Predigt zum 2. Sonntag nach Trinitatis - 25.6.2006

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Textlesung: 1. Kor. 14, 1 - 3. 20 - 25

Strebt nach der Liebe! Bemüht euch um die Gaben des Geistes, am meisten aber um die Gabe der prophetischen Rede! Denn wer in Zungen redet, der redet nicht für Menschen, sondern für Gott; denn niemand versteht ihn, vielmehr redet er im Geist von Geheimnissen. Wer aber prophetisch redet, der redet den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung. Liebe Brüder, seid nicht Kinder, wenn es ums Verstehen geht; sondern seid Kinder, wenn es um Böses geht; im Verstehen aber seid vollkommen. Im Gesetz steht geschrieben (Jesaja 28,11-12): "Ich will in andern Zungen und mit andern Lippen reden zu diesem Volk, und sie werden mich auch so nicht hören, spricht der Herr." Darum ist die Zungenrede ein Zeichen nicht für die Gläubigen, sondern für die Ungläubigen; die prophetische Rede aber ein Zeichen nicht für die Ungläubigen, sondern für die Gläubigen. Wenn nun die ganze Gemeinde an einem Ort zusammenkäme und alle redeten in Zungen, es kämen aber Unkundige oder Ungläubige hinein, würden sie nicht sagen, ihr seid von Sinnen? Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, daß Gott wahrhaftig unter euch ist.

Liebe Gemeinde!

Sicher wissen nicht alle von uns, was das denn ist: "In Zungen reden". Es ist auch heute nicht mehr sehr verbreitet, dass wir es irgendwo einmal sehen bzw. hören könnten. Zur Zeit des Paulus war es das Erkennungszeichen mancher christlicher Gemeinden ... Aber wir sollten wirklich zuerst einmal klären, was damit eigentlich gemeint ist:

Ich habe dazu in einem bekannten Lexikon nachgeschlagen. Dort lesen wir: "Zungenrede (Glossolalie [gr.]) ist ein Sprachengebet oder ein Beten im bzw. mit dem Geist (1. Kor. 14,14-15) und bezeichnet in christlichen, religiösen Gemeinschaften das Reden oder Beten in einer Sprache, die dem Sprecher selbst unbekannt ist und das nach Überzeugung der Gläubigen unmittelbar vom Heiligen Geist bewirkt wird."
Ist es nun schon einigermaßen seltsam, dass die Zungenredner selbst das, was sie da oft lallend hervorstoßen, nicht verstehen, so ist es noch viel seltsamer, dass es in Gemeinden, die Zungenredner in ihrer Mitte hatten, immer auch solche Menschen gab, die dieses Lallen deuten konnten.

Eins ist jedenfalls deutlich: Der Apostel Paulus hat wenig davon gehalten, solche unklaren Worte an die Gemeinde zu richten und noch weniger davon, dass diese Worte dann von anderen erklärt werden mussten. Er bevorzugt die klare, für alle verständliche "prophetische Rede"! - Aber was ist nun das genau?

Ich denke, da müssen wir nicht ins Lexikon schauen. Propheten kennen wir gewiss einige. Sicher fallen uns zuerst Jesaja, Jeremia, Amos oder Hesekiel ein. Aber es gab auch noch in der Zeit Jesu Propheten, die ähnlich denen aus dem Alten Testament große Bekanntheit genossen. Als einer von ihnen gilt ja auch der Schreiber des letzten Buchs der Bibel, der Offenbarung, der Seher Johannes.

Und heute? - Da kommt eben alles darauf an, was wir eigentlich unter "prophetischer Rede" verstehen. Für mich sind alle Menschen Propheten, die auf irgend eine Weise den Willen Gottes verkündigen, ihn ihren Mitmenschen auslegen, weitersagen oder ihnen auf andere Art vermitteln, was Gott - ihrem Verständnis nach - will. Mit dieser Erklärung im Hintergrund können wir es uns jetzt ganz leicht machen: Propheten sind so gesehen alle, die Christen sein und christlich leben wollen. Wir - heute Morgen - sind also über alles Persönliche hinaus, das uns unterscheidet, doch darin gleich, dass wir alle ein prophetisches Amt haben. Denn selbst wenn wir heute in dieser - in Glaubensdingen eher verschämten - Zeit vielleicht weniger davon reden, was uns im Innersten bewegt und wichtig ist, so wird es doch aus all unseren Taten und sogar aus der Miene unseres Gesichts herausschauen, so dass es jeder spürt, was da für ein Glaube dahinter steht. "Christen müssten viel erlöster aussehen", hat einmal ein Kritiker des Christenglaubens gesagt (F. Nietzsche), und er hat Recht damit und spricht außerdem genau das an, was ich meine: Man sieht uns an, wenn uns der Glaube befreit und fröhlich gemacht hat und eine miesepetrige Art und ein verkniffener Mund zeigt den anderen Menschen eben auch, wenn das, was wir doch angeblich glauben, uns nicht verwandeln konnte. - Was hier helfen könnte? Dass wir uns immer wieder neu selbst Rechenschaft geben, was uns eigentlich an der Sache Jesu Christi wesentlich ist. Dabei ist ganz selbstverständlich, dass wir uns überhaupt (wieder) mehr mit den Gedanken und Dingen des christlichen Glaubens befassen. Der regelmäßige Kirchgang, das Gebet, das Gespräch mit den Mitchristinnen und -christen und die eigene Lektüre des Buchs der Bücher möchten uns dabei dienen.

Aber damit soll es auch zu diesem Thema genug sein. Mich hat heute noch viel mehr beschäftigt, wie oft wir doch in diesen Tagen auch selbst "ZungenrednerInnen" sind und solche, die das "Zungenreden" anderer auslegen und deuten. Dabei meine ich das jetzt im übertragenen Sinn:

Einmal sprechen wir - wenn es überhaupt einmal dazu kommt, dass wir etwas über die persönlichsten Glaubensdinge offenbaren - so, dass man wirklich seine liebe Mühe hat, es zu verstehen.

Zum anderen eilen wir uns oft - besonders wenn es um unsere Angehörigen geht - zu "übersetzen", was die wohl mit der einen oder anderen Aussage über Gott und seine Sache gemeint haben.

Aber das will ich ganz konkret sagen: Nehmen wir an, jemand fragt uns, ob wir an die Auferstehung der Toten glauben? Dann wissen wir es wohl, dass es nur die klare Alternative gibt: Ja oder nein. Was aber sagen wir?: "Es ist noch keiner zurückgekommen", vielleicht. Oder: "Genaues darüber weiß man nicht!" Das nenne ich "Zungenreden"! Es bleibt unklar, was wir eigentlich denken. Und es soll wohl auch unklar bleiben. Aber wäre es nicht besser, wir antworteten stattdessen so: "Mir fällt dieser Glaube noch sehr schwer. Ich habe so viele Abschiede nehmen müssen in meinem Leben, und es war oft so hart und ich habe so gehadert ...! Darüber ist mir der Glaube an die Auferstehung kaputt gegangen. Wie sehr wünschte ich mir, dass ich ihn wieder gewinnen könnte und auch, dass wir auferstehen und auch unsere Lieben wiedersehen!" - Ja, ich weiß, solche Sätze würde uns nicht so leicht über die Lippen kommen - auch wenn sie wahr wären! Andererseits: Das wäre vielleicht der Beginn eines guten Gesprächs mit dem, der uns gefragt hat. Der Anfang eines Austauschs guter Gedanken, die uns am Ende weiterbringen können ... zum Glauben!?

Aber noch ein Beispiel für "Zungenreden" bei uns: Eine oder einer in der Gemeinde oder in unserer Straße ist Anlass für Gerüchte und üble Nachrede. Wir beteiligen uns zwar nicht am Geschwätz, aber wir hören es und nehmen es auch auf und machen uns Gedanken dazu. Wenn da jetzt einer von uns wissen wollte, wie wir als Christin oder Christ die Gerüchteküche in unserer Gemeinde oder Nachbarschaft finden und ob das denn in Ordnung wäre, dass einem Menschen so übel mitgespielt wird, dann könnten wir sagen: "Ich will mich da heraushalten und mich lieber nicht einmischen!" Oder auch: "Was wirklich dahinter ist, weiß ich halt nicht. Es kann so oder auch so sein. Vielleicht ist es ja falsch, was viele denken, aber vielleicht geschieht ihm ja auch recht?" - Auch das ist "Reden in fremden Zungen", hier bleibt alles im Ungewissen und soll da bleiben. Besser - und ich sage jetzt auch einmal - christlicher wäre es, wir nähmen erst einmal zugunsten dessen, von dem die Gerüchte gehen an, es wäre nicht so, wie alle reden. (Luther hat das in der Erklärung zum 8. Gebot "alles zum Besten kehren"genannt.) Das zweite wäre, dass wir uns eben nicht heraushalten, sondern auf eine gute Weise einschalten und den von der üblen Nachrede Betroffenen aufsuchen und darauf ansprechen. Nicht selten werden wir dabei erfahren, dass er selbst noch gar nicht gehört hat, was man von ihm erzählt! So jedenfalls reden und handeln wir angemessen und klar. Und nur klare Rede kann auch klären.

Noch ein Wort dazu, dass wir auch selbst die "Zungenrede" anderer deuten: Wenn unser Konfirmand etwa in der Öffentlichkeit äußert, dass er gar nicht an Gott glaubt und mit dem ganzen frommen Kram eigentlich nichts Rechtes anfangen kann. Warum erklären wir dann, dass unser Konfirmand das sicher nur wegen seiner Freunde so gesagt hat, weil er nicht als fromm oder kirchlich dastehen wollte und dass er zu Hause ganz anders spricht, ja, sogar täglich betet und viel in der Bibel liest ... - Warum können wir das nicht stehen lassen und akzeptieren, wenn junge Leute erst noch ihre eigenen Erfahrungen mit Gottes Sache machen müssen und mit 14 halt noch nicht so weit sind, einen gefestigten Glauben zu haben - auch wenn Konfirmation eigentlich "Festigung" heißt.

Auch bei anderen Angehörigen kommen wir gern ins Deuten dessen, was sie sagen oder gesagt haben sollen. Das hört sich so an: Das meint mein Vater nicht so, wenn er neulich geäußert hat: Das Grab ist das Ende. Oder so: Meine Frau hat schon auch ihren Glauben. Im Augenblick hat sie halt viel mit ihrer Krankheit zu schaffen, das bestimmt bei ihr alles! - Auch zu solchem Reden müssen wir keine Erklärungen versuchen. Sie sind nicht nötig. Es ist vielmehr ganz selbstverständlich, dass alle Menschen ihre eigene Geschichte mit Gott haben. Darum ist auch ihr Glauben einer Entwicklung und einem Wandel unterworfen. Wir kennen das schließlich auch von uns selbst: Es gibt Zeiten, in denen wir gern und vorbehaltlos glauben können. In anderen Abschnitten unseres Lebens fällt uns das schwerer und wir lernen den Zweifel kennen und haben viele Fragen. Lassen wir also auch den anderen Menschen ihre eigene Entwicklung im Glauben. Etwas ganz anderes ist es, wenn wir sie auf die Fragen ansprechen, die sich in dem zeigen, was sie äußern. Da können und sollen wir ihnen helfen. Da ist auch dran, dass wir Fragen klar beantworten und unsere ehrliche Deutung der Dinge geben.

Ein letzter Gedanke wird uns von Paulus am Schluss mitgegeben: Wenn sie aber alle prophetisch redeten und es käme ein Ungläubiger oder Unkundiger hinein, der würde von allen geprüft und von allen überführt; was in seinem Herzen verborgen ist, würde offenbar, und so würde er niederfallen auf sein Angesicht, Gott anbeten und bekennen, daß Gott wahrhaftig unter euch ist.

Klares, deutliches Reden in Glaubensangelegenheiten ist nicht nur für uns Christinnen und Christen angemessen, es hat auch die Verheißung, andere Menschen neugierig auf Gottes Sache zu machen, sie so zu Gott zu führen und für den Glauben und ein Leben in seinem Sinn zu gewinnen.

Überlassen wir alles dunkle, undeutliche Sprechen von Gott und dem Glauben den Zungenrednern. Üben wir uns in der klaren prophetischen Rede, die uns von unserem himmlischen Vater anvertraut ist, "den Menschen zur Erbauung und zur Ermahnung und zur Tröstung".