Predigt zum 7. Sonntag nach Trinitatis - 30.7.2006

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Textlesung: Phil. 2, 1 - 4

Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, so macht meine Freude dadurch vollkommen, daß ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

Liebe Gemeinde!

Ist ihnen das auch aufgefallen? Diese doch sehr fragwürdige Steigerung? Als wären Ermahnung in Christus, Gemeinschaft mit seinem Geist, herzliche Liebe und Barmherzigkeit nicht genug! Als müsste und könnte das noch gesteigert werden: Die Freude des Paulus würde, wie er sagt, erst vollkommen dadurch, "...daß ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst ...!"

Wir kommen hier dem Leitthema dieses 7. Sonntags nach Trinitatis auf die Spur: "Gemeinschaft im Glauben", heißt es. Und eben haben wir gehört, dass der Apostel Paulus dazu eine ganz klare Meinung hat: Die Gemeinschaft unter uns, der gleiche Sinn, die Demut und die Achtung untereinander ist mehr als das, was der Einzelne an Ermahnung aus Christus, an Trost aus der Liebe Gottes und an Gemeinschaft aus der Beziehung mit dem Heiligen Geist empfangen kann. Oder ganz kurz aber einigermaßen provozierend gesagt: Der Geist innerhalb der Gemeinde ist wichtiger als die Glaubenserfahrungen des einzelnen Christen. - Aber ist das wirklich so? Können sie das bejahen?

Mir kamen dazu eine Menge von Gedanken, viele Erlebnisse und Gespräche in den Sinn. Das eine oder andere davon will ich einmal ansprechen:

- "Hauptsache ich habe meinen Glauben!", sagte die ältere Dame, die so lange nicht mehr in ihrer Kirche zu sehen gewesen war. Der Pfarrer hatte sie angesprochen, als er sie zufällig traf und gefragt, ob sie denn krank gewesen wäre. Nein, war ihre Antwort. Aber sie hätte kein so großes Bedürfnis nach dem Kirchgang. Glaube, so wie sie ihn verstehe, wäre mehr etwas für das Herz, ihr Herz! - Als die alte Dame nur Monate später wirklich krank und hinfällig wurde und ins Altenheim musste, fiel es keinem in der Gemeinde auf, dass sie nicht mehr da war. Im Gottesdienst, den sie ja fast nie besucht hatte, fiel es nicht auf, dass sie fehlte. Keiner hatte Kontakt zu ihr gehabt. "... macht meine Freude dadurch vollkommen, daß ihr eines Sinnes seid", sagt Paulus. "Eines Sinnes sein" kann man nur, wenn der Glaube miteinander geteilt wird im gemeinsamen Hören auf das Wort, in der herzlichen Beziehung untereinander, wie sie dem Glauben entspricht und in einem Leben, das verbunden ist mit dem der Geschwister in Jesus Christus.

- Viele russlanddeutsche Christinnen und Christen sind in den letzten beiden Jahrzehnten in unsere Städte und Dörfer gekommen. In manchen Kirchengemeinden ist es gelungen, die Fremden als Schwestern und Brüder zu integrieren, in anderen sind sie fremd geblieben, haben eigene Gemeinden gegründet, feiern ihre eigenen Gottesdienste und bleiben auch sonst für sich. Das hat gewiss viele Gründe und Ursachen. Und überall ist es auch anders gelaufen. Eins ist aber auch sicher: Oft fehlte etwas davon, das Paulus so anspricht: "... macht meine Freude dadurch vollkommen, daß ihr ... gleiche Liebe habt ..." Und da ist eben nicht die Liebe zu Gott gemeint, sondern die Liebe zueinander, in unserer Gemeinschaft, unserer Gemeinde. Eine Liebe, die auch Verständnis hat für das, was uns fremd ist: Etwa für die ganz andere Geschichte der Menschen, die zu uns kommen oder die viel größere religiöse Strenge, wie sie sich z.B. in der buchstäblichen Bibelauslegung, dem Tragen eines Kopftuchs oder dem Knien an einigen Stellen des Gottesdienstes zeigt. Und ich will das auch nicht nur der einen - unserer - Seite zuweisen. Umgekehrt fehlte der Liebe auch oft die Bereitschaft, uns zu verstehen, unsere liturgischen Formen, unsere freiere Art den Glauben an Jesus Christus zu leben.

- Eine der schlimmsten "christlichen" Untugenden dieser Zeit ist für mich die Neigung der Menschen, alles, aber auch wirklich alles nur immer von der schlechten Seite her zu sehen. Wenn einem Mitmenschen das, was er wirklich gut gemeint hat, ohne eigene Schuld schief geht, dann wird ihm nachgesagt, er hätte es nicht richtig angefangen, falsch durchgeführt oder gar von Beginn zum bösen Ausgang bringen wollen. Aber selbst wenn etwas gelingt, werden dem, der es so gut hingekriegt hat, unlautere Absichten unterstellt. Wer um Gottes Lohn etwas Hilfreiches für seine Mitmenschen tut, wird meist doch verdächtigt, er wolle sich dadurch - wenn schon nicht Geld - so doch gewiss irgendwelche Vorteile verschaffen. Wir tun uns schwer, gute und lautere Vorsätze anzuerkennen. Das Nörgeln ist uns immer näher als die ehrliche Freude über die guten Gaben der anderen. Und von Herzen loben kann in unserer Zeit kaum noch einer. Paulus aber schreibt: "... macht meine Freude dadurch vollkommen, daß ihr ... einmütig und einträchtig seid ..." Davon sind wir meist weit entfernt. Zur "Eintracht" gehören echtes Mitleid, aber auch die Mitfreude. "Einmütig sein" bedeutet auch, dem Nächsten Gutes zuzutrauen, von ihm Ehrlichkeit und redliche Absichten zu erwarten und selbst dann, wenn Fehler passieren oder etwas Unvorhersehbares geschieht, alles zum Besten zu kehren (- wie Luther uns das in seiner Erklärung zum 8. Gebot empfiehlt.).

- Eine mehr allgemeine Erfahrung mit den Christen unserer Tage ist es, dass sie oft so wenig ausstrahlen von der christlichen Gelassenheit, die wir doch eigentlich haben könnten! Wir sind doch durch Jesus gerechtfertigte Sünder. Wir sind durch ihn ein für allemal mit Gott im Reinen. Uns ist durch ihn schon die Ewigkeit verdient. Was also wollen wir in diesem Leben durch Schaffen und Schuften und am Ende gar durch unlautere Machenschaften noch mehr gewinnen? Was könnten wir dadurch, dass wir - wenn es uns doch gut geht - zu noch größerem Wohlstand kommen, mächtiger oder angesehener werden oder die Mitmenschen übervorteilen noch mehr erreichen? Von unserem Glauben her hätten wir allen Grund, so zu sein oder zu werden, wie Paulus uns sieht: "Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst ...!" Aber es kommt eben bei diesem Glauben darauf an, dass er nicht nur eine Sache zwischen Gott und mir, ein Glaube nur drinnen in meinem Herzen ist, sondern dass mein Glaube verbunden bleibt mit den anderen Menschen, dass er frei ist von allen Gedanken an Eigennutz und eigene Ehre und sich demütig und solidarisch mit den Schwestern und Brüdern im gleichen Glauben zusammenfindet zu gegenseitigem Halt und zur Hilfe in der Gemeinschaft der Gemeinde.

Vor dem Hintergrund dieser Gedanken klingt jetzt der letzte Satz des Paulus wie eine Zusammenfassung alles dessen, was er heute sagen will: "... ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient." Aber so schön das klingt und so richtig wir das auch in unserem Herzen finden - die Praxis unseres Lebens heute sieht anders aus: Da schaut jeder, wenn er nur ehrlich ist, doch lieber zuerst auf das Eigene und eben nicht nach dem, was der Mitmensch vielleicht braucht, was ihm Not ist, worüber er sich grämt und was ihm Ängste macht. Und das bringt gewiss auch unsere Zeit mit sich! Eigentlich ist es ja gar nicht zu verstehen: Noch nie ging es uns so gut wie heute. Mag auch das Leben in den letzten Jahren teurer geworden sein, die meisten von uns müssen sich nicht vor den kommenden Jahren fürchten - jedenfalls nicht, was ihr Auskommen angeht. Und trotzdem: Was uns die ganz Reichen vormachen, hat auch schon von uns Besitz ergriffen! Dass wir nämlich nicht, je besser es uns geht, um so ruhiger und gelassener werden ... Nein, unsere Sorgen werden immer größer, je weniger Sorgen wir eigentlich haben müssten! Warum ist das nur so? Es wird wohl daran liegen, dass wir immer mehr zu verlieren haben. Aber mal ganz vernünftig betrachtet: Ist das nicht im wahrsten Sinn „verrückt"? Haben sich da nicht die Befürchtungen und Sorgen nach dahin „verrückt", also verschoben, wo sie nun wirklich nicht hingehören? Finden sie es nicht auch erstaunlich, dass ganz arme Menschen auf der anderen Seite des Globus (aber auch bei uns!) mit viel mehr Zuversicht in die Zukunft schauen? Manchmal könnte man schon denken, ob es vielleicht nicht besser wäre, wir hätten nicht so viel Besitz und damit Sachen, die unser Herz befangen und uns das Vertrauen schwer machen? Denn zuletzt bleibt es doch eine Sache des Glaubens und des Gottvertrauens, ob wir uns sorgen oder ängstigen, wenn wir an Morgen denken. Und scheinbar spielt auch das eine Rolle, wie sehr uns die eigene Habe, der größerer Besitz als ihn andere haben, doch von diesen anderen und ihrer Gemeinschaft trennen. Wenn keiner wesentlich mehr hat als seine Mitmenschen, selbst wenn das wirklich wenig ist, ist die Gemeinschaft meist fester, enger, tragender und gesünder.

Ich verstehe jedenfalls jetzt, warum Paulus das sagt: „... macht meine Freude dadurch vollkommen, daß ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid ... ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient." Das einträchtige Leben in der Gemeinschaft mit anderen ist wirklich noch eine Steigerung gegenüber einer nur persönlichen Beziehung zu Gott, Jesus Christus und dem Heiligen Geist! Ist dieser persönliche Glaube die Einübung der Liebe und der Gemeinschaft, so ist das einträchtige, einmütige Leben in der Gemeinde, in der einer für den anderen da ist und jeder für den anderen sorgt und einsteht die hohe Kunst des Glaubens und der gegenseitigen Liebe.

Gott schenke uns ein Herz, das uns für diese Gemeinschaft öffnet und den Willen, in Eintracht und Liebe miteinander zu leben. AMEN