1. Predigt zum 10. So. nach "Trinitatis" - 12.8.2007

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(Ich zitiere hier aus einer "kleinen Perikopenrevision" der Liturgischen Konferenz von 1999:

Zusätzlich ist zu berücksichtigen, dass es im "Evangelischen Gottesdienstbuch" für den 10. Sonntag nach Trinitatis zu weiteren Veränderungen gekommen ist, die jedoch nicht in allen Kirchen Gültigkeit besitzen:

2 Kön 25,8-12 (ursprünglich VI) wird ersetzt durch Ex 19,1-6; Ex 19,1-6 wird Predigttext der Reihe III, Joh 2,13-22 wird gestrichen; Röm 11,25-32 (Epistel, ursprünglich II) wird Predigttext in Reihe VI, der Text wird ersetzt durch Röm 9,1-5.6-8.14-16 (II); Lk 19, 41-48 (Evangelium, I) bleibt, erhält aber eine Alternative: Mk 12, 28-34. Röm 9,1-5.31 bis 10,34 (ursprünglich IV) wird ersetzt durch Jes 62,6-12 oder JsSir 36,13-19. Jer 7,1-11 (12-15) (ursprünglich V) rutscht in den Marginaltext, stattdessen nun: Joh 4,19-26.

Ich biete daher auf der Archivseite eine zweite Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis zu Jh. 4, 19-26 – ursprünglich der Text zum Pfingstmontag der V. Perikopenreihe.)

Textlesung: Jer. 7, 1 - 15

Dies ist das Wort, das vom HERRN geschah zu Jeremia: Tritt ins Tor am Hause des HERRN und predige dort dies Wort und sprich: Höret des HERRN Wort, ihr alle von Juda, die ihr zu diesen Toren eingeht, den HERRN anzubeten! So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels: Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich bei euch wohnen an diesem Ort. Verlasst euch nicht auf Lügenworte, wenn sie sagen: Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel! Sondern bessert euer Leben und euer Tun, dass ihr recht handelt einer gegen den andern und keine Gewalt übt gegen Fremdlinge, Waisen und Witwen und nicht unschuldiges Blut vergießt an diesem Ort und nicht andern Göttern nachlauft zu eurem eigenen Schaden, so will ich immer und ewig bei euch wohnen an diesem Ort, in dem Lande, das ich euren Vätern gegeben habe. Aber nun verlasst ihr euch auf Lügenworte, die zu nichts nütze sind. Ihr seid Diebe, Mörder, Ehebrecher und Meineidige und opfert dem Baal und lauft fremden Göttern nach, die ihr nicht kennt. Und dann kommt ihr und tretet vor mich in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: Wir sind geborgen, - und tut weiter solche Gräuel. Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Räuberhöhle? Siehe, ich sehe es wohl, spricht der HERR. Geht hin an meine Stätte zu Silo, wo früher mein Name gewohnt hat, und schaut, was ich dort getan habe wegen der Bosheit meines Volks Israel. Weil ihr denn lauter solche Dinge treibt, spricht der HERR, und weil ich immer wieder zu euch redete und ihr nicht hören wolltet und ich euch rief und ihr nicht antworten wolltet, so will ich mit dem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, auf das ihr euch verlasst, und mit der Stätte, die ich euch und euren Vätern gegeben habe, ebenso tun, wie ich mit Silo getan habe, und will euch von meinem Angesicht verstoßen, wie ich verstoßen habe alle eure Brüder, das ganze Geschlecht Ephraim.

Liebe Gemeinde!

Diese Verse kommen uns so fremd, so fern und so gar nicht für uns Christen dieser Zeit gesprochen vor. Und doch sind sie sehr schnell, sehr leicht und so, dass es uns trifft, in unsere Tage, unsere Welt, unsere Gemeinde und unser religiöses Leben übertragen. Der Schlüssel zum Verständnis dieser Prophetenrede liegt - wie so oft - da, wo etwas mehrfach wiederholt wird. Und das geschieht hier gleich zweimal. Das erste sind die "Lügenworte", die Jeremia anprangert. Und das zweite ist das, was er Lügenworte nennt, nämlich: "Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!"

Da fragen wir uns jetzt schon, wie kann so etwas denn ein Lügenwort sein? Was ist denn falsch daran, wenn die Menschen damals den Tempel Gottes in Jerusalem "des Herrn Tempel" nennen? Dazu muss man den Hintergrund des Auftrags Gottes an Jeremia kennen und wissen, warum er von Gott an das Tor des Heiligtums gesandt wurde, den Israeliten zu predigen: Es gab ganz offenbar immer mehr Juden, die sich durchaus für fromm und gottesfürchtig hielten, die aber gespalten waren in vorgebliche Rechtschaffenheit einerseits und einen ganz und gar nicht gottgefälligen Lebenswandel andererseits - und das ist wohl noch harmlos ausgedrückt. Der Prophet sagt es deutlicher: "Ihr seid Diebe, Mörder, Ehebrecher und Meineidige und opfert dem Baal und lauft fremden Göttern nach, die ihr nicht kennt." Wir können das verstehen, wenn Gott diesen Leuten dann vorhält: "Und dann kommt ihr und tretet vor mich in diesem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, und sprecht: Wir sind geborgen, - und tut weiter solche Gräuel. Haltet ihr denn dies Haus, das nach meinem Namen genannt ist, für eine Räuberhöhle?"

Und hier begreifen wir auch, warum die mehrfache Wiederholung des Wortes "Hier ist des HERRN Tempel!" den Zorn Gottes erregt: Es kann keine Geborgenheit im Haus Gottes geben für Menschen, die außerhalb des Tempels nicht ihrem Glauben entsprechend leben. Da mögen sie es beschwörend noch und noch ausrufen: "Hier ist des HERRN Tempel!". Wer außerhalb der Tempelmauern "lauter solche Dinge treibt", wie Jeremia sagt, dem ist auch der Tempel kein Haus Gottes mehr, dem droht Gottes Verheißung des Unheils: "... so will ich mit dem Hause, das nach meinem Namen genannt ist, auf das ihr euch verlasst, und mit der Stätte, die ich euch und euren Vätern gegeben habe, ebenso tun, wie ich mit Silo getan habe, und will euch von meinem Angesicht verstoßen, wie ich verstoßen habe alle eure Brüder, das ganze Geschlecht Ephraim.

Das Heiligtum Gottes in Silo ist von den Philistern zerstört worden. Und das Geschlecht Ephraim ist das Nordreich Israels, das zu dieser Zeit schon in die Verbannung nach Assyrien verschleppt worden ist.

Liebe Gemeinde, wenn wir das nun wissen, fragen wir sicher immer noch, vielleicht sogar noch mehr, was das denn wohl mit uns heute zu tun hat. Lassen sie uns für eine Antwort auf diese Frage doch jetzt einmal alles von diesen Prophetenworten abziehen, was zeitbedingt ist und die jüdische Religion, Umwelt und Geschichte betrifft. Was dann übrig bleibt ist immerhin noch eine deutliche Botschaft Gottes, ja, eine Zurechtweisung: Menschen, die vom Glauben an ihn beseelt sind, können nicht in seinem Haus beten, hören und sich zu ihm bekennen und dann außerhalb das tun, was Gott missfällt. Aber wir sind Christen. Und deshalb gehört auch ER hinein in diese Botschaft Gottes an uns. Dann heißt sie so: Christen, die vom Glauben an Jesus Christus beseelt sind, können nicht im Haus seines und ihres Vaters beten, hören und sich zu ihm bekennen und dann außerhalb das tun, was zu diesem Glauben nicht passt.

Aber das schreit ja nun geradezu nach Beispielen aus unserem Leben, unserer Erfahrung - und die will ich jetzt geben:

Mir kommt da ein Mensch in den Sinn, der hat eine ganz feste Ordnung in seinem Leben, in seiner Zeit, ja, in jedem Tageslauf: Es gibt Stunden, die gehören ihm selbst, der Arbeit, der Freizeit, der Karriere, dem Geschäft, dem Verein und anderen gesellschaftlichen Erfordernissen ... und es gibt Zeiten, die gehören Gott, der Besinnung auf sein Wort und seinen Willen, der inneren Erhebung, der Andacht, dem Gebet - hin und wieder auch dem Gottesdienst und der Predigt ... Eine klare Teilung also: Hier ist Gott und seine Sache. Und da bin ich und die Welt und mein Leben in ihr.

Sie denken jetzt vielleicht: Das ist aber nur ein erfundener Mensch - so einen gibt es im wirklichen Leben doch gar nicht. Wer wird so starr sein, dass er sich und sein Leben so aufteilt? Wer kann das überhaupt so trennen: Das Sein vor Gott - und das in der Welt?

Ich glaube, wenn der Prophet Jeremia die Juden, die doch immerhin zum Tempel kamen um zu beten und den Gottesdienst mitzufeiern, so angesprochen hat: "Ihr seid Diebe, Mörder, Ehebrecher und Meineidige und opfert dem Baal und lauft fremden Göttern nach ...", dann werden sie auch jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen - auch noch mit sich selbst! - weit von sich gewiesen haben. Aber ich will es trotzdem etwas anders, etwas milder ausdrücken: Wir haben durchaus auch diese Spaltung - mehr oder weniger stark ausgeprägt sicher - wie sie bei Jeremia zur Sprache kommt. Wer hätte nicht Zeiten, Lebensbereiche, Beschäftigungen, die für ihn nur ihm gehören? Das ist vielleicht zwischen 8 Uhr morgens und 16 Uhr am Nachmittag, wenn wir arbeiten müssen und denken, der Arbeitsplatz wäre ein Ort, an dem Gottes Wort nicht gilt. Oder das ist der Abend in unserem Verein - eine sozusagen "religiös freie Zone". Ganz oft halten Menschen auch ihre Stunden, die sie dem Hobby widmen auch im Blick auf den Glauben und die Geltung des Willens Gottes buchstäblich für "Frei-zeit". Schließlich würde jetzt möglicherweise die Mehrheit von uns sagen: Auch die Politik im Kleinen und Großen hat mit Religion, mit Gott und seiner Sache nur ganz entfernt etwas zu tun. - Ja und das ist eben die Haltung, mit der wohl schon die Juden zur Zeit des Jeremia in ihr Gotteshaus getreten sind, wie es auch unsere Haltung ist, aus der wir genau wie sie damals so sprechen könnten - und achten sie auf die Betonung: "Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!" Und auf einmal verstehen wir das jetzt doch ganz gut, denn wir - wie schon die Menschen damals - wollen damit sagen: Und draußen ist die Welt, mein Leben, meine Zeit, meine Interessen, meine Geschäfte, meine Karriere und was uns sonst noch selbst und allein gehört - wie wir meinen.

Nur - Gott sieht das anders! "Bessert euer Leben und euer Tun, so will ich bei euch wohnen ..." Und wir dürfen hier bestimmt so fortfahren: Begreift endlich, dass mein Tempel, mein Haus nicht nur hier ist, wo ihr betet, hört und den Gottesdienst feiert. Die Welt ist mein Haus. Es gibt keinen Ort, an dem ich nicht bei euch wäre, an dem mein Wort nicht gilt und mein Wille euch nicht das Maß des Denkens, Redens und Handelns vorgibt.

Und auch das wollen wir für uns Christen ergänzen: Jesus Christus ist der Herr der Welt und des Lebens, des ganzen Lebens! Und wenn er der Herr ist, dann wissen wir, wem wir zu folgen haben, wessen Wort uns die Welt deutet und wessen Willen wir tun sollen. Immer. Überall. Ohne Einschränklung und Ausnahme.

Wenn nicht alles täuscht, liebe Gemeinde, ist es gerade diese Trennung in unserem "christlichen" Abendland, die nicht nur die Welt und das Leben in einen Tempel Gottes und einen von ihm freien Raum aufspaltet, sondern auch unsere Seele. Und diese Aufspaltung schwächt unsere Ausstrahlung als Christen und greift auch unseren eigenen persönlichen Glauben an. Denn wir können als Geschöpfe Gottes nicht in zwei unterschiedlichen Welten leben. Und wir können als Geschwister Jesu Christi nicht Gott zum Vater haben und in diesem und jenem Bereich, zu dieser oder jener Zeit so leben, als kennten wir unseren Bruder und unseren Vater nicht.

Überall ist Gott. Sein Haus steht an jedem Ort - mitten in der Welt. Wo wir auch sind, was wir auch tun, immer müssen wir sagen: "Hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel, hier ist des HERRN Tempel!" AMEN