Predigt zum 1. Christtag - 25.12.2006

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Textlesung: Joh. 3, 31 - 36

Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an. Wer es aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist. Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß. Der Vater hat den Sohn lieb und hat ihm alles in seine Hand gegeben. Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Liebe Gemeinde!

Zugegeben, es ist ein wenig seltsam, wie meine Gedanken von diesen Worten des Johannes zu dem hingeraten sind, worüber ich heute sprechen möchte. Es ist wohl der „Zorn Gottes" von dem hier die Rede ist, bei dem mir wieder einfiel, was mir neulich zu Ohren gekommen ist. Aber wir wollen einmal sehen, ob das nicht am Ende doch etwas mit den Versen insgesamt zu tun hat, die ich eben vorgelesen habe.

Kürzlich meinte ein junges Mädchen aus einer Kirchengemeinde (in der Nähe) in einem Gesprächskreis junger Erwachsener: „Man müsste den Leuten bei der Christvesper an Heiligabend in der Kirche einmal so richtig die Meinung sagen!" - „Warum denn das", fragte darauf die Pfarrerin, die den Kreis leitet. „Na, da kommen sie einmal im Jahr, machen auf gute Christen, lassen sich vom Lichterbaum und den schönen alten Liedern erfreuen - aber dann leben sie wieder zwölf Monate so weiter, wie gewohnt, ohne Jesus Christus. Von dem wollen sie nämlich nur als Baby etwas wissen."

Das war der Satz, von dem der Weg meiner Gedanken ausging: Vom „Zorn" des Mädchens über die Gemeindeglieder, die nichts vom erwachsenen Jesus wissen wollen, zum „Zorn Gottes", von dem Johannes spricht, über die Menschen, die „dem Sohn nicht gehorsam sind". Das Mädchen war den lauen Christen seiner Gemeinde böse, das ist klar. Sie sagte auch noch, dass sie selbst an Hei-ligabend schon seit einigen Jahren nicht mehr zum Gottesdienst geht, „aus Protest", wie sie sich ausdrückte und „um diese Heuchelei nicht mitzumachen". Sie wollte auch noch wissen, wie die Pfarrerin und die anderen jungen Leute das sehen, ob ihnen der Heilige Abend nicht auch ein Gräuel ist. Sie wollte wohl hören, so glaube ich, dass auch die anderen denen gram sind, die man das ganze Jahr über nicht in ihrer Kirche sieht, die doch aber keine Christvesper oder -mette verpassen.

Ich weiß nicht, wie das im Gesprächskreis der jungen Leute weiterging, aber mich hat die Frage des Mädchens beschäftigt und ich möchte ihr einmal auf ihre Fragen antworten, auch wenn sie nicht hier ist. Ich bin allerdings ganz sicher, es sind jetzt auch einige Menschen unter uns, die ähnlich gefragt haben könnten. So würde ich zu ihr sprechen: „Nein", würde ich ihr sagen, „die Christvesper macht mir sogar ganz besondere Freude. Auch wenn, ja, gerade weil so manche Menschen da sind, die man sonst nicht in der Kirche sehen kann. Ist es denn so wichtig, warum die Leute gekommen sind; wann wir sie das letzte Mal gesehen haben und wie lange es bis zum nächsten Mal dauern wird ... Sie sind jetzt da - darauf kommt es an!" - Und ich würde auch nicht denken, dass die Menschen nichts vom Heiligen Abend mitnehmen - auch wenn ich sie wirklich erst ein Jahr später wiedersehe. Darüber kann ich weder zornig werden, noch mich ärgern. Es würde mich nur traurig machen und es täte mir leid ... genau genommen: die Menschen täten mir leid. Vielleicht würde das junge Mädchen jetzt verblüfft schauen und sagen: „Was, die Leute tun Ihnen auch noch leid?" Dann würde ich ihr das folgendermaßen erklären und ich will auch ihnen heute morgen mit dieser Predigt erklären, warum mir die Menschen leid tun, deren Kirchlichkeit sich auf Christmette oder -vesper beschränkt:

Das hängt zum einen mit der Botschaft zusammen, die wir am Heiligen Abend in unseren Kirchen hören können: „Es begab sich aber zu der Zeit ...  Der große Gott wird ein hilfloses Kind." Mir kommt das manchmal so vor, als müsste man bei jedem Wort dieser Weihnachtsgeschichte eine Weile Pause machen, damit das wirken kann, damit wir das überhaupt fassen und begreifen können: Gott ... wird ... Mensch - ja und noch viel mehr - oder besser weniger: Er wird ein Kind im Stall, in einen Viehtrog gelegt, auf Stroh gebettet, unter dem selben Dach mit Ochs und Esel. Und das eben meine ich: Wer da nicht erkennt, wie gewaltig, wie Staunen erregend und wie wunder-bar diese Sache ist, der tut mir leid. Denn ich weiß nun wirklich nicht, wie sich Gott sonst noch einen Weg in uns Herz bahnen soll - wenn uns das nicht rührt und für ihn gewinnt. Kann Gott denn noch tiefer hinabsteigen, als er es in diesem Kind tut? Und wer noch ein bisschen von diesem Jesus über die Botschaft des Heiligen Abends hinaus weiß, der müsste doch auch das sehen: Das war kein einmaliger Versuch Gottes, sich bei gefühligen Leuten einzuschmeicheln. Die Armut und Härte dieser Geburt war nur der Beginn. Das ging so weiter - vom Anfang bis ans Ende: Flucht nach Ägypten noch in der Nacht, da er zur Welt kam. Und später: Als besitzloser Wanderprediger lebte er vom Bettel, schlief unter freiem Himmel, zog ohne Familie umher, ging ohne die Sicherheit von Eigentum und Erspartem in die Zukunft und die hieß für ihn: Verachtung und Hass der frommen Landsleute, Verrat, Auslieferung, Verhöhnung, Geiselung, Kreuz und der Tod eines Verbrechers. Wahrhaftig, in dieser Karriere stimmt alles zusammen! Gott geht den unteren Weg. Gott will unser Herz haben, darum wird er ein Kind, darum macht er sich so klein - und nicht nur in der Geschichte des Heiligen Abends! Ja, noch einmal, mir tut leid, wer das nicht sehen will. Denn das ist doch - bei all den Nachrichten des Schreckens, die tagtäglich auf uns einstürmen - die einzig gute und beglückende Botschaft und die einzige auch, mit der man wirklich leben und sterben kann: Gott wird Mensch, teilt mein Leben, wird einer wie ich, gibt seinen Himmel auf, um ihn mir zu schenken.

Ja und mir tut von Herzen leid, wer nicht wenigstens einmal in seinem Leben einen Versuch wagt, sich auf dieses wunderbare Geschehen einzulassen - und sei es an einem Heiligen Abend! Sich darauf einlassen ... das hieße vielleicht, die Worte der Botschaft des Heiligen Abends einmal ganz persönlich nehmen: Für mich wird dieser Gott so klein, für einen wie mich verlässt er seine Herrlichkeit, für mich wird er im Dreck eines Stalles geboren, für mich nimmt er dieses ganze arme Leben auf sich, für mich stirbt er schließlich am Kreuz. Sich darauf einlassen wäre noch mehr: Davon in meinem Leben - in Alltag und Freizeit, bei der Arbeit und am Sonntag ausgehen: Das alles hat dieser Gott für mich getan, weil er mich so liebt, weil er mich für sich gewinnen will, weil er meine Kraft haben will, mein Herz und meine Hände - für seine Sache. 

Mehr braucht's eigentlich nicht, nur einmal sich einlassen ... Aber - und das eben finde ich traurig - davor haben wohl so viele Menschen Angst. Und dafür gibt's scheinbar so viele Gründe - meist allerdings solche, da bin ich sicher, die man sich nur einbildet: „Wenn ich das mit meinem Christentum mehr als bisher ernst nehmen würde, da müsste ich gewiss alle möglichen religiösen Verrenkungen machen. Das könnte ich gar nicht ... fromm daherreden und so ... Bibelkreis ... jeden Sonntag zur Kirche ..." Weil man schon gleich an den dritten und vierten Schritt denkt, macht man dann lieber erst gar nicht den ersten. - Andere reden sich ein, sie würden dann das Ansehen ihrer Mitmenschen verlieren, man könnte über sie spotten: „Fromm geworden, wie?" - „Rennst du jetzt auch zur Bibelstunde?" Dabei ist es ganz anders: Meist gewinnt man durch die Entscheidung für Christus. Auch an Ansehen. Oft verbirgt sich hinter den Fragen der Leute Staunen und Bewunderung. Und auf die Meinung der wirklich boshaften Spötter über uns kann man ganz gut verzichten.

Sich einmal darauf einlassen ... Viele, viele Menschen haben dabei entdeckt, welche Freude und wieviel gute Erfahrung darin liegt, an der Hand Gottes sein Leben zu führen, seine Arbeit zu machen und seine freie Zeit zu verbringen. In jeder Schwierigkeit, in jeder Lage von ihm gehalten und geborgen. Immer sicher wissen, es kann mir nichts geschehen, selbst den Tod hat mein Herr schon für mich besiegt. Immer die Hände für andere regen dürfen, weil für mich selbst ja gesorgt ist. - (Sie glauben gar nicht, was allein das Verkündigen dieser frohen Botschaft Gottes für Freude gibt! Den gehetzten, geplagten und oft so freudlosen Menschen unserer Tage das hier auf der Kanzel sagen zu dürfen, wieder und wieder, diese wunderbare Nachricht: Gott liebt dich. Gott wird ein Kind, einer wie du ...)

Wirklich, das würde ich dem jungen Mädchen aus dem Gesprächskreis gern sagen: Mir tun alle leid, die vom Heiligen Abend immer wieder nur ein bisschen Kerzenschimmer, ein wenig Kindheitserinnerung und frommen Schauer mitnehmen. Und ich wünschte ihnen, dass sie's doch irgendwann einmal schaffen, sich auf die einzige Botschaft einzulassen, die uns retten kann: Gott ist Mensch geworden, einer wie wir. Und ich wünsche allen, dass sie das froh macht und getrost und zur Grundlage ihres ganzen Lebens wird - nicht nur ihrer Tage um Weihnachten herum.

Aber vor dem Hintergrund der Worte des Johannes, die wir vorhin gehört haben, hätte ich dem Mädchen noch etwas zu sagen. Das schreibt Johannes: Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.

Noch ist für alle Menschen - für uns, die wir uns vielleicht kirchlich und gläubig nennen, genau wie für alle, die wir hier nur einmal im Jahr sehen und für gottlos halten - noch nicht ausgemacht, wie das am Ende aller Tage für uns ausgeht: Ob wir dann Gottes Gefallen oder seinen Zorn ernten. Darum ist es wirklich nur traurig, aber keinesfalls unseres Zornes wert oder dass wir jemanden verdammen, wenn Menschen nicht, noch nicht zu Jesus Christus gefunden haben. Mit unserem Ärger über sie ändern wir nichts. Mit unserem Erbarmen ihnen gegenüber, mit unserem immer wieder neuen auf sie Zugehen, mit unserem freundlichen Gesicht und unserer herzlichen Einladung werden wir gewiss mehr ausrichten, als wenn wir zornig auf sie oder ihnen gram sind und am Ende gar mit ihnen schimpfen. Die Botschaft von Gottes fleischgewordener Liebe ist zu gut, als dass wir einander böse sein dürften, wenn wir sie noch nicht begreifen oder noch nicht annehmen können.