Predigt zum 13. So. nach "Trinitatis" - 2.9.2007

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Textlesung: Mt. 6, 1 - 4

Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen lassen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber Almosen gibst, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, damit dein Almosen verborgen bleibe; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.

Liebe Gemeinde!

Das sind missverständliche und häufig missverstandene Verse, die uns heute zu bedenken vorgelegt werden. Wir deuten sie oft in dem Sinn, dass alles, was zum Glauben der Christen zählt, nun einmal nicht in die Öffentlichkeit gehört. Und dabei schütten wir dann sozusagen das Kind mit dem Bad aus: Was wir auf den Kollektenteller legen oder in den Klingelbeutel tun, sollen wir nicht mit großer Geste oder gar mit Worten des Selbstruhms begleiten. - Da haben wir keine Einwände. Und es ist auch wenig schicklich und spricht nicht für uns, wenn wir immer und überall mit Bibelsprüchen um uns werfen oder von der Zeit reden, die wir täglich für die Losungslektüre, die Bibellese oder das Gebet erübrigen. - Auch dazu ein klares Ja!

Wir haben es uns aber angewöhnt, nun gleich jede religiöse Regung unter Generalverdacht zu stellen. Nicht nur bei anderen. Auch bei uns selbst. Für uns gehört es sich auch nicht, auch nur ein klares Wort über das zu sprechen, was eigentlich unser Glaube ist, was uns trägt und hält und worauf wir hoffen. Das allerdings ist nicht die fromme Zurückhaltung, die hier gemeint wäre: "Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden ..." Im Gegenteil! Hier handelt es sich vielmehr um etwas, das uns Jesus ausdrücklich empfohlen, ja, von uns gefordert hat, nämlich das klare Bekenntnis zu ihm und seiner Sache: "Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln." (Mk. 8,38) Und auch der Verfasser des Petrusbriefs legt uns eindringlich nah, nur ja die Stunde nicht zu verpassen, in der es darum geht, ein klares Zeugnis von unserem Glauben zu geben: "Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist." (1.Petr. 3,15b)

Nun wollen wir es aber noch ein wenig genauer wissen, wie wir das unterscheiden können: Die Frömmigkeitsübung, die wir besser unterlassen und die, die Jesus loben würde. Dazu möchte ich einige kleine Erfahrungen berichten, die ich machen durfte bzw. musste. Und ich wähle zuerst bewusst Beispiele, die mit dem Spenden und Opfern von Geld zu tun haben. Denn selbst da kann ich entweder so geben, dass es wenig gottgefällig ist oder auch so, dass ich damit reinen Herzens ein Bekenntnis zu meinem Herrn und für den rechten Glauben an ihn ablege:

Immer wieder habe ich es erlebt, dass Menschen aus der gottesdienstlichen Gemeinde, wenn der Klingelbeutel herumging, deutlich und so dass es die Banknachbarinnen und -nachbarn sehen mussten und sollten, einen schon etwas größeren Geldschein sehr langsam aus der Börse nahmen und in wirklich hohem, weithin sichtbaren Bogen im Beutel versenkten. Oder sie haben ihre Geldspende ins Körbchen oder den Teller am Ausgang bewusst in Überlänge zelebriert - dass es nur ja alle mitbekommen.

Ich habe aber auch zahlreiche andere Gemeindeglieder kennen gelernt, die öffentlich in Gottesdienst oder Gemeindeveranstaltung meist nur Münzen gegeben haben, von denen ich aber - meist durch Zufall - gehört habe, dass sie schon Jahre und Jahrzehnte für ein oder mehrere Projekte der Mission oder der Nothilfe wirklich große Teile ihres Einkommens regelmäßig spenden - aber hier müsste man sicher eher von opfern sprechen.

Ähnliches geschieht allerdings auch, ohne dass Geld im Spiel ist. So gibt es etwa Menschen, die in jeder ihnen passend erscheinenden Situation die heilige Schrift bemühen, wie neulich ein Politiker, der in einer Rede vor kleinen Rentnern davon sprach, "geben wäre immer noch seliger als nehmen", was vor dem Hintergrund eigener gesicherter Altersversorgung gewiss nicht schwer fällt. Oder ich denke an die Christen ziemlich bigotter Wesensart, die es wohl in jeder Kirchengemeinde gibt, die uns die Erkenntnis, "es wäre so halt Gottes Wille gewesen", ausgerechnet dann anbieten, wenn wir uns nach ehrlichem menschlichen Mitgefühl sehnen und uns die Bereitschaft und das Versprechen uns jetzt nicht allein zu lassen, weit mehr helfen würde.

Aber auch hier kenne ich - und viele von uns hoffentlich auch - die ganz andere Seite: Dass uns in Stunden der Not ein lieber Mensch eben auch genau das Schriftwort sagt, das unsere Trauer oder unseren Kummer anspricht, aufnimmt und uns über die dunkle, sorgenvolle Stunde hinausbringt, uns wirklich tröstet, uns den Kopf heben und wieder nach vorn blicken lässt.

Aber fragen wir jetzt wirklich, was denn den Unterschied ausmacht zwischen diesem und jenem Spenden und dem einen und dem anderen Sprechen von Bibelworten:

Ich glaube, und das hört sich vielleicht jetzt ein wenig seltsam, fast poetisch an, es hängt alles ab von dem Herzen, das die Taten, die Geldspenden oder die Worte hervorbringt. Und es geht um die Absicht, mit der es geschieht.

Hören wir noch einmal auf die Worte des Matthäus: "Habt acht auf eure Frömmigkeit, dass ihr die nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden; ihr habt sonst keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel." Von den Leuten gesehen oder gehört zu werden, ist so eine Absicht, die Menschen leitet, Geld zu geben oder Bibelsprüche abzusondern. Und das Herz, aus dem das dann entspringt, ist eines, das bei sich selbst bleibt und nicht wirklich bei dem oder denen, die man vorgeblich mit der Spende oder dem guten Wort im Blick hat. Und es wundert uns nicht, wenn Jesus sagt, dass es für solches Verhalten keinen Lohn bei Gott gibt. Warum denn auch? Den "Lohn", wenn auch einen geringen und fragwürdigen, haben diese Menschen ja schon darin erhalten, dass sie sich - vor sich selbst - fromm oder gut dünken.

Ein Herz, das echte Hilfe schenken will, fragt zuerst nach dem anderen und was der jetzt gerade haben und hören muss und was er in diesem Augenblick an Beistand und Zuwendung braucht. Und wir spüren das sicher, wie schön und treffend dieses Bild ist, das uns der Evangelist für eine solche Zuwendung malt: "Wenn du aber Almosen gibst - und wir können hier sicher auch einsetzen: wenn du deinem Mitmenschen ein gutes Wort sagen oder auf andere Weise helfen willst -, so lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut." Gewiss: Das ist ja eigentlich gar nicht möglich. Ein und dasselbe Herz, ein und derselbe Kopf steuern unsere Hände, unseren Mund, unsere Taten und Worte. Aber wir wissen doch, was gemeint ist: Fast wie eine Heimlichkeit sollen wir unsere gute Tat tun. Als dürften Teile unseres Wesens (vielleicht unser berechnenden Verstand?) nur ja nichts davon erfahren, was unser Herz da vorhat und tun will und was es unsere Lippen auszusprechen heißt. Und wie von selbst stellt sich hier eine große Vorsicht und Feinfühligkeit ein: Nur ja nicht handeln, nicht Geld spenden, so dass alle hinschauen - das würde ja wirklich alles zerstören, was daran schön und gut ist, vom Eigenen abzugeben. Und bloß keine Worte sagen nur darum, weil sie vielleicht wohl klingen und mich als einen ausweisen, der den einen oder anderen biblischen Spruch auswendig im Kopf hat - so würde dem Trost die Tiefe genommen und der Hilfe die Kraft.

Und wir wollen hier auch noch den Glauben ansprechen, der hinter solchem Handeln und Reden steht oder - noch einmal poetisch - das, was es denn ausmacht, dass ein Herz so oder so bereitet ist, handelt und spricht: Der Glaube, der mich ohne Aufsehen, ohne große Geste und ohne Spekulieren auf Lohn geben und helfen lässt, weiß davon, dass alles, was ich bin und habe nicht mein Verdienst ist. Ein solcher Glaube macht also niemals auf sich selbst aufmerksam, sondern immer nur auf den, dem ich alles, was ich bin und habe, ja, mein ganzes Leben verdanke. Aus diesem Glauben erwächst unseren Mitmenschen echte Hilfe, wirklicher Trost und auch ein Anstoß, es mit diesem Glauben selbst neu oder zum ersten Mal zu versuchen. Einem solchen Glauben ist ein anderer, ein viel größerer Lohn verheißen, als ihn die kurze, im Grunde armselige Aufmerksamkeit der Leute für eine Spende oder ein Wort, das nur die Öffentlichkeit sucht, je geben kann: Denn "dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten." AMEN