Predigt zum 8. So. nach "Trinitatis" - 29.7.2007

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Textlesung: Jh. 9, 1 - 7

Und Jesus ging vorüber und sah einen Menschen, der blind geboren war. Und seine Jünger fragten ihn und sprachen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Jesus antwortete: Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm. Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. Als er das gesagt hatte, spuckte er auf die Erde, machte daraus einen Brei und strich den Brei auf die Augen des Blinden. Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah - das heißt übersetzt: gesandt - und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder.

Liebe Gemeinde,

wenn man diese Geschichte hört, fragt man sich wirklich, wie das sein kann: Da gibt es doch wirklich bis in unsere Tage Menschen, fromme Menschen!, die sich auf die Bibel berufen, die allen Ernstes davon ausgehen, dass ein Behinderter in diesem Leben die Schuld seiner Eltern abtragen muss. Dass ein Kranker nur krank ist, weil sein Vater vielleicht einen Ehebruch begangen hat. Dass einer, dessen Geist verwirrt ist, dafür büßen muss, dass die Mutter oder gar die Großmutter noch vor seiner Geburt betrogen oder gestohlen hat.

Diese Vorstellung war zur Zeit, da unser Herr über diese Erde ging, nicht nur bei den Juden verbreitet. Allerdings müssen da schon leise Zweifel bei den Jüngern aufgekommen sein, denn sie fragen: Meister, wer hat gesündigt, dieser oder seine Eltern, dass er blind geboren ist? Und wir hören Jesu Antwort, die eigentlich alle Diskussionen über diese Fragen ein für alle Mal zum Schweigen bringen, ja, verbieten müsste: "Es hat weder dieser gesündigt noch seine Eltern, sondern es sollen die Werke Gottes offenbar werden an ihm."

Gewiss bleibt es vor diesem Wort ein Rätsel, warum ein Mensch krank sein muss, warum er behindert ist sein Leben lang, warum es schreckliche Gendefekte gibt, die Menschen entstellen, Kinder noch vor dem fünften Lebensjahr sterben lassen und andere die kurze Zeit, die sie überhaupt in der Welt haben, an medizinische Geräte fesseln. Und doch stimmt das immer wieder - und es ist wirklich nicht zynisch gemeint: Gerade an diesen Ärmsten erweisen sich oft die "Werke Gottes"! Vielleicht bei den Angehörigen, die in einer fast übermenschlichen Pflegeleistung doch nicht ihre Liebe und ihre Kraft verlieren? Vielleicht auch bei anderen, die nicht zur Familie der Kranken und Behinderten gehören, die aber doch eine unglaubliche Geduld und Treue in ihrer Zuwendung zu ihnen aufbringen.

Aber lassen wir das Rätsel, warum Gott auch Krankheit und lebenslange Leiden und Gebrechen zulässt, einmal stehen. Wir können es wohl gar nicht lösen. Wenden wir uns diesem anderen - eigentlich nicht weniger wichtigen Gedanken zu: "Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat, solange es Tag ist; es kommt die Nacht, da niemand wirken kann." Das ist ja doch eine sehr deutliche Anspielung auf das konkrete Leiden des Blindgeborenen. Wie seine Augen blind sind, nichts sehen können, so gibt es auch eine andere Blindheit. Nennen wir sie die "Blindheit des Herzens", die macht, dass eine Dunkelheit über uns kommt, in der uns auch die Verbindung zum Glauben und die gute Beziehung zu Gott entschwindet. Und wieder einmal spricht hier Jesus eine Sache an, die in unsere - evangelischen! - Ohren nicht so gut eingehen will: Wir müssen die Werke wirken ... Nicht nur unser Herr wirkt, nimmt sich der Kranken an, wendet sich den Armen zu, wird Fürsprecher der Sprachlosen, stellt sich auf die Seite der Schwachen, geht zu den Sündern und Außenseitern ... Das sind alles auch die Werke und Taten, die wir tun sollen. Und da gibt es eben keine Entschuldigung, mit der wir uns herausziehen könnten: "Nicht die Werke, der Glaube rettet uns." - "Nicht das Gesetz schafft unsere Gerechtigkeit, sondern allein das Vertrauen in Jesus Christus, der mit seinem Tod am Kreuz genug für uns getan hat." - Wohlgemerkt: Das ist nicht falsch! Das ist keine verkehrte Sicht. Das ist nur nicht alles: Ein Glaube ohne Werke ist tot. Eine Liebe ohne Taten gibt es nicht. Wem das Leid anderer nicht mehr nahe geht, der ist unmenschlich, unchristlich sowieso! Werke Gottes wirken, gehört immer auch dazu! Wer sie nicht tut, der ist mit Blindheit geschlagen - einer Blindheit, die viel schlimmer ist als die des Menschen, der hier zu Jesus kommt und um Heilung bittet. "Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.", sagt Jesus. Und er heilt ihn. (Wundern wir uns nicht, dass er das mit einem Brei aus Erde und Speichel tut. Speichel galt als heilkräftig damals.)

"Solange ich in der Welt bin..." Liebe Gemeinde, das eben ist heute die Frage: Ist Jesus noch in der Welt - oder herrscht heute Finsternis in unseren Herzen, unseren Beziehungen, unseren Gemeinden, unserer Kirche ... Hell wird es dort, wo Menschen SEINE Werke tun. Dort ist ER heute in der Welt. Er ist heute lebendig, wo wir uns der Blindheit, der Gebrechen, der Behinderung, der Krankheit, der Bedürfnisse, Sorgen und Nöte unserer Mitmenschen annehmen, so wie Jesus es getan hat. Da lebt ER - in uns, durch uns. Da geben wir anderen auch ein Beispiel für seine Liebe, seine Treue, seine Zuwendung und Annahme. Aber - und da eben wollen wir evangelisch bleiben - wir tun das nicht, um seinem Werk auf Golgatha etwas hinzuzufügen. Wir tun es, weil wir von seiner Liebe angesteckt, von dem, was er für uns getan hat, entzündet und von seinem Licht erleuchtet sind, so dass wir nun von dieser Liebe, seinen Werken, seinem Licht an andere weitergeben können. Und wenn wir wirklich von Herzen glauben, dass er das Licht ist, das Gott uns gesandt hat, dann können wir es ja auch gar nicht anders halten: Ein übervolles, dankbares Herz wird überfließen wie eine Brunnenschale, in die von oben immer neues frisches Wasser hineinströmt.

"Und er sprach zu ihm: Geh zum Teich Siloah - das heißt übersetzt: gesandt - und wasche dich! Da ging er hin und wusch sich und kam sehend wieder." Hier streiten sich die Gelehrten, was das wohl bedeuten soll: "gesandt" - und warum diese Waschung im Teich, bevor er dann sehend wird. Ich denke mir, dass uns das vielleicht ein Hinweis sein soll, dass nun auch der vormals Blinde einer werden kann, der von Jesus "gesandt" ist: Auch die Werke des Lichts zu tun, sich auch der Mitmenschen anzunehmen, die im Herzen noch blind sind, Zuspruch, Hilfe und Beistand brauchen und die vielleicht ein Stück "heil" werden können, durch sein Beispiel.

Und ich denke mir weiter, dass doch wir alle durch diesen lebendigen Herrn, der im Glauben das Licht unseres Lebens ist, heil geworden sind: wenn nicht an unserem Leib, so doch an unserer Seele. Und da versteht es sich doch jetzt von selbst, dass wir auch von ihm "gesandt" sind, dass wir sein Licht hineintragen in diese an vielen Stellen so dunkle Welt, dass wir es auch im Leben der Menschen in unserer Nähe ein wenig heller machen. Da sind die, deren Tage halt- und ziellos sind - sie brauchen jemand, der sie zurechtbringt, ihnen den Weg weist und die ersten Schritte auf diesem Weg mit ihnen geht. Da sind andere, beeinträchtigt durch Krankheit, Behinderung und Schwermut - hier tun Menschen Not, die begleiten, pflegen, geduldig zuhören und sich ausdauernd zuwenden. Da sind schließlich auch jene, die den Lebensmut verloren haben, die als "Außenseiter" von der Gesellschaft an den Rand gedrängt und als Sonderlinge aus unseren Gemeinschaften und Gemeinden ausgegrenzt werden - hier braucht es Menschen, die neu auf die zugehen, die draußen sind, die beharrlich um ihr Vertrauen werben, ihre Ängste und Vorbehalte abbauen und ihnen so die Türen aufstoßen, dass sie in die Beziehung mit anderen zurückkehren können.

"Wir müssen die Werke dessen wirken, der mich gesandt hat", sagt Jesus. Vergessen wir es nicht: Es sind Gottes Werke, die Jesus damals gewirkt hat und die wir heute durch ihn wirken! Immer, wo Menschen diese Werke tun, da werden sie Gottes Segen dabei haben. Wir zünden damit ein Licht an, dessen Leuchten von ihm gespeist ist. Wir wirken in der Kraft, die uns immer wieder von oben erneuert wird.

Liebe Gemeinde, wir sind gesandt, in der dunklen Welt das Licht Jesu Christi anzuzünden. Wir werden das in der Kraft und im Segen Gottes tun. Er wird uns immer wieder die Ausdauer und Geduld dazu schenken, die wir brauchen, um nicht aufzugeben. Es wird nicht leicht sein manchmal. Es wird viel Liebe und großes Gottvertrauen fordern. Aber wir werden auch immer wieder die Freude erfahren, die es macht, wenn andere Menschen durch unsere Hilfe frei werden, es ihnen besser geht, sie lachen können, sie zum Glauben finden und einen Weg, den sie gehen können.

Und einmal - wenn uns das Licht unseres Herrn ewig aufgeht - wird sich auch das Rätsel lösen, warum es in dieser Welt Krankheit, Behinderung und Leid gegeben hat. AMEN