Predigt zum Sonntag "Reminiscere" - 4.3.2007

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Textlesung: Jh. 8, 21 - 30

Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Ich gehe hinweg, und ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen. Da sprachen die Juden: Will er sich denn selbst töten, dass er sagt: Wohin ich gehe, da könnt ihr nicht hinkommen? Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. Darum habe ich euch gesagt, dass ihr sterben werdet in euren Sünden; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden. Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Und Jesus sprach zu ihnen: Zuerst das, was ich euch auch sage. Ich habe viel von euch zu reden und zu richten. Aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt. Sie verstanden aber nicht, dass er zu ihnen vom Vater sprach. Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, dass ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich. Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt. Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

Liebe Gemeinde!

Es tut manchmal einfach gut, die Dinge so wie sie sind, anzusprechen und aus unserem Herzen einmal keine Mördergrube zu machen! Darum rede ich jetzt ganz offen und ohne Beschönigung: Die Welt ist in den letzten Jahren nicht nur komplizierter, sondern auch moralisch fragwürdiger geworden. Was das erste angeht, sind wir uns sicher alle einig: Das ist schwierig, mit den deutschen Gesetzen, die z.B. in der Schulpolitik in jedem Bundesland unterschiedlich sind, jetzt auch noch die europäische Gesetzgebung zusammenzubringen. Und es ist kompliziert, die Wirtschaft eines so großen Raums wie der EU mit einheitlichen Gesetzen und Vorschriften zu regulieren. (Dabei wollen wir die Frage, ob wir ein solches Europa überhaupt gewollt haben, einmal hintanstellen!)

Aber manches, was in der Wirtschaft, der Politik und der Gesellschaft geschieht, ist auch zutiefst unmoralisch - auch wo es vor dem deutschen oder europäischen Recht bestehen kann: Da denke ich an die Tatsache, dass gerade in dieser Zeit die Managergehälter ins Astronomische steigen, die Konzerne Gewinne wie noch nie einfahren, während die kleinen Arbeitnehmer und die Rentner immer weniger im Geldbeutel haben. Oder nehmen wir das Elterngeld: Wie ungerecht ist das doch, wenn gut Verdienende bis 1800 € monatlich erhalten, die allein erziehende Mutter aber nur 300 €, weil bei ihr am Arbeitslosengeld Maß genommen wird. Und ich denke an die Migrantenfamilien, denen man wegen eines seelenlosen Bleiberechts großes Leid und Trennungsschmerz zumutet: Die Eltern werden ins Herkunftsland abgeschoben. Kinder, die noch nicht volljährig sind, "dürfen" bleiben, wenigstens bis sie die Schulausbildung beendet haben.

Wer sich ein wenig für die gegenwärtige politische und gesellschaftliche Lage interessiert, kann hier noch unzählige Beispiele anfügen: Immer wieder müssen wir den Kopf schütteln und sagen: Es ist unglaublich, was heute möglich ist und geschieht. Vieles widerspricht schon einer humanistischen Grundhaltung - an christlichen Werten der Nächstenliebe, der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit gemessen, kann es schon gar nicht bestehen!

Vor dem Hintergrund solcher Gedanken habe ich heute diese Worte Jesu, die er zu seinen jüdischen Gegnern sagt, gelesen und verstanden: "Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt." Und ich habe gespürt, welch ein gewaltiger Trost von diesem Wort für uns Christen ausgeht! Wir gehören eben nicht - jedenfalls nicht ganz, nicht mit Haut und Haaren - in diese Welt! Wir gehören zu Jesus Christus, unserem Herrn - und der kommt aus einer anderen Welt und lebt in Ewigkeit in dieser anderen Welt. Und das wichtigste dabei ist dies: Diese andere Welt ist unsere Zukunft, denn Jesus Christus hat uns am Kreuz den Zugang zu ihr geöffnet!

Ich muss oft an das Wort eines Zeitgenossen denken - ich weiß aber gar nicht mehr, wer es war - jedenfalls hat er gesagt: "Wir können uns in dieser Welt nie so ganz zu Hause fühlen!" Das ist wahr und ich weiß, dass viele Christen dieser Zeit das auch schmerzlich und voll Sehnsucht empfinden!

Aber noch einmal zurück zu dem, was wir heute unmoralisch und ungerecht nennen. Wie gehen wir damit um? Wie "verarbeiten" wir das oder besser: Was hilft uns, es wenigstens zu ertragen?

Die am meisten verbreitete Methode, damit fertig zu werden, ist sicher die Behauptung: "Da kann ich nichts machen." Und das stimmt sicher auch meistens - wenigstens für uns kleine Leute. Oft aber blenden wir die Dinge, die wir nicht gerne sehen, einfach aus - so als gäbe es sie nicht. Wie sagte neulich jemand zu mir: "Politische Sendungen? - die schaue ich mir gar nicht mehr an!" Auch die Unmoral der Gesellschaft bei jeder Gelegenheit zu beklagen, ist im Grunde ein Versuch, damit klar zu kommen: Dann darf ich mir sagen, ich habe es ja wenigstens angesprochen und für schlecht erklärt. - Aber alles das hilft ja nicht wirklich und vor allem: Es verändert ja nichts!

Jesus sagt nun aber zu den Juden damals: "Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt." Und ich finde, wenn wir das ganz ernst nehmen, tut sich hier doch ein Weg auf, weiter zu kommen als dazu, Ungerechtigkeit und ungerechte Zustände nur zu ertragen und zu erleiden. Das ist unser Herr, der hier spricht! Er ist nicht von dieser Welt! Wir tragen seinen Namen - also sind wir auch nicht von dieser Welt! Er ist von oben, Gott ist sein Vater! Wir sind seine Geschwister - also sind auch wir von oben und dürfen nicht im Unten aufgehen und uns nicht in dieser Welt einrichten! Und wir können auch niemals unseren Frieden mit dieser Welt machen, so lange sie nicht den Maßstäben entspricht, die Jesus Christus den Seinen gesetzt hat!

Also: Wenn die Schere beim Einkommen zwischen arm und reich immer weiter aufgeht, dann werden wir darüber nicht schweigen! Wenn die Gutverdienenden ein Mehrfaches an Elterngeld erhalten wie die arbeitslose Mutter, dann werden wir das anprangern! Und wenn die Migrantenfamilie getrennt wird, nur um einem gnadenlosen Gesetz zu genügen, dann werden wir aufschreien! Um so mehr werden wir das tun, wenn doch im Hintergrund all dieser Unmoral und dieses Unrechts eine Politik steht, die von Abgeordneten aus den Parteien mit dem "C" im Namen gemacht wird!

Ich will das nun nicht wieder entkräften und zurücknehmen, was ich da eben gesagt habe. Aber ich will noch ein wenig Vernunft und die Möglichkeit praktischer Umsetzung hinein bringen: Sicher können wir uns nicht in alles hineinmischen, was in dieser Welt an Schlimmem und Verkehrtem geschieht. Das hat Grenzen an unserer Belastbarkeit, an unserem Alter und auch an der Lage unseres Wohnortes! Auch wird einer, der gut schreiben kann, in Sachen Gerechtigkeit beim Elterngeld mehr herausholen können, als einer, dem alles "Schriftliche" schwer fällt. Und gewiss gibt es Menschen, denen von ihrer Popularität her eher zugehört wird, wenn sie beklagen, wie unverschämt reich manche Leute sind und wie sehr andere darben müssen. Und bei der "Migrantenfamilie" eignen sich gewiss die besser für Presse- oder Hilfskampagnen, die in unmittelbarer Nähe der Menschen leben, die abgeschoben werden sollen.

Aber: Jeder muss nach Kräften das tun, was er an seinem Ort im Leben und mit seinen Fähigkeiten tun kann. Auf keinen Fall können wir uns damit entschuldigen, wir würden ja "keine Nachrichten mehr im Fernsehen schauen"! Oder damit, dass wir uns vorgenommen haben, uns "nicht mehr über die Zustände in unserer Gesellschaft aufzuregen, weil das ja doch nichts bringt"!

Unser Herr ist nicht von (hier) unten! Er ist von oben! Jesus Christus gehört nicht in diese Welt, er hat sie mit Leiden und Tod überwunden! Darum sind auch ein für alle Mal wir nicht von dieser Welt! Wir mögen hier leben, leben müssen. Wir mögen an den Verhältnissen in dieser Welt leiden - aufgehen in ihnen dürfen wir nicht!

Manchmal meine ich, unser Herr hätte uns die Gemeinde dafür gegeben, dass wir uns gemeinsam für eine bessere Welt - auch schon hier und heute! - einsetzen. Wir sind nicht allein. Unser Herr hat uns einander zur Hilfe gemacht, wenn wir, so gut wir das können, daran arbeiten, diese Welt zu bessern und zu ändern. Und er hat uns zur gegenseitigen Stütze machen wollen, wenn wir immer wieder spüren, dass uns die Kraft ausgeht und wir den Mut verlieren.

Hören wir auch noch dieses gute Wort, das unser Herr uns heute sagt: "...der mich gesandt hat, ist mit mir. Er lässt mich nicht allein!" Das kann uns helfen, gegen alle Rückschläge, gegen die eigene Schwäche und Unzulänglichkeit, nicht davon abzulassen, an dieser Welt zu arbeiten: Dass sie dem, wie unser Herr sie gemeint hat, immer ein wenig näher kommt. Dabei nach Kräften mitzutun, kann unserem Leben viel Sinn, Erfüllung und Freude geben.