Predigt am Sonnt. „Misericordias Domini" - 22.4.2007

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Liebe Gemeinde!

Oft wird das Eigentliche zwischen den Zeilen gesagt. Stellen wir uns vor, wir bekommen zufällig folgendes Gespräch zwischen Vater und Sohn mit: „Du bist doch aber um 1/2 8 bestimmt zu Hause?" – „Ja, Vater, ganz bestimmt!" Der Sohn zieht die Jacke an, tritt noch einmal kurz vor den Spiegel und der Vater fragt zum zweiten Mal: „Du weißt, ich brauche den Wagen um 1/2 8 pünktlich, du wirst doch da sein?" – „Gewiss, Vater, Punkt 1/2 8!" Es wird einem fast schon ein wenig peinlich, wenn der Vater nun noch ein drittes Mal fragt, der Sohn hat gerade die Wagenschlüssel eingesteckt und will aus der Tür: „1/2 8 also, und du kommst wirklich keine Minute später?" Wir müssen staunen, denn der Sohn fährt immer noch nicht aus der Haut: „Nein, Vater, du kannst dich darauf verlassen!"

Wir spüren: Hinter dem Frage- und Antwortspiel der beiden steht noch etwas anderes. Etwas uns Unbekanntes. Wenn wir einmal „zwischen den Zeilen" lesen, könnten wir vermuten: Der Sohn muss den Vater schon mindestens einmal schwer enttäuscht haben, würde er sonst ruhig bleiben, wenn der Vater gleich dreimal fragt? Und würde der Vater denn dreimal fragen, wenn der Sohn stets verlässlich gewesen wäre. Was uns beim Mithören peinlich war ist das Misstrauen, das aus den Fragen des Vaters spricht.

Es gibt ein Gespräch zwischen Jesus und Petrus, das trägt ähnliche Züge. Es hat nach Ostern stattgefunden, der Herr war also schon auferstanden. Er hatte gerade mit seinen Jüngern das Mahl gehalten, als er Petrus anspricht:

Textlesung: Jh. 21, 15 - 19

Als sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieber, als mich diese haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, daß ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hin wolltest; wenn du aber alt wirst, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hin willst. Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

Was lesen wir hier „zwischen den Zeilen"? Auch ein Stück Misstrauen. Jesus scheint Grund zu haben, seinen Jünger dreimal zu befragen. Und wir brauchen hier nicht vermuten - wir kennen den Grund: Dreimal hatte auch der Hahn gekräht in der Nacht, in der Petrus seinen Herrn verließ und verleugnete. Und hier - ein paar Tage nach dieser Nacht - begreift Petrus sehr wohl, warum ihn der Herr so peinlich genau fragt; deshalb braust er auch nicht auf. Er weiß, er hat vor Tagen Anlass gegeben, dass man an ihm zweifelt. Und wie hatte er zuvor den Mund voll genommen: „Auch wenn ich mit dir sterben müsste, so will ich dich nicht verleugnen"! Was waren die eigenen - großen - Worte in jener Nacht schwer auf ihn gefallen, als der Hahn schrie. Wie hatte er geweint und bereut! Ja, der Herr hatte allen Grund, ihm jetzt zu misstrauen, ihn wieder und wieder zu fragen: „Petrus, hast du mich lieb?"

Denken wir an die Zeit, in der Jesus mit seinen Jüngern durch Palästina wanderte, lehrte, wirkte und verkündigte. Hatte nicht gerade dieser Petrus die Macht und die Liebe des Herrn in ganz besonderem Maße erfahren?: Schon die erste Begegnung: ein wunderbares Geschehen. Die ganze Nacht hatten sie nichts gefangen und dann, auf Jesu Wort hin, fahren sie noch einmal hinaus und tun einen Fang, dass die Netze fast zerreißen. Und dann, eine ganze Zeit später, bei der Fahrt über den See: Der Herr kommt über das Wasser und Petrus tritt auch hinaus auf die Oberfläche des Sees, tut einen Schritt, zweifelt und sinkt - doch der Herr ergreift ihn, hält ihn. Hatte Petrus nicht erlebt - viel mehr und viel klarer, als die anderen Jünger - wer dieser Jesus ist? Und hatte nicht gerade auch er das in die Worte gefasst: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes!" Und war nicht gerade ihm diese ganz besondere Aufgabe zuteil geworden: „Du bist Petrus, der Fels auf den ich meine Gemeinde bauen will."?

Doch dann war diese furchtbare Nacht vor dem Tod des Herrn gekommen, die Nacht der Angst, der Verleugnung, der bitteren Tränen und der Scham. O ja, Petrus verstand den Auferstandenen, wenn er wieder und wieder fragte: Petrus, liebst du mich? Er hatte Anlass zum Misstrauen gegeben, Anlass zum Zweifel an seiner Liebe.

Sprechen wir jetzt über uns, denn dieser Petrus hat mit uns zu tun und was er erlebt hat, haben auch wir hinter uns: Berufung, allemal jede und jeder von uns hier hat den Ruf des Herrn einmal gehört: „Du gehörst zu mir, für dich habe ich gelitten, für deine Schuld bin ich gestorben; ich erhebe Anspruch auf dich, auf dein ganzes Leben!" Jeder von uns hat seine Stimme vernommen, jeder von uns weiß: Er ist der Herr - wären wir sonst hier, in seinem Haus? Und auch das Bekenntnis zu ihm kam mindestens einmal über unser aller Lippen. Das muss gar nicht unser „Ja" bei der Konfirmation gewesen sein - vielleicht war's auch früher oder später, dass wir erkannt und gesprochen haben: „Du bist Christus, du sollst auch mein Herr sein, dir will ich mich anvertrauen, mit dir will ich mein Leben gestalten." So war es auch unser Bekenntnis - wären wir sonst hier?

Und auch die Erfahrungen des Petrus sind uns nicht fremd: Er fuhr hinaus auf die Höhe des Meeres und machte reichen Fang - wir erfuhren Gnade, Hilfe und wir wussten, hier hat ein anderer seine Hand im Spiel gehabt. Petrus tritt aus dem Schiff, läuft einen Schritt und versinkt, der Herr zieht ihn empor - bei uns sah es auch schon einmal so aus, als müssten wir im Schmerz und in der Trauer untergehen - aber ER hat uns gehalten und wir wussten, wem die Hand gehörte, die uns festhielt. -

Wirklich, Petrus ist wie einer von uns. Und das Gespräch mit dem Herrn: „Petrus, hast du mich lieb?", das sollte uns nicht auch angehen, uns betreffen, wie es Petrus betrifft? Ich darf - ich muss - von mir sagen, mehr als einmal habe ich versagt, wie Petrus. Große Worte gemacht, viel versprochen - wie beschämend war das Ergebnis! Erst vielleicht: „Ja, ich mache diesen Besuch, sobald es mir möglich ist, sobald ich Zeit habe! Und dann: Immer vor mir her geschoben, anderes wichtiger genommen, verdrängt ... Wohl konnte ich sagen: Keine Zeit gehabt, aber eigentlich war er mir unangenehm, gerade dieser Besuch ... Ich habe mich also gedrückt! - Ist das nicht wie bei Petrus in jener Nacht, da der Hahn kräht: Weggelaufen, Angst gehabt, verleugnet ...

Andere hier haben auf andere Weise versagt: Keinen Mut gehabt am Stammtisch, als es über die Kirche herging. Sie hätten etwas sagen sollen, etwas richtig stellen müssen - sie haben geschwiegen. Da wäre neulich Gelegenheit gewesen, Christentum nicht immer nur im Mund zu führen, nur ein paar Häuser weiter hätten sie einen wie dich gebraucht - aber du hast es nicht gesehen ... nicht sehen wollen ... Es tat dir ja leid hinterher, aber - zu spät ... Wie bei Petrus in jener Nacht: Weggelaufen, Angst gehabt, verleugnet ...

Und Jesus spricht zu ihm: „Petrus, hast du mich lieb?" Und Petrus antwortet: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe!" Beziehen wir das doch nun auch auf uns: Der Herr fragt auch uns heute, wie wir zu ihm stehen. Einmal zu sagen, Herr, Ich habe dich lieb, ist zu wenig! Wir müssen schon zu unserem Versagen stehen: Oftmals haben wir gesagt, er ist unser Herr, doch gehandelt haben wir ganz anders. Oft haben wir unsere Liebe zu ihm nicht gelebt! Wir müssen uns schon gefallen lassen, wenn er uns heute noch einmal fragt: Hast du mich wirklich lieb? Er hat wohl Grund, uns zu misstrauen: Es war oft nicht viel dahinter, dass wir uns Christen nennen. Und noch ein drittes Mal spricht er uns jetzt an: „Hast du mich lieb?" Wir sollten nicht aufbrausen, nicht die moralische Entrüstung spielen - wir haben keinen Anlass dazu: Keiner hier, der seine Liebe zu diesem Herrn Jesus Christus nicht schon verraten hätte!

Und der Herr spricht zu Petrus: Weide meine Lämmer! Er vertraut dem wieder, der in so schändlich im Stich gelassen hat! Der Herr vergibt ihm, die Schuld steht nicht mehr zwischen ihnen. Und er traut ihm etwas zu: Weide meine Schafe! Kümmere dich um meine Leute, meine Gemeinde. Was für ein Auftrag! Solch eine Aufgabe überträgt man nur einem, dem man wirklich vertraut!

Wollen wir jetzt nicht auch noch das für uns in Anspruch nehmen?: Jesus vergibt uns, wo wir versagt haben. Wir können heute neu anfangen. Er traut uns etwas zu! Was mag sein Auftrag für dich sein?