Predigt zum Drittletzten Sonntag im Kirchenjahr - 12.11.2006

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Textlesung: Hiob 14, 1 - 6

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, daß du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

Liebe Gemeinde!

Nicht einfach zu verstehen, diese Verse! Im wahrsten Sinn „blumig" der Anfang. Resigniert und nachdenklich die Mitte. Bitter und vorwurfsvoll der Schluss. Aber was will Hiob eigentlich sagen? Und warum wählt er solche harte, ernste Worte?

Am Anfang des Hiob-Buches im Alten Testament spielt sich Folgendes ab: Der Satan tritt vor Gott und berichtet ihm, er hätte die Welt durchstreift.. Gott fragt ihn, ob er bei seinem Wandern über die Erde denn auch Hiob, seinen treusten Knecht, gesehen hätte? Ja, berichtet der Satan, Hiob wäre untadelig in seinem Handeln und gottesfürchtig in seinem Glauben. Aber dann kommt es: Der Satan behauptet, Hiob wäre nur so, weil Gott ihn schützt, ihm Gesundheit, eine gute Familie, viel Besitz an Vieh und Gütern geschenkt hätte. Bei so viel Wohltaten, wäre es schließlich leicht, Gott zu lieben. Wenn er aber seine Hand abzöge, dann würde Hiob Gottes fluchen und den Glauben verlieren.
Also gibt Gott dem Satan freie Hand, Hiob zu versuchen. Krankheit, der Tod seiner Frau und seiner Kinder und der Verlust all seines Eigentums kommt über Hiob. Auf der Höhe seiner Verzweiflung spricht er so - und wir wollen seine Worte jetzt einmal so hören, wie sie in die Sprache unserer Zeit und in unsere Erfahrungswelt übertragen klingen:

Der Mensch, von einer Frau geboren, lebt nur 70 oder 80 Jahre und ist in dieser Zeit gehetzt von Arbeit und bedrängt von Mühe, sein Leben zu sichern. Er geht zwar auf wie eine Blume, aber er fällt nach kurzer Blüte ab, vergeht wie ein flüchtiger Schatten und bleibt nicht. Und da tust du, Gott, noch deine Augen über mir auf, dass du über mich Gericht hältst? Wie soll das denn gehen: Wie kann ich denn, als Kind eines Menschen, anders sein als schon meine Eltern? Keiner kann das! Wenn du schon seine Lebenstage bestimmst, wenn du ihm schon die Zahl seiner Jahre zumisst und ihm ein Ziel setzt, das er nicht überschreiten kann: so schau' doch wenigstens weg von ihm, und lass ihn in Ruhe, bis sein letzter Tag kommt, auf den er sich ja eigentlich nur freuen kann.

Vielleicht verstehen wir Hiob jetzt besser? Aber was sagt er uns? Können wir aus solch hoffnungslosen Worten Hoffnung ziehen? Kann aus dem Ausdruck größter Verzweiflung Mut erwachsen?

Mir fiel eine junge Frau ein, die mir von der Zeit in ihrem Leben erzählt hat, in der sie durch schwere Erkrankung und der damit verbundenen Todesangst ganz unten war. Sie hat mit Gott gehadert: Warum schickst du gerade mir diese schlimme Krankheit? Was habe ich Böses getan, dass ich so leiden muss? Ich habe dir immer vertraut. Ich habe gebetet und an dich geglaubt. Ich habe dich verteidigt, wenn sie über dich hergefallen sind in ihren seichten Gesprächen. Ich habe es ausgehalten, wenn sie über mich und meinen „naiven Kinderglauben" gelacht haben. Ich habe an dir festgehalten auch in schweren Zeiten, als ich durch dunkle Tage gehen musste. Jetzt aber kann ich nicht mehr. Und ich will nicht mehr.

Aber die junge Frau erzählt weiter: So fühlte ich mich viele Wochen. Ich habe ungezählte Stunden in Wartezimmern gesessen. Viele Untersuchungen wurden gemacht. Zwei Operationen musste ich über mich ergehen lassen. Immer wieder banges Warten auf Ergebnisse und den Erfolg der Eingriffe. Es waren schreckliche Monate voller Ängste. Aber ich habe auch viel menschliche Zuwendung und Zuspruch erfahren von meiner Familie, von Ärzten, Schwestern und Pflegern und auch von solchen, denen ich so viel Einfühlungsvermögen gar nicht zugetraut hätte. Mitten in dieser Zeit fing ich auch wieder an zu beten - und viel intensiver als in den guten Jahren meines Lebens. Davon ging eine große Kraft aus und sehr viel Ermutigung. Ich bin heute ganz sicher, dass mein Beten der Besserung meiner Gesundheit sehr gedient hat.

Und der Bericht der jungen Frau ist noch nicht am Ende: Inzwischen bin ich wieder ganz gesund - jedenfalls geht von der überstandenen Krankheit keine größere Gefahr mehr aus, als bei jedem anderen Menschen. Ich mache mir heute auch keine Sorgen mehr deswegen. Ich weiß jetzt, dass auch schwere Schicksalsschläge mit Gottes Hilfe überstanden werden können. Ja, ich würde sogar sagen, diese schlimme Zeit war für mein Gottvertrauen gut und hat meinen Glauben nur gestärkt. Wenn es am Anfang auch schrecklich war und mich fast zur Verzweiflung getrieben hat, so bin ich doch heute, im Rückblick auch dankbar, dass mir diese dunklen, schweren Monate nicht erspart geblieben sind.

Liebe Gemeinde, das ist sicher sehr schwer zu begreifen. Ja, den Jüngeren unter uns wird das geradezu unsinnig vorkommen: Dankbar sein für schlimme Zeit? Gestärkt durch schwere Krankheit? Da haben es die Älteren sicher leichter: Ich glaube, nicht nur einmal mussten sie das erfahren: Wie durch Abschiede von lieben Menschen alles ganz hoffnungslos geworden ist und die Trauer sich vor das Leben geschoben hat wie eine düstere Wolke. Oder wie ihnen alle Pläne zerschlagen wurden und alles so ganz anders kam, als sie sich das vorher gewünscht hatten.

Aber wie ging das weiter? Oft ist der Schmerz, die Traurigkeit bis heute geblieben. An Geburts- und Gedenktagen ist alles wieder gegenwärtig: die Erinnerung, die Wehmut, die Tränen ... Auch die begrabenen Träume und Hoffnungen kommen immer wieder einmal ans Licht und verlassen die Kammer unserer Seele, in die wir sie gesperrt haben. Manches aber ist doch verarbeitet. Manches quält uns nicht mehr. Und einige leidvolle Erfahrungen gibt es, die hatten für uns auch ihren guten Sinn. Sie haben uns innerlich gefestigt. Unser Glaube wurde erprobt und gekräftigt. Gott ist uns nicht ferner gerückt, sondern wurde spürbar und wir haben ihn und seine Macht erlebt - viel näher, viel deutlicher, als sonst.

Und die ganz Alten? Sie haben den letzten großen Krieg mitgemacht. Den Zusammenbruch eines Regimes, das 1000 Jahre währen sollte und schon nach kurzen Jahren nur Trümmer und Zerstörung hinterlassen hat. Damals musste ein ganzes Volk durch unerbittlich harte Zeiten. Und vielen war Gott in dieser Zeit verborgen und dunkel. Sie hatten jeden Glauben und jede Hoffnung verloren.

Aber vielleicht schon in den Jahren des Wiederaufbaus, vielleicht durch den erlebten Zusammenhalt der Menschen in diesen Jahren oder die persönliche Erfahrung der Heimkehr des Mannes oder des Vaters aus der Gefangenschaft bekam auch ihr Glaube wieder ein wenig Stärkung. Das Gebet wurde wieder aufgenommen. Sie fanden zum Leben und zur Hoffnung zurück. Und nur ein Jahrzehnt weiter war viel wieder aufgebaut, keiner musste mehr hungern, ein ganzes Volk hatte sich aus der Finsternis emporgearbeitet zum Licht. Die Wunden, die der Krieg auch in den Herzen geschlagen hatte, waren verheilt oder doch soweit geschlossen, dass man wieder leben und wieder lachen und fröhlich sein konnte. Das Wissen der Menschen, wem sie das verdankten und wer ihnen die Kraft dazu geschenkt hatte, war noch verbreitet und drückte sich in Worten und dem Besuch der Gottesdienste aus.

Aber was sagt uns das alles? - Was will es uns sagen?

Vielleicht dies: Das Leben mit Gott führt nicht an bösen, grausamen Erfahrungen vorbei. Ein Mensch, der Gott liebt und an ihn glaubt und auf ihn hofft, ist nicht gefeit dagegen, in tiefstes Leid und große Verzweiflung zu fallen. Das ist das eine.

Das zweite ist: Gott führt zwar nicht an ihnen vorbei, aber durch die schweren Zeiten hindurch! Das dauert kürzer oder länger und manchmal eine kleine Ewigkeit, bis es wieder hell wird. Aber es geschieht! Und oft genug können wir dann nur dankbar sein - nicht nur, dass es vorbei, sondern auch dass es gewesen ist. Die schlimme Zeit hat uns auch ein Geschenk gemacht: Festeren Glauben, stärkere Hoffnung, fröhlichere Liebe zu Gott, zum Leben und zu den Menschen ...

Das dritte schließlich ist das - und es ist vielleicht die wichtigste Botschaft dieser so hoffnunglosen und bedrückenden Verse aus dem Hiobbuch: Wir dürfen in den schweren Zeiten unseres Lebens schreien und hadern, wir dürfen Gott unsere Fragen und Klagen hinhalten, wir dürfen ihm sogar unseren Zweifel vorlegen und ihm sagen, dass uns der Glaube an ihn schwerfällt und unser Vertrauen zu ihm schwindet. Wir sollen das sogar. Das wird uns gut tun und uns helfen, durch die Leidenszeiten unseres Lebens hindurchzukommen. Wenn wir im Gebet „dran bleiben" an Gott, wird uns das früher oder später die Tür zu neuer Hoffnung und neuem Glauben öffnen.

Wie das für Hiob ausging nach der dunklen Zeit seiner Prüfung? Hören wir auf die letzten Verse des Buches: Der Herr wendete das Geschick Hiobs ... und mehrte den Besitz Ijobs auf das Doppelte. ... Der Herr aber segnete die spätere Lebenszeit Hiobs mehr als seine frühere. (Hiob 42,10ff)

Was auch immer für sie in ihrem Leben noch an Schwerem, Leidvollem geschieht, ich wünsche ihnen die Kraft, Gott auch ihr Hadern und ihre Klagen im Gebet vorzuhalten. Ich wünsche ihnen, dass die dunklen Zeiten nicht zu lang sein mögen und ich wünsche ihnen, dass Gott endlich auch ihr Geschick wendet, wie das des Hiob. AMEN