Predigt zum 20. Sonntag nach Trinitatis - 29.10.2006

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Textlesung: 1. Kor. 7, 29 - 31

Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz. Fortan sollen auch die, die Frauen haben, sein, als hätten sie keine; und die weinen, als weinten sie nicht; und die sich freuen, als freuten sie sich nicht; und die kaufen, als behielten sie es nicht; und die diese Welt gebrauchen, als brauchten sie sie nicht. Denn das Wesen dieser Welt vergeht.

Liebe Gemeinde!

Diese Verse, die da so schön und unanstößig dastehen, haben in Wirklichkeit enorme Sprengkraft! „Die Zeit ist kurz", sagt Paulus. Und was meint er damit? Dass Jesus Christus bald wiederkommt. „Denn das Wesen dieser Welt vergeht", sagt er. Und er meint nicht irgendwann, sondern sehr bald, denn eine Frau haben oder nicht, bedeutet nichts mehr. Zu weinen oder sich zu freuen ist angesichts der Kürze der verbleibenden Weltzeit ganz gleichgültig. Und kaufen und behalten spielen auch keine Rolle mehr, wenn doch schon bald die letzte Posaune ertönt.

Was aber ist die „Sprengkraft" dieser Paulusworte? Und was könnten sie für uns bedeuten?

Die christlichen Theologen streiten sich darüber, wie denn die hier eindeutig erwartete Wiederkunft Christi ausgesehen hat oder aussieht und ob sie denn stattgefunden hat oder sich bis heute verzögert. Im Islam herrscht die ziemlich einhellige Meinung, hier zeige sich, dass Jesus eben doch nur ein Prophet war und nicht der Sohn Gottes - denn er ist nicht wiedergekommen, wie er es eigentlich versprochen hatte. Und für die Atheisten, die Gottesleugner, zeigt sich genau an dieser Stelle, dass unser Christenglaube sowieso nur Lüge und Betrug ist - von Anfang an.

Dabei dreht sich im Grunde alles um die Frage, wie wir die Wiederkunft Christi in dieser Welt verstehen. Und damit verbunden geht es darum, wie Jesus selbst und wie Paulus, dessen Worte wir heute betrachten, sie gemeint bzw. verstanden haben.

Dabei wird es uns große Schwierigkeiten bereiten, herauszufinden, wie Jesus und Paulus das vor bald 2000 Jahren gesehen haben. Diese geschichtliche Sicht wird über bloße Spekulation, Vermutung und Behauptung nicht hinaus kommen. Und sehr rasch werden wir wieder dort sein, wo die verschiedenen christlichen Theologen, der Islam und die anderen Religionen oder die Atheisten stehen. Ich glaube, dass eine andere, eine mehr persönliche Sicht der Wiederkunft weiter führt!

„Persönlich" meint dabei schon einmal dies: Die Menschen, denen Jesus gepredigt und Paulus das, was er von Jesus wusste, auslegte, waren überwiegend sehr arme Leute. Wir würden heute sagen: Sie hatten nicht viel zu verlieren. In ihnen war eine große Sehnsucht nach dem neuen, herrlichen Leben, von dem das Evangelium sprach. So ist es eigentlich ganz klar, dass sie das Ende der Weltzeit und die Wiederkunft ihres Herrn für die nächste Zukunft erwarteten, ja erhofften. Genau so klar ist es, dass die Ereignisse des Weltendes für alle Menschen sichtbar, hörbar und erfahrbar sein würden und Jesus Christus, wenn er auf den „Wolken des Himmels" erscheint, endlich als den Herrn aller Welt erweisen würde.

Heute aber haben wir Christen ganz andere „persönliche" Vorstellungen von der Wiederkunft unseres Herrn. Und sie sind auch ganz unterschiedlich - je nachdem, wo wir auf dieser Erde wohnen, ob wir in Armut oder im Wohlstand leben, eine bessere oder schlechtere Ausbildung genießen durften: Gewiss liegt der Wunsch nach einer für alle Welt sichtbaren Wiederkunft Christi, die endlich den Armen und Schwachen zu ihrem Recht verhilft, in den Entwicklungsländern näher als in Mitteleuropa, wo wir unser gutes Auskommen und oft großen Luxus haben. Und umgekehrt: Wir - in Verhältnissen, die zumindest materiell keinen Grund zur Klage geben - werden das Weltende recht gut erwarten können und haben es damit sicher nicht eilig.

So hat sich bei uns auch eine Vorstellung durchgesetzt, die Jesu Wiederkunft überhaupt mehr ins persönliche Leben bzw. in die Zeit unseres Abschieds von der Welt verlegt: Jesus Christus kommt für jede und jeden Einzelne(n) dann wieder, wenn wir sterben müssen. Und wenn wir ganz ehrlich sind, ist es uns deshalb auch gar kein Problem, wenn sich Christi Erscheinen für uns noch verzögert. Außerdem verträgt sich damit der andere Gedanke ja auch recht gut, dass es über diese persönliche Wiederkunft hinaus noch am Ende aller Tage ein für alle Welt sichtbares zweites Kommen Jesu Christi geben wird. Dann wird er über die ganze Menschheit Gericht halten und Herr aller Menschen und Mächte sein.

Einmal ganz deutlich: Ich teile ausdrücklich diese Auffassung von der Wiederkunft Christi! Mehr werden wir auch niemals sagen und wissen dürfen. Aber wir können damit auch ganz gut glauben und leben. Dadurch halten wir alles offen, alles für möglich und haben doch auch einen festen Bezugspunkt für unsere persönliche Zukunft und die Zukunft der Welt.

Aber gehen wir jetzt der Frage nach, was diese Erwartung für uns Christen heute heißt.

„Die Zeit ist kurz", sagt Paulus. Und je älter wir werden, empfinden wir das doch auch immer mehr. Als Kind hat sich jeder Tag, jede Woche, jedes Jahr noch ganz anders „gedehnt" - manchmal wollten einzelne Stunden gar nicht enden. Wenn wir z.B. endlich sieben Jahre alt geworden waren, welche Ewigkeit verging doch bis zum nächsten Geburtstag!? Für Menschen in den mittleren Jahren läuft die Zeit schon wesentlich schneller: Eben noch hat man die Kleinen über der Taufe gehalten, da kommen sie schon in die Schule, werden konfirmiert, beenden ihre Ausbildung und verlassen unser Haus. Und wenn wir schon unseren Lebensabend genießen dürfen, dann dreht sich das Karussel der Jahre manchmal so schnell, dass es uns fast den Atem nimmt: Haben wir nicht eben erst Geburtstag gefeiert - schon müssen wir den nächsten planen und dazu einladen. Und an den Kirchenfesten des Jahres, Ostern, Pfingsten, Weihnachten wird es uns auch immer wieder sehr bewusst, wie rasch die Zeit dahingeht. Und wir verstehen, warum Jochen Kleppers Lied zum Jahreswechsel („Der du die Zeit in Händen hast", EG 64) vom „Flug der Zeiten" spricht und dass wir Menschen wie das Herbstlaub „im Winde treiben".

Diese Gedanken und Gefühle zur so schnell vergehenden Zeit, wollen uns zu einem anderen, wachen und verantwortlichen Umgang mit der der uns zugemessenen Spanne Leben führen. Und hier können die Worte des Paulus eine gute Hilfe sein: Eine Frau haben oder nicht, zu weinen oder sich zu freuen, kaufen und behalten und noch so manches andere hat vor dem Hintergrund der Zeit, die doch für uns einmal endet, wirklich nicht mehr die Bedeutung, die wir ihnen aber doch meist geben und zugestehen. Damit sind diese Dinge nicht abgewertet! Im Gegenteil. Ich höre da auch die Mahnung heraus, doch nur ja nicht gering davon zu denken, wenn ich eine liebe Frau, einen guten Mann haben darf. Und ich fühle mich angehalten dazu, die Freude jedes Tages zu sehen, wahrzunehmen und zu genießen! Und auch was das Kaufen und Behalten angeht, mahnt mich Paulus, das angemessen zu schätzen, dass ich Geld habe, mich mit dem Nötigen (und vielem darüber hinaus!) zu versorgen, dass ich Eigentum habe, ein Dach über dem Kopf, einen Arzt, Kleidung und so manches, was mir Zerstreuung, Erholung und Vergnügen schenkt.

Aber die andere Seite ist und bleibt, dass wir erkennen und das Leben so einrichten sollen, dass die Zeit endet. Und eben nicht irgendwann, sondern in vielleicht nur noch ein paar weiteren Lebensjahren. Und nicht für irgendwen, sondern für mich - ganz persönlich. Und ob das Ende in irgend einer ferneren oder näheren Zeit auch für die ganze Welt kommen wird, das betrifft und interessiert uns - wenn wir ehrlich sind - auf einmal überhaupt nicht mehr.

Liebe Gemeinde, was sich da jetzt vielleicht doch auch bedrohlich und beängstigend anhört, hat immer zuerst die wunderbare Verheißung, die unser Herr uns hinterlassen hat, als er damals am Himmelfahrtstag zu seinem und unserem Vater heimgegangen ist: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. (...) Und siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende."

Vergessen wir es nicht: Unser Herr ist bei uns! In allen schweren und frohen Stunden. Wenn wir uns Sorgen machen oder die schönen, beglückenden Zeiten unseres Lebens haben. ER ist bei uns mit seinem Wort. Er gibt uns Aufträge, die wir mit unseren Gaben erfüllen können. ER weiß einen Weg, wenn uns in Wochen der Krankheit oder Sorge die Kräfte ausgehen. ER bleibt in der Nähe, selbst wenn wir ihn aus unserem Leben weisen. ER tritt uns wieder zur Seite und geht weiter mit uns, wenn wir ihn bitten. ER ist erreichbar im Gebet, erfahrbar in unserem Schicksal und spürbar in seiner Hilfe. Er ist der Weg und das Ziel.

„Die Zeit ist kurz!" Nichts anderes als das hat für uns wirklich entscheidende Bedeutung! In dieser kurzen persönlichen Zeit sich schenken zu lassen, was unser Leben voll und rund macht, das ist SEIN Auftrag. So können wir ganz getrost auch dem Ende der Welt entgegenblicken, wann immer es kommt und können es gelassen erwarten, was Paulus sagt: „Denn das Wesen dieser Welt vergeht." Die Liebe unseres Herrn zu uns und wir selbst werden nicht vergehen. AMEN