher der Ernährer seiner Mutter ... so früh aus der Welt gerissen. Ist das also eine Geschichte für uns? Können wir mehr daraus entnehmen, als ein Staunen über Jesus: Da hat er doch damals sogar Tote auferweckt!? Und liegt in diesem Staunen dann nicht auch unsere Frage: Warum, Jesus, tust du das heute nicht mehr für uns? Ja, wir könnten ihm wohl sogar vorwerfen: Du hast uns Menschen heute verlassen - uns geschehen keine solchen Wunder!

Wie soll ich über diese Verse predigen? Wie werde ich Jesus - und uns - gerecht? Wozu könnte uns diese Auferweckung eines toten Jünglings damals in unseren Tagen helfen?

Vielleicht sollen wir zunächst wirklich "staunen"? Jesus hat Tote lebendig gemacht! Einer, der wirklich gestorben war, kalt und leblos, ist wieder ins Leben zurückgekehrt! Was für eine Tat! Und dann könnten wir einstimmen in den Lobpreis Gottes: "Es ist ein großer Prophet aufgestanden; Gott hat sein Volk besucht!"

Um so schmerzlicher aber werden wir empfinden, dass uns kein Gott aufsucht, uns kein Jesus solche Taten tut, unsere Toten nicht zurückkommen. Und wir empfinden dabei den gewaltigen Graben zwischen uns und den Menschen damals, zwischen den bloßen Worten der Schrift, die uns trösten sollen - und dem lebendigen Herrn damals, der den verstorbenen Sohn lebendig seiner Mutter in die Arme zurücklegt.

Wie ist das anders heute! Wie haben wir es doch auch schwer - mit dem Glauben, mit dem Vertrauen, mit der Hoffnung, dass der Tod wirklich durch Christus keine Macht mehr hat! Andrerseits: Das war noch vor Ostern, damals! Jesus war noch nicht ans Kreuz gegangen und noch nicht auferstanden durch Gottes Kraft! Ja, es war gerade erst bekanntgeworden, dass hier ein Mensch mit besonderen Gaben aufgetreten war. Er hatte die eine oder andere Predigt vom Reich Gottes gehalten. Er hatte in Gleichnissen von Gott erzählt. Auch hatte er einige Kranke gesund gemacht und ihnen die Sünden vergeben. Hier aber tut er mehr als das! Ein Toter steht auf! Einer, den sie gerade ins Grab legen wollen, atmet wieder und sorgt wieder für seine Mutter!

Hier zeigt Jesus: Mein himmlischer Vater hat mir alle Macht auf Erden gegeben - sogar die Macht über den Tod! Was wir heute schon seit 2000 Jahren wissen und feiern - wurde damals zum ersten Mal deutlich: Wer auf die Seite Jesu gehört, der ist auf der Seite des Lebens! Der hat keinen Tod zu fürchten und keine Gewalt dieser Erde! Was wir am neuen Leben Jesu nach Ostern gesehen haben, sahen die Menschen damals am auferweckten Jüngling: Der Tod ist besiegt - durch Jesus!

Das würde ja vielleicht schon genügen, um uns zu erklären, warum Jesus uns heute keine solchen Wunder mehr tut: Wir wissen von seiner Auferstehung! Wir haben das Zeugnis so vieler Menschen, die Jesus lebendig erfahren haben, damals und heute! Vielleicht gehören wir selbst ja dazu? Wir müssen uns also nicht fürchten, wenn wir an den Tod denken: Wir werden leben ... bei Gott ... in nie erträumter Herrlichkeit ... ewig ... Und wir müssen auch nicht um unsere Toten bangen: Sie sind in Gottes guten Händen, bewahrt und geborgen bei ihm, ohne Schmerzen, ohne Tränen, seiner Gnade befohlen - um Christi willen.

Aber es ist noch etwas ganz anders ... damals und heute ... es ist dieser besondere Fall: Wir machen ja, Gott sei Dank, die Erfahrung des Todes meist weniger schrecklich. Unsere Lieben sterben, nachdem sie ihr Leben gelebt haben, oft alt und lebenssatt, ersehnt und als Erlösung oder wenigstens so, dass wir doch nach einer Zeit ja sagen können zu ihrem Sterben. Wie gesagt: Meist ist das so! Bei der Witwe von Nain allerdings war viel mehr geschehen, als dass ihr Sohn gestorben war: Ihr eigener Tod war besiegelt! Ein Mann war nicht mehr da, sie war Witwe. Und jetzt war auch noch der einzige Sohn tot. Sie hatte keinen Ernährer mehr! Als Frau hätte sie damals nicht überleben können Es gab keine Altersversorgung. Kein soziales Netz hätte sie aufgefangen. Eine Zeit konnte sie sich noch mit Betteln über Wasser halten, aber dann ... Von Ehre und Menschenwürde wollen wir gar nicht reden. Sie war selbst schon so gut wie tot, als Jesus sich ihrer annimmt. Und er wendet sich eben nicht nur dem toten Sohn zu, nein, auch der Mutter, der alle Lebensmöglichkeiten gestorben waren. Darum heißt es ja auch in der Geschichte: Als der Herr sie sah, da jammerte sie ihn und er sprach: Weine nicht! Er macht nicht nur ihren Sohn lebendig, sondern auch sie selbst, denn sie war auch tot, so gut wie tot, noch vor dem leiblichen Sterben.

Liebe Gemeinde, vielleicht erkennen wir jetzt doch, wie anders und wie besonders das Leid der Witwe damals war! Für uns sterben meist "nur" die anderen Menschen, wir selbst dürfen aber weiterleben. Der Abschied mag ja hart und schmerzlich sein, aber wir bleiben doch nicht unversorgt zurück. Mögen uns unsere Lieben auch verlassen, so dürfen wir doch zum eigenen Leben zurückkehren - zu seiner Zeit.

So liegen also diese zwei Gedanken in dieser "schwierigen" Geschichte: Damals musste Jesus noch seine Macht über den Tod zeigen und beweisen - wir haben ihn an Ostern "als den lebendigen Herrn" erkannt! Und das andere: Für die Witwe zu Nain geht es um mehr, viel mehr als das Leben des Sohnes - auch ihr eigenes Leben war schon verloren und wird ihr wiedergeschenkt.

Aber noch etwas Drittes könnte uns an dieser Geschichte aufgehen, vielleicht das beste an ihr, auf jeden Fall das menschlichste: Jesus sieht das Leid der Witwe! Er geht nicht daran vorbei. Er schaut nach ihr, die da hinter dem Sarg her geht und sie jammert ihn. Er will sie trösten: "Weine nicht, Frau!"

Können wir daran nicht lernen, dass auch unser Leid unter den Augen Jesu geschieht? Auch an uns geht er nicht vorbei, ohne dass wir ihn dauern und ohne dass er sich uns zuwendet! Jesus sieht unsere Tränen, kommt zu uns und tröstet uns: "Weine nicht!"

Und es ist ihm auch ganz gleich, ob wir um einen Menschen trauern oder von der Bosheit der Leute geschlagen sind. Er fragt nicht, ob wir Angst haben vor dem morgigen Tag oder bedrückt sind von Mühsal und Kummer. Überall wo Menschen leiden, weinen und beladen sind mit Schuld und Plage, da ist Jesus in der Nähe. Wie er der Witwe das Leben zurückschenkt, bevor sie allein gelassen verzweifeln muss, so wird er uns - jedem Menschen im Leid - einen Weg zum Leben zeigen, zum eigenen, erfüllten Leben.

Gewiss, liebe Gemeinde, das muss man glauben! Das kommt nicht gleich für jeden verlässlich und beweisbar daher wie eine Lebensversicherung. Und es ist doch viel gewisser und viel sicherer als aller Halt, den uns die Welt und die Menschen versprechen können! Wir sind heute eingeladen, uns darauf zu verlassen: Wenn wir in schlimme Zeit kommen, wenn uns die Trauer schüttelt und die Angst befällt, wenn die Zweifel an uns nagen und die Hoffnungslosigkeit nach uns greift, dann wird Jesus nach uns sehen, wird zu uns kommen und zu uns sprechen: "Weine nicht!" Dann wird er den Tod von uns nehmen und alles, was uns lähmt und uns zum Leben zurückführen, einen Weg, den wir gehen können. - Das dürfen wir glauben!

Die Geschichte vom Jüngling zu Nain bleibt schwierig und viele Fragen bleiben ungelöst. Vielleicht behalten wir aber das von ihr und nehmen es von heute mit: Jesus hat Macht über den Tod - die Witwe erhält ihren Sohn zurück. Die Frau war in einer viel aussichtsloseren Lage als wir angesichts des Todes - auch ihr eigenes Leben wird ihr geschenkt! Und schließlich: Wir wollen darauf vertrauen, was Jesus uns in dieser Geschichte zum Glauben vorlegt: Er sieht nach allen, die leiden müssen, er nimmt sich ihrer an, er hilft und tröstet.

Damals ist Jesus selbst zur Witwe getreten und hat sie aus ihrem Leid geholt. Heute trägt er oft das Gesicht von Menschen unserer Umgebung, bedient sich ihrer Hände, ihrer Füße und ihrer Stimme. Aber es ist dennoch der Herr, der uns sieht und an uns handelt. Auch durch die Menschen.

Wenn wir also gerade ganz unten sind, dann verlassen wir uns darauf: Jesus hat uns schon gesehen! Er ist schon ganz nah und wird bald zu uns kommen. Erwarten wir ihn getrost - auch in einem anderen Menschen!

Wenn wir aber gerade glücklich sind, wenn uns geholfen wurde und wir Freude erleben, dann wollen wir uns bereit halten, ob Jesus sich nicht vielleicht unserer Hände und Worte bedienen möchte, um andere zu neuem Leben, neuem Halt, zu Hilfe und Trost zu führen! AMEN